So „dübeln“ mutige Männer eine Wand

So „dübeln“ mutige Männer eine Wand

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Teaserbild-Quelle: Bild: Gabriel Diezi

Die Zeit drängt, wenn ein Felssturz eine wichtige Verkehrsachse wie die Schöllenenstrasse unterbricht: Denn die Autos sollen so rasch als möglich wieder rollen. Doch bei der Felssicherung in der Steilwand geht trotz Zeitdruck immer die Sicherheit vor.

Steil fallen die hunderte Meter hohen, verwitterten Granitwände in die Urner Schöllenenschlucht ab. Doch plötzlich klafft da mittendrin eine hellbraune, langgezogene Wunde. Die Abbruchstelle des Felssturzes ist an diesem Spätsommertag vom Helikopter aus nicht zu übersehen.

900 Kubikmeter Fels lösten sich hier am 20. Mai von der Wand, rund 350 Meter oberhalb der Passstrasse, die Göschenen mit Andermatt verbindet. Grössere Brocken donnerten in die Schlucht und einzelne Felsblöcke blieben auf der Galerie Tanzenbein liegen. Doch man hatte Glück im Unglück: Die Kunstbaute blieb weitestgehend intakt, da die Gesteinsbrocken genau auf deren Querträgern zu liegen kamen. Wie durch ein Wunder wurde niemand verletzt, auch keiner der zehn Bauarbeiter, die beim Vorfall an der Erneuerung der Strasse durch die Schöllenen gearbeitet hatten.

Andermatter Lebensader gesperrt

Kaum steht Marco Rohrer auf dem improvisierten Landeplatz oberhalb der Abbruchstelle, taucht der Helikopter wieder mit knatternden Rotoren in die Schöllenen ab. Für den Bauführer der Gasser Felstechnik AG inzwischen ein vertrautes Bild: Er leitet die Sicherungsarbeiten nach dem Felssturz seit Beginn. Von der hölzernen Plattform, die über den beiden Baucontainern des Installationsplatzes errichtet wurde, eröffnet sich einem ein spektakulärer Blick von Göschenen über die rauen Felswände der Schöllenen bis hinauf zu den Kehren der Passstrasse in Richtung Andermatt.

Zum ersten Mal stand Rohrer vier Tage nach dem Felssturz hier oben. Als es das Wetter endlich zuliess, bot ihn der Bauherr, das Bundesamt für Strassen (Astra), für eine Besichtigung vor Ort auf, zusammen mit dem eigenen Geologen und anderen Experten. Bei der Begehung der Abbruchstelle erkannten die Fachleute den Ernst der Lage sofort: Weitere 200 Kubikmeter labiler Fels drohten in Richtung Galerie abzustürzen, zumal für die nächsten Tage Regenfälle vorausgesagt waren. Und jeder Treffer durch einen weiteren grossen Felsblock, wäre für die Galerie Tanzenbein wohl einer zuviel gewesen.

Die Passstrasse zwischen Göschenen und Andermatt wurde deshalb aus Sicherheitsgründen umgehend gesperrt. Ab Pfingstmontag, dem 25. Mai war der Tourismusort im Urserental von der Nordseite her nur noch per Bahn zu erreichen. Die Länge der Strassensperre war ebenso wenig abschätzbar, wie die wirtschaftlichen Folgen für Andermatt.

Es wird vernagelt, nicht gesprengt

Als erste Phase der Sofortmassnahmen beschlossen die Verantwortlichen des Astra zusammen mit den involvierten Fachleuten, den absturzgefährdeten Felsblock so rasch als möglich provisorisch zu vernageln. Auch wenn dies einige Wochen in Anspruch nehmen würde. Gerade in Andermatt hätten das damals viele Leute nicht verstanden und eine rasche Sprengung gefordert. «Aber das bin ich mich gewohnt, bei Naturereignissen reden alle gerne mit», erzählt der ausgebildete Sprengfachmann Rohrer mit einem Schmunzeln. Die restliche, absturzgefährdete Felsmasse zu sprengen, sei aber definitiv keine Option gewesen. «Die Felsstruktur der Schöllenen gleicht einem Kartenhaus. Bei einer Sprengung wären die Risiken zu gross und die Unbekannten zu zahlreich gewesen», so Rohrer weiter.

Knochenarbeit unter Zeitdruck

Anfang Juni musste die Gasser-Mannschaft den trapezförmigen, losen Felsblock erst einmal so rasch als möglich provisorisch fixieren. Denn dieser hielt die beiden Granittürme seitlich der Abbruchstelle auf Position – fast wie der Schlussstein eines Torbogens. Im Zweischichtbetrieb, mit Start im Morgengrauen um fünf Uhr, sieben Tage die Woche, seilten sich die Bauarbeiter in die Wand ab, wo sie unter Hochdruck an der Sicherung der Wand arbeiteten.

Mit ihren Leichtbohrlafetten Mounty erstellten die Arbeiter in Knochenarbeit im äusserst harten Granit die Bohrlöcher für die acht Meter langen Swiss-Gewi-Felsnägel mit dem stattlichen Durchmesser von 50 Millimetern. Die Spezialisten versetzten dann die ungespannten Stahlanker in die 16 Bohrungen, die anschliessend mit Zementmörtel ausinjiziert wurden. Der Hang war so Mitte Juni provisorisch gesichert.

Die Autos rollen wieder

Unterhalb der Wand war die Situation hingegen noch heikel. Deshalb setzte die Gasser Felstechnik AG während der Sprengung der grösseren Felsblöcke, die in der Sturzhalde stecken geblieben waren, mehrere Überwachungsposten für die Sicherheit des eigenen Personals ein. Gemäss Auflage der Geologen waren alle Granitblöcke von mehr als einem halben Kubikmeter Grösse in kleinere Stücke zu sprengen. So sollte verhindert werden, dass ein weiterer grosser Block später auf die Galerie Tanzenbein hinunterrollen konnte.

Als Abschluss der Sofortmassnahmen befreite die Gasser-Equipe dann das Galeriedach von seiner zusätzlichen Last: Die dort liegen gebliebenen Gesteinsbrocken räumte sie ein für alle Mal aus der Gefahrenzone. Am Nachmittag des 26. Junis konnte das Astra die Passstrasse wieder für den Autoverkehr freigeben. Dank des vierwöchigen Intensiveinsatzes aller Beteiligten war die Schöllenenstrasse zwischen Göschenen und Andermatt sogar früher als geplant wieder offen. (gd)

Die ungekürzte Reportage, die auch die definitiven Felssicherungsarbeiten im Spätsommer umfasst, lesen Sie im Baublatt Nr. 37 vom 11. September.