Stahlbaukunst wird gewürdigt

Stahlbaukunst wird gewürdigt

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Teaserbild-Quelle: Danny Noel
Das Stahlbau Zentrum Schweiz würdigt herausragende Bauwerke, bei denen das technische Potenzial und die architektonische Ausdrucksstärke des Stahlbaus zum Tragen kommen. Die Preisträger sind an einer Ausstellung in der ETH Zürich zu sehen, danach an der Swissbau 2010 sowie an weiteren Schweizer Hochschulen.
 
 
Die Fachjury des Stahlbau Zentrums Schweiz hat fünf herausragenden Schweizer Stahlbauten den begehrten «Prix Acier» zugesprochen. Zudem vergab die Jury sieben Anerkennungen für kleinere, interessante Bauwerke. Der Europäische Stahlbaupreis «European Steel Design Award» wurde dem Stadion Letzigrund in Zürich zuerkannt. Das Stahlbau Zentrum Schweiz hat den Prix Acier zum dritten Mal ausgeschrieben. Er wird alle zwei Jahre für herausragende Bauwerke verliehen, bei denen der Baustoff Stahl als architektonisches Ausdrucksmittel eingesetzt wurde. Ziel ist die Förderung der Schweizer Stahlbaukompetenz und die Sensibilisierung für das technische Potenzial und die architektonische Ausdrucksstärke des Stahlbaus.
 
Für die Jurierung 2009 wurden insgesamt 44 Projekte eingereicht. Ausgezeichnet wurden der Baldachin auf dem Bahnhofplatz Bern; die Schulanlage Leutschenbach, Zürich; die Zentrale von Merck Serono in Genf; das IMD – Maersk Mc-Kinney Moller Center in Lausanne und die Passerelle über die Verzasca in Tenero-Contra/Gordola. Anerkennungen erhielten das Collège de la Combe in Cugy; die Sporthalle Gotthelf in Thun; die Perrondächer der Glatttalbahn am Flughafen Zürich; die Villa Chardonne in Chardonne; die Volière Bois de la Bâtie in Genf; die Paradise Street Fussgängerbrücke in Liverpool und die Metallwerkstatt Dynamo in Zürich.Die Verleihung des Prix Acier findet am 30. September statt. Gleichzeitig eröffnet das Stahlbau Zentrum Schweiz die Wanderausstellung Prix Acier 2009. Diese wurde in Zusammenarbeit mit der Architekturabteilung der ETH Zürich realisiert und wird dort bis am 29. Oktober gezeigt. Anschliessend geht die Ausstellung auf Tournee und ist an der Swissbau 2010 in Basel sowie an Schweizer Hochschulen und Architekturforen zu sehen. Sie präsentiert die insgesamt zwölf preisgekrönten und anerkannten Projekte des Prix Acier 2009 in einer spannenden räumlichen Inszenierung. Auf zwölf grossen, volumenhaltigen Stelen aus unbehandeltem Stahlblech werden die Projekte dokumentiert. Ein auf dem Boden liegender Gitterrost, ebenfalls aus unbehandeltem Stahl, fasst die einzelnen Stelen räumlich zu einem Ganzen und ist bei der Besichtigung physisch erfahrbar. Detaillierte Pläne und Erklärungen veranschaulichen die konstruktiven und ästhetischen Aspekte der Bauwerke sowie die Stahlbaukompetenz der beteiligten Firmen. Grossformatige Ausschnitte der einzelnen Objekte dienen als Blickfang für die Besucher und rücken das Material Stahl ins Zentrum.
 
Das «baublatt» stellt die mit dem Prix Acier 2009 ausgezeichneten Bauwerke vor. Die Texte wurden vom Stahlbauzentrum Schweiz zur Verfügung gestellt.
 
Baldachin, Bahnhofplatz Bern
 
Eine gläserne Welle überdacht den neuen Bahnhofplatz von Bern. Der rund 85 Meter lange und 40 Meter breite Baldachin überspannt die Haltestellen von Tram und Bus sowie einen grossen Teil des öffentlichen Platzes, der als neues Tor zur Altstadt an städtischer Prägnanz gewonnen hat. Unter der eleganten, leichten und transparenten Grossform, bleibt der Blick auf die historischen Fassaden der Stadt erhalten. Mit der Platzgestaltung wurde auch der Verkehr neu geregelt, so dass der Bahnhofplatz von einer chaotischen Verkehrskreuzung zu einer grosszügigen Flaniermeile wurde.
 
Der Baldachin ruht auf einer Tragstruktur aus sechs Kastenträgern auf insgesamt zwölf eingespannten Stahlstützen, in Querrichtung dazu verlaufen die zweifach gekrümmten Sekundärträger, welche die Dachform als Welle definieren. Zwischen diesen Sekundärträgern liegen Tertiärträger, an welchen die Punkthalterungen für insgesamt 528 Glasplatten unterschiedlicher Geometrie angebracht sind. Die Gläser werden von oben gehalten und verbinden sich zu einer hauchdünnen, geschlossenen Membran. Die mehrfache Krümmung der Dachfläche stellte hohe Anforderungen an die Präzision der Ausführung während Produktion, Transport und Montage. Das Bauwerk überzeugt durch seine zurückhaltend elegante Form und die äusserst filigrane und transparente Konstruktion in einem bedeutenden, historischen Kontext der Bundeshauptstadt. Die präzise und auf das Wesentliche reduzierte Detaillierung des Stahlbaus und seine weiche Gesamtform nehmen Bezug auf die Funktion des Platzes als hochfrequentierter, öffentlicher Ort und als einladende Geste für Ankömmlinge und Stadtbürger. Die Jury wählt das Projekt als Preisträger für den Prix Acier 2009.
 
Zentrale Merck Serono, Genf
 
Der Neubau und die Sanierung des Verwaltungsgebäudes für das Pharmaunternehmen Merck/Serono in Genf zeichnen sich durch hochtransparente Stahl-Glas-Konstruktionen in Fassade und Dach aus. Besonders hervorzuheben sind das zu öffnende Dach über dem sogenannten Forum sowie die darunterliegenden Fassadenkonstruktionen. Es handelt sich hier um das weltweit grösste zu öffnende Glasdach. Der bestehende Gebäudekomplex wurde im Zuge einer Sanierung vollständig entkernt und mit drei Neubauten ergänzt, die jedoch mit Ausnahme der letzten Etage und der Dachkonstruktion in Massivbauweise ausgeführt sind. Zwischen den Neubauten liegen weit gespannte Passerellen in Stahl sowie Treppen- und Liftanlagen. Die gesamte Dachkonstruktion in Stahl dient auch als Aufhängevorrichtung für die Stahl- und Metallfassaden des Gebäudes. Das Dach überspannt auch ein Atrium, welches vollständig verglast ist. Das Kernstück der Anlage bildet das Forum – ein 25 Meter hoher Glasbau in Form eines Viertelkreises, dessen fächerförmiges Dach sich hydraulisch öffnen lässt. Das rund 1000 Quadratmeter grosse Forumsdach ebenso wie die rund zwölf Meter hohen drehbaren Glastore und der aussenliegende Sonnenschutz sind wichtige Bestandteile des Klimakonzeptes des Gebäudes. Der Stahl- und Metallbau in diesem Projekt bleibt grösstenteils sichtbar und besticht durch die präzise und sorgfältige Detaillierung. Die meisten Haupt- und Sekundärtragelemente bestehen aus geschweissten Kastenprofilen, wobei die Schweissnähte unsichtbar sind. Stahl wirkt hier als Botschafter für Grosszügigkeit, Eleganz und Präzision. Die Konstruktion besticht durch ihre Filigranität und reagiert mit Leichtigkeit auf die hohen technischen Anforderungen.
 
Passerelle über die Verzasca, Tenero-Contra/Gordola
 
Nahe der Mündung des Flusses Verzasca in den Lago Maggiore verbindet die Passerelle die beiden Gemeinden Tenero-Contra und Gordola. Sie ist Teil eines Weg- und Brückennetzes zwischen Bellinzona und Locarno und überquert mit 120 Metern eine natürliche Flusslandschaft der Verzasca. Eine alte Steinbrücke im Verzascatal bot die formale Anlehnung für den Brückenentwurf: In Stahl auf das materielle Minimum reduziert, aber umso kräftiger und eleganter in seiner tragenden Geste.Eine Doppelwelle zeichnen zwei parallel geführte Rundrohre, die jeweils an den Brückenköpfen zusammenlaufen. Dazwischen gespannt sind sekundäre Rundrohre in K-Form – als Abstandhalter und zur Aussteifung. Die Doppelwelle berührt das Flussbett nur an einer Stelle und lagert dort auf einem Stützpunkt aus Beton auf. Die Fahrbahn aus vorgefertigen Betonelementen liegt auf einem horizontalen Stahlfachwerk auf, das an Stahlkabeln an den Bogensegmenten aufgehängt ist und gleichzeitig auf den beiden Hauptverstrebungen auflagert. Besonderes Augenmerk wurde auf die Ausbildung der Brückenköpfe gelegt, welche die Kräfte der Stahlbögen aufnehmen.Die Balustrade mit integrierter Beleuchtung folgt der Neigung zwischen Fahrbahn und Stahlbögen – die Beleuchtungselemente setzen sich in den angrenzenden Wegen fort, sodass sie mit der Überbrückung des Wassers zu einer Bewegung zusammenlaufen.
 
Schulanlage Leutschenbach, Zürich
 
Das Schulhaus Leutschenbach gehört zu den ambitioniertesten Stahlbauten der Schweiz. Sowohl als Typologie für eine Schule als auch in seiner ungewöhnlichen Tragstruktur ist es ein Experiment. Der Bau steht auf der grünen Wiese in einem ehemaligen Industriequartier von Zürich und soll dem neuen, geplanten Stadtteil zu einem selbstbewussten, urbanen Gesicht verhelfen. Die Nutzungen sind in einer möglichst kleinen Grundrissfläche zu einem 33 Meter hohen Haus gestapelt – zuoberst thront eine Dreifachturnhalle. Damit bleibt die umliegende Grünanlage möglichst unberührt, was durch die Aufhebung der optischen Grenzen zwischen Erdgeschoss und Aussenraum thematisiert wurde.Das Tragwerk besteht aus einem System von aufeinandergestellten und abgehängten Fachwerken. Zwei drei geschosshohe Fachwerkverbände lagern auf insgesamt sechs dreibeinigen, raumhohen Stützen im Erdgeschoss und tragen zwei Fachwerkverbände in Gegenrichtung, auf welchen einerseits die Turnhalle ruht und andererseits die darunterliegenden Geschosse aufgehängt sind. Damit wirken das Erdgeschoss und das vierte Obergeschoss von aussen stützenfrei. Nur eine fugenlose Glashaut trennt die Räume vom Aussenraum ab. So gibt es im ganzen Schulhaus keine massiven Wände. Die Geschossdecken sind allerdings in Beton ausgeführt und nehmen sämtliche Installationen auf, was zur haustechnischen und statischen Herausforderung wurde.Die gesamte Tragstruktur bleibt überall sicht- und erlebbar, der Verlauf der Kräfte wird deutlich offengelegt. Die Stärke dieses Beitrages liegt im innovativen Ansatz der Stapelung von unterschiedlichen Nutzungseinheiten und damit verbunden im anspruchsvollen Umgang mit der Gebäudestatik. Form und Tragwerk bilden eine Einheit, wobei der Aufwand in Konstruktion und Ausführung eher im Sinne eines Experimentes zu sehen ist.
 
IMD - Maersk Mc-Kinney Moller Center, Lausanne
 
An exklusiver Lage mit Blick auf den Lac Léman erstreckt sich der Campus des International Institut for Management Development IMD. Der jüngste Neubau der Anlage ist ein Lehrgebäude mit diversen Hörsälen und Seminarräumen. Der weisse, langgestreckte Baukörper in Stahl ruht auf einem massiven Sockelgeschoss. Die horizontale Schichtung der drei Geschosse wird durch eine Differenzierung der Fassaden thematisiert, so dass das Bauvolumen eine schwebende Leichtigkeit gewinnt. Die geometrische Präzision des Baukörpers vermittelt Strenge und Konzentration, aber auch Weite und Grösse, die sich auch im Inneren durch eine grosszügige Raumfolge von Atrium, Lichthof und Auditorien widerspiegelt. Grosse Spannweiten ermöglichen weitgehend stützenfreie Räume und einen offenen Raum- und Lichtfluss. Die Lage des grossen Auditoriums bestimmt das Tragsystem, das Spannweiten von 19 bis 58 Metern bei minimaler Deckenhöhe erlaubt und damit zu einer optimalen Raumausnutzung führt. Die leichte Skelettkonstruktion aus Lochstegträgern ist prädestiniert für die einfache und flexible Leitungsführung sowie für minimale Fundamente. Der Rohbau war in nur acht Monaten produziert und montiert. Durch die Verwendung von Recyclingstahl, die Reduktion der Massen und die Flexibilität in der Nutzung wird der Bau den Anforderungen an das nachhaltige Bauen in hohem Masse gerecht.Dieses Gebäude ist ein attraktives Beispiel für den wirtschaftlichen und ökologischen Einsatz von Stahl im Geschossbau. Obwohl das Material kaum sichtbar in Erscheinung tritt, zeugt die grosszügige Eleganz der Räume und der Lichtführung vom Potenzial der Stahlbauweise. (pd/küm)