Skyscraper-City statt einzelne Türme

Skyscraper-City statt einzelne Türme

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Teaserbild-Quelle: flickr/yeowatzup
Vittorio Magnago Lampugnani lehrt Geschichte des Städtebaus an der ETH Zürich und plante unter anderem den Novartis Campus in Basel. In einem Interview mit der „Basler Zeitung“ (BaZ) äusserte er sich zu Visionen und Realitäten des Städtebaus und präsentiert sich dabei als Realist mit Visionen.
 
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Verdichtetes Bauen mit jahrhundertealter Tradition mitten in der Wüste: die Stadt Shibam im Jemen.
 
Anlass für das Interview ist Lampugnanis soeben erschienenes Werk „Die Stadt im 20. Jahrhundert, Visionen, Entwürfe, Gebautes“. Dabei handelt es sich um zwei reich illustrierte Bände, die sich nicht nur an Architekten richtet sondern Interessierten einen Blick auf ein Stück europäische und amerikanische Ideengeschichte geben will. Damit will er ein breites und faires - wenn auch teils subjektives - Bild des 20. Jahrhunderts vermitteln und die Strömungen aufzeigen, die ihm naheliegen und jene, die ihm zuwider sind. „Die Positionen, die die Stadt im Gefolge von Le Corbusier von Grund auf erneuern wollten, sind gescheitert“, sagt Lampugnani. „Le Corbusier war der Ansicht, die alte Stadt sei eine Maschine, die nicht mehr funktioniere, die den Geist zerstöre, die Unternehmungslust abtöte. Diese Stadt müsse ausgewechselt werden, wie man eine Maschine auswechsle. Aber die Stadt ist keine Maschine.“ Lampugnani sieht sich in der Tradition derjenigen, die mit der Stadt der Vergangenheit kreativ und respektvoll umgehen, die daran glauben, dass die Stadt immer noch aus Strassen, Plätzen und Pärken besteht und sich über ihre öffentlichen Räume, über die Räume zwischen den Häusern definiert, wie er in der BaZ ausführt.

S-Bahn als Stadterweiterung

Beim von ihm geplanten Novartis Campus war aufgrund seiner besonderen Bestimmung die Trennung von Wohnen und Arbeiten vorgegeben. Der Campus ist eine Forschungsstadt. Die Läden, Restaurants, Kindertagesstätten, Fitnesscenter verschaffen dem Campus eine quasi-städtische Durchmischung, die zur Lebensqualität auf dem Areal beitragen soll. In der Siedlungsstruktur, wie sie sich in den letzten Jahrzehnten entwickelt hat, erkennt Magnago Lapugnani ein Problem in der immer besseren Erschliessung des Umfeldes der Städte. Zu den Diskussionen um eine Basler S-Bahn meint er: „Eine S-Bahn stärkt weniger die Stadt als das Umland.“ Auf jeden Fall müsse man sich genauer überlegen, welche Folgen eine S-Bahn hat. „Wenn man ein Stück S-Bahn baut, baut man ein Stück Stadterweiterung“, so Lampugnani.
 
Für Lampugnani ist die Zersiedelung eine misslungene Verbindung von Urbanität und Natur, die mit viel Mobilität erkauft werde. Weil sich dieses Ideal auf die Dauer nicht erfüllen lässt, plädiert er im Interview dafür, dass in der Stadt Urbanität herrscht und auf dem Land Natur ist. Obwohl Anhänger des Verdichtens in den Stadträumen glaubt er nicht, dass bei hiesigen Baugesetzen ein Hochhaus immer der richtige Weg ist.
 
Hochhäuser sollten in den städtischen Kontext eingebettet werden, meint Lampugnani. Es soll nicht dort gebaut werden, wo ein entsprechendes Grundstück vorhanden ist sondern dort, wo sich ein gutes Umfeld schaffen lässt. Als gelungen betrachtet er das Rockefeller Center in New York, in dessen nächster Umgebung attraktive Räume entstanden sind. In diesem Sinne ist nach Lapugnani der Zürcher Prime Tower von Zürich kein grosser städtebaulichher Gewinn: "Lieber eine Skyscraper-City als ein paar vereinzelte Türme, die irgendwo in der Landschaft herumstehen". (mai)
 
Das Buch: Vittorio Magnago Lampugnani „Die Stadt im 20. Jahrhundert, Visionen, Entwürfe, Gebautes“, 2 Bände, 960 Seiten, reich illustriert, Verlag Klaus Wagenbach, August 2010, ISBN 3803136334,  ca. Fr. 144.-