Spitzenrasen statt Kartoffelacker

Spitzenrasen statt Kartoffelacker

Gefäss: 
Teaserbild-Quelle: Philipp Zinniker
In zwei Wochen bekommt der FC Thun ein Super-League-taugliches Stadion mit 10 000 Sitz- und Stehplätzen. Gleich daneben befindet sich das Einkaufszentrum Panorama-Center, das im September eröffnet wird.
 

Beteiligte

 
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Spielfeldplanung/Kunstrasen
BHAteam Ingenieure AG, Frauenfeld
 
 
HV-Stromschienen Doppelböden
Cellpack Power Systems AG, Villmergen
 
Vorfabrizierte Deckenelemente
Egon Elsässer Bauindustrie & Co. KG, Geisingen D
 
Bauphysiker
Gartenmann Engineering AG, Bern
 
Elektroingenieur
HEFTI. HESS. MARTIGNONI. Aarau AG, Aarau
 
Bauträgerschaft / Totalunternehmer
HRS Real Estate AG, Frauenfeld
 
Kassen
Hugo Wolf AG, Seftigen
 
Montagebau in Beton
Nägelebau GmbH, Röthis
 
Rollladen Buvette
Nyffenegger Storenfabrik AG, Huttwil
 
Bauingenieur
Ribi und Blum AG, Romanshorn und Zürich
 
Tore / Metallbau
Spiess Metall- und Torbau AG
 
Stadionsitze
Stechert Stahlrohrmöbel GmbH, Wilhermsdorf D
 
 
 
Filigran und dennoch präsent steht die neue Arena Thun ruhig inmitten der Landschaft. Zwei Wochen vor Eröffnung sind die Bau­arbeiten abgeschlossen und das ­Gebäude fertiggestellt. Vor eineinhalb Monaten sah alles noch ganz anders aus: Es wurde geschraubt, gehämmert, gepinselt und geschweisst. Unter Höchstdruck verpassten die 300 Bau­arbeiter dem neuen Fussballstadion den letzten Schliff.
 
Dabei durfte nichts schiefgehen. Schliesslich handelt es sich bei diesem Bau um ein Pres­tigeprojekt, an dem von Anfang an grosse ­Hoffnungen hingen. Der Grund: Ohne ein neues Fussballfeld hätte man den FC Thun zum ­Abstieg verurteilt, weil das alte Stadion Lachen den ­Anforderungen der Super League nicht genügt. Um aber bei den «ganz Grossen» mitspielen
zu dürfen, braucht der Klub ein Spitzenklasse-Stadion (siehe «Hintergrund»). ­Deshalb musste schnell die neue Arena Thun her. Und mit ihr auch das Einkaufszentrum ­Panorama-Center.
 
Als verantwortlicher Gesamtprojektleiter der HRS Real Estate AG ist für Omid Arami der Fussball allerdings nur nebensächlich. Sein Augenmerk richtete sich während der Abschlussphase voll und ganz auf den Baufortschritt. Denn wichtig für ihn ist allein, dass sein Fussballstadion den ­hohen Ansprüchen der späteren Besitzerin Genossenschaft Fussballstadion Thun Süd und der Betreiberin Arena Thun AG sowie der Mannschaft, Fans und Öffentlichkeit entsprechen wird.
 
Seinen Rundgang beginnt Arami jeweils draussen auf dem Platz zwischen dem Stadion und dem Einkaufszentrum. Dort verschweissen die Bau­arbeiter unter glühender Hitze die Dichtungs­bahnen mit Bitumen.
 
«Unterhalb dieses Areals befindet sich ein Teil der Tiefgarage», erklärt Arami. Damit die Betonkonstruktion des unterirdischen Parkhauses ­keinen Schaden nimmt, wird der Platz darüber abgedichtet. Zum Schluss erhält der Boden ­einen Deckbelag. Auf diesem Platz sollen später Autos und Shuttlebusse verkehren. Noch nehmen ihn aber vor allem die schweren Lastwagen, die das Baumaterial von einem Ort zum anderen transportieren, in Beschlag.
 

Grösste Photovoltaik-Anlage

Für den Migrolino-Tankstellenshop, der direkt vor dem Stadion errichtet wird, kommt ebenfalls ein Lastwagen zum Einsatz. Dieser ist mit einem Kran ausgestattet, der die für den Bau benötigten ­Holzelemente in die Luft hievt. Weil der Shop wie die Arena Thun und das Panorama-Center auch im Minergie-Standard gebaut wird, besteht seine Konstruktion aus Holz.
 
Die beiden Hauptgebäude erhalten überdies eine Photovoltaik-Anlage. Diese deckt mit einer Leistung von durchschnittlich 817 Megawatt pro Jahr den Jahresstrombedarf von 200 Haushalten. «Es ist die grösste PV-Anlage im ganzen Berner Oberland», betont Arami. Auf dem Dach des Einkaufszentrums und des Stadions werden deshalb 3588 Module auf einer Fläche von 5721 Quadratmetern montiert.
 

Weich und leicht bespielbar

Im Stadion ist währenddessen der Kunstrasen ­bereits verlegt worden. Allerdings unterscheidet sich das Spielfeld auf den ersten Blick nicht gross von einer grossen Wiese. Was fehlt, sind die weissen Markierungslinien. Die 8214 Quadrat­meter grosse Rasenfläche wurde in einzelnen Rollen geliefert. Die Linien können deshalb erst im Nachhinein gesetzt werden. Zunächst werden sie mit Spray vorgezeichnet. Danach brennen die Bauarbeiter die Markierungslinien aus. Zum Schluss werden die leeren Streifen mit einer weissen Kunstrasenfläche ausgefüllt.
 
Der Rasen selbst besteht aus 12 bis 15 Milli­metern langen, freistehenden Kunstgrashalmen, die in eine zwei Zentimeter dicke Gummi­granulat-Füllung eingearbeitet worden sind. Verlegt wird der Rasen auf einer Schicht aus Quarzsand und Elastik. Das macht den Boden besonders weich, sodass Stürze keine groben Verletzungen auslösen.
 
Weitere Vorteile des Rasens sind, dass er wasserdurchlässig und bei jedem Wetter ­bespielbar ist. Für die Mannschaft ist er ­darum ein grosses Plus, musste sie doch bis vor Kurzem im altehrwürdigen Lachen auf ­einem regelrechten Kartoffelacker ­spielen. Der ausschlaggebende Grund für die Wahl des Kunstrasens war allerdings, dass er ­multifunktional ist.
 

Ameisenhaufen im VIP-Bereich

Von der Tribüne aus sieht das Spielfeld trotz der viel beschäftigten Bauarbeiter ziemlich leer aus. Dieser Eindruck wird zusätzlich ­verstärkt, weil die Bestuhlung noch fehlt. In der VIP-Lounge geht es dafür wie in ­einem Ameisenhaufen zu und her. Von der Decke hängen überall blaue Kabel herunter. Und auf ­mehreren Leitern stehen Techniker, die an ­Lüftungsschächten schrauben. Gleich daneben streichen Maler die Wände grün an. Vom Boden sieht man noch die Holzkonstruktion, die teilweise geöffnet ist und den Blick in die Leitungen freigibt. Dort, wo die sanitären Anlagen ­entstehen sollen, beugen sich die Bauarbeiter konzentriert über Pläne.
 

Alle Verkaufsflächen vermietet

Mitten im Raum steht eine Liftsäule. Sie ver­bindet die beiden Obergeschosse des Stadions miteinander. Im ersten befindet sich die VIP-Lounge mit dem Lift. Dieser ist allerdings nicht für Menschen gedacht, sondern für Esswaren. «Im unteren Obergeschoss ist nämlich die ­Küche des Stadions eingerichtet. Sie befindet sich ­direkt unterhalb der VIP-Lounge», erklärt Arami. ­Während des Spiels können sich die VIPs ihr ­Essen direkt durch den Lift liefern und dann ­servieren lassen. Zwei Personenaufzüge, die ­neben der Treppe den Raum ebenfalls erschliessen, runden den Service für die VIPs ab.
 
In der Tiefgarage sind mittlerweile etwa zehn ­Prozent des Betonbodens erstellt. Fertiggestellt werden muss zudem noch die Lüftungsanlage. Und an den Decken sind noch nicht alle Dämmungen angebracht. Auch die Parkplatz­markierungen fehlen. Insgesamt sollen es 800 Plätze werden. Über die Garage gelangt man entweder ins Stadion oder ins Einkaufszentrum, weil es die beiden Hauptgebäude ­miteinander verbindet.
 
Im Panorama-Center ruhen die Bauarbeiten, weil gerade Mittagspause ist. Es herrscht grosse Stille. Die Rolltreppen, mit denen man in die oberen Stockwerke gelangt, sind mit weissen Blachen abgedeckt. Ins Obergeschoss gelangt man deshalb zurzeit nur über die Nottreppen­häuser. Der Blick von oben zeigt, dass sich das Panorama-Center nicht besonders gross von ­anderen Einkaufszentren unterscheidet. Die ­Einkaufsläden liegen am äusseren Rand des ­Gebäudes, und in der Mitte des Raumes befinden sich die Rollbänder.
 
Wie Arami erklärt, sind alle Verkaufsflächen ­bereits vermietet. Unter den Mietern finden sich Firmen wie Denner, Ochsner, Obi und natürlich die Migros, die durch ihre Tochter, der Liegenschafts-Betrieb AG, Eigentümerin des Panorama-­Centers ist.
 

Arami besucht Eröffnungsspiel

Übergeben werden die Flächen demnächst im Rohbauzustand, die Einrichtung ist Sache der Mieterschaft. Die HRS Real Estate AG muss ­darum besorgt sein, dass die Räume alle einen Wasseranschluss, eine Lüftung, eine Entrauchungs-, eine Sprinkler- und Brandmeldeanlage sowie eine Evakuationsanlage haben. Danach werden die Räume der Mieterschaft überlassen. Bis September ­haben die Mieter Zeit, ihre Flächen einzurichten. Am 29. September geht das Panorama-Center in Betrieb.
 
Die Eröffnung des Stadions hingegen ist auf den 9. Juli angesetzt. Als Höhepunkt ist ein Freundschaftsspiel FC Thun gegen den 1. FC Köln ­geplant. Erwartet werden zahlreiche Besucher. Unter ihnen wird auch Projektleiter Omid Arami sein, den Fussball eigentlich nicht so sehr ­interessiert. Florencia Figueroa
 
 
Hintergrund
Die Arena Thun wird zwar erst am 9. Juli ­eröffnet, einen Blick darauf haben die Spieler des FC Thun aber schon 2010 gewagt. Stolz zeigten sie sich damals in ihren roten T-Shirts, auf denen in grossen Lettern «mi si dA» und auf der Rückseite «230610» geschrieben stand. Der Spruch, insbesondere der Buchstabe «A», symbolisierte dabei zwei Aufstiege: denjenigen der Mannschaft in die Axpo Super League in der Saison 2010/11 und denjenigen des Stadions.


Abstieg abgewendet

Mit der Arena Thun erhält der Klub endlich ­wieder ein Super-League-taugliches Stadion. Das Stadion Lachen genügte den heutigen ­Super-League-Anforderungen nicht mehr. Alle Heimspiele durfte der FC Thun deshalb nur mit einer Sonderbewilligung bestreiten. Und das auch nur, weil klar war, dass ab Juli 2011 der Klub über eine neue Spielstätte verfügen wird. Die Zahl auf der Rückseite der T-Shirts deutet denn auch auf die Grundsteinlegung des neuen Stadions hin.

Umso grösser ist die Freude nun, weil klar ist, dass die Arena Thun kurz vor der Eröffnung steht. Eigens für sie hat die Gemeinde Thun die Weststrasse, den Autozubringer zur A6, von zwei auf vier Spuren erweitern lassen. Diese Strasse führt direkt zum Stadion und zum Einkaufszentrum. Aufgrund der beiden Gebäude erwartet die Gemeinde einen erhöhten Autoverkehr auf der Weststrasse. (ffi)
 
  
 

Nachgefragt bei Jost Kutter

Jost Kutter ist Architekt und Partner beim Büro Itten + Brechbühl AG.
 
Was gefällt Ihnen am meisten am ­Fussballstadion und dem Einkaufszentrum?
Das Gesamtensemble und die Integration in die Landschaft waren bei der Planung ein wesent­liches Anliegen. Beide Gebäude nehmen die Höhe der umliegenden Alleen auf und integrieren sich hervorragend in die weite Ebene. ­Einkaufszentrum, Stadion und der Berg Niesen bilden einen Platz. Dieses Phänomen macht ­dieses Ensemble einmalig und ist für uns die grösste Überraschung.
 
Es gab Stimmen, die das Fussballstadion zu schlicht fanden. Was sagen Sie dazu?
Das Stadion lebt vom Event. Das heisst, das ­Publikum bringt das Leben. Das Haus ist ein angemessener Rahmen dafür.
 
Welches war Ihr Hauptanliegen, als Sie die beiden Gebäude planten?
Typologisch einfache, gut lesbare Volumen zu erstellen. So entsteht eine Eigenständigkeit der beiden Bauten und gleichzeitig eine Gemeinsamkeit.
 
Besteht eine architektonische Verbindung zwischen den beiden Gebäuden?
Das Einkaufszentrum ist ein langer Schlitten, das Stadion ein kompakter Körper. Da beide ­Gebäude dieselbe Höhe aufweisen, dominiert ­keines der Häuser. Die reduzierte Farbigkeit und der bewusste Umgang mit Strukturen sind den beiden Häusern gemeinsam. Das Stadion als grosses öffentliches Haus spiegelt sich im Einkaufszentrum. Damit überträgt es seine Strukturen auf das Einkaufszentrum, und die Diagonalen überlagern sich mit dem strichcodeartigen Fassadenbild des Einkaufszentrums, und je nach ­Wetter und Tageszeit nehmen sich die Gebäude zurück oder erlangen eine starke Präsenz.
 
Welches waren die architektonischen ­Herausforderungen?
Die Suche nach einer Angemessenheit. Das ­Stadion als öffentliches Haus des Spektakels hat eine extrovertiertere Erscheinung erhalten – das Einkaufszentrum als Bühne für die Mieter ein zurückhaltendes, einheitliches Kleid. Trotzdem sind beide Häuser eigenständig, und ihre vergleichbaren Proportionen binden sie zusammen. (ffi)
 
 

Übrige Beteiligte

 
Bauherr Arena Thun
Genossenschaft Fussballstadion Thun Süd, Thun
 
Betreiberin Arena Thun
Stadion Thun AG, Thun
 
Bauherr Einkaufszentrum Panorama-Center
Liegenschaften-Betrieb AG, Zürich
 
Projektentwickler und Investoren
HRS Real Estate AG, Frauenfeld
Arco Real Estate Development SA, La Tour-de-Peilz
 
Architekten
Itten+Brechbühl AG, Bern
Pool Architekten, Zürich
Brügger Architekten AG, Thun