Selbstbedienungsladen Baustelle

Selbstbedienungsladen Baustelle

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Teaserbild-Quelle: Urs Rüttimann
Die Tage werden kürzer und die Finger länger: Während die Baubranche ihre Tätigkeit zurückfährt, werden Diebe aktiver. Wer sein Material nicht genügend sichert, kann böse Überraschungen erleben. Das «baublatt» zeigt, wie die Täter oft vorgehen und was Firmen dagegen tun können.
 
 
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Eine Baustelle am linken Zürichseeufer an einem späten Nachmittag: Der Abend dämmert schon und vor den Baucontainern liegen Maschinen, ein paar Paletten mit Kabeln und Farbbüchsen in Wert von 3000 Franken. Die Arbeiter sind alle noch auf den Gerüsten. Für Diebe eine willkommene Gelegenheit.
Bauunternehmungen beklagen, dass Waren am helllichten Tag abgezügelt werden. Dass die Diebe in der Nacht abgeriegelte Baucontainer aufbrechen und Maschinen, Gasflaschen und Treibstoff klauen. Die Langfinger werden immer dreister. Wer sie fernhalten will, muss sich etwas einfallen lassen.
Wie hoch der jährliche Verlust für die Schweizer Baubranche wegen Diebstahl ist, wird laut Martin Fehle vom Schweizerischen Baumeisterverband (SBV) nicht erhoben. Zu hoch sei der bürokratische Aufwand, um eine solche Zahl zu evaluieren. Und der Nutzen, den man daraus ziehen könnte, sei gleich null. «Wir vom SBV wollen präventiv aktiv sein und nicht im Nachhinein Statistik betreiben», sagt Fehle.
 

Mit roher Gewalt aufgestemmt

Laut der Kantonspolizei Zürich werden vor allem ungenügend gesicherte Baustellenlager aufgebrochen und Werkzeuge und Maschinen gestohlen. Auch sind Fälle von Trickbetrügern bekannt, die auf der Baustelle erscheinen und behaupten, ganze Materiallieferungen würden an einem anderen Ort benötigt. Die Diebe verladen dann die Ware jeweils vor den Augen der Arbeiter und transportieren diese ab, als wäre das die normalste Sache der Welt.
«Gegen Weihnachten hin nehmen die Diebstähle eindeutig zu», weiss Werkstattchef Franz Baumeler von der Bauunternehmung Anliker AG in Emmenbrücke. «Im Frühling dann gehen sie bei uns fast ganz zurück.» Der Werkstattchef spricht aus Erfahrung: Bei Anliker kommen pro Jahr Maschinen im Wert von etwa 250000 Franken weg. Bei dieser hohen Deliktsumme lohnt sich auch die Diebstahl- und Einbruchversicherung, die Anliker abgeschlossen hat. Doch nicht alle Fälle lassen sich versichern. «Einfacher Diebstahl ist leider nicht gedeckt. Kürzlich transportierten uns Diebe 400 Meter Kupferdraht im Wert von 28000 Franken ab. Diesen Schaden bezahlt uns niemand. Es müssen schon eindeutige Einbruchspuren sichtbar sein». In einem aktuellen Fall war es kein Problem, den Einbruch nachzuweisen: «Mit roher Gewalt und einem zwei bis drei Meter langen Hebeisen haben Einbrecher bei uns fünf Werkzeugcontainer, die mit einem robusten Schloss gesichert waren, aufgewuchtet», erzählt Baumeler (siehe Bilder unten). Als die Diebe die Containertüren aufgebrochen hatten, standen sie vor den Holzverschlägen, die zusätzlich Schutz hätten bieten sollen. Auch diese haben sie «abgewürgt», um ins Innere vorzustossen, wo sie sich mit Maschinen im Wert von 50000 Franken bedienten. Generell kommen bei Anliker vor allem Kleingeräte weg: «Alles bis hundert Kilo. Offenbar muss es schnell auflad- und abtransportierbar sein.»
 

Tresordepots, vergitterte Fenster

Die Maschinen nach Feierabend in eine Werkzeugkiste zu legen und diese mit dem Kran hochzuziehen wird häufig gemacht, um die Baustelle zu sichern. Für Baumeler kommt dies nicht in Frage: «Das würden wir ja noch so gerne tun, aber das ist verboten. Was, wenn einmal die Seilbremse versagt und ein Mensch befindet sich unter der Kiste?» Anliker setzt auf andere Strategien. Bei dieser Firma ist praktisch jedes Fenster vergittert, Maschinen kommen vermehrt in den Tresorcontainer, Türen werden mit einem einbruchsicheren Schloss versehen. Zusätzlich prüft Anliker zurzeit verschiedene Baustellensicherungssysteme: «Wir ziehen es in Erwägung, hochauflösende Kameras mit SMS-Fotoübertragungsmöglichkeit auf unseren Baustellen zu installieren.»
Martin Fehle vom SBV weiss, dass das Hochziehen der Werkzeuge über Nacht von Baufirmen gerne praktiziert wird. Von Gesetzes wegen sei dies nicht verboten. Jedoch gestatten es die meisten Kranhersteller nicht, Lasten an Krane zu hängen, die nicht in Betrieb sind. Die Krane müssen sich mit dem Wind bewegen können, damit sie nicht kippen. In diesem Fall könnte die hochgezogene Werkzeugkiste beispielsweise gefährlich über einer befahrenen Strasse schweben.
 

Neuester Trend: Dieselklau

«So ungeschützt wie früher kann man eine Baustelle nicht mehr lassen», sagt Christian Rösch von der Erne AG in Laufenburg. Selbst am helllichten Tag würden Maschinen von der Baustelle abgezügelt. «Da kannst du vom Mittagessen zurückkehren und deine Maschine ist weg». Zwar seien die Diebstähle bei ihnen etwas zurückgegangen, «aber zwei zünftige Einbrüche haben wir dennoch pro Jahr.» Dann würden jeweils Baracken aufgebrochen und teure Messgeräte, Bohrmaschinen, Notstromaggregate und Winkelschleifer geklaut. Das neueste Phänomen sei, dass es die Diebe auf Diesel abgesehen hätten. «Sie brechen den Tankverschluss auf und pumpen den Treibstoff ab», so Rösch. Pro Jahr kommt bei der Erne AG so eine Deliktsumme von rund 40 000 Franken zusammen. Der Schaden für die demolierte Barackentüre und die Arbeitsverzögerung ist darin nicht eingerechnet. Da sich gemäss Rösch, eine Diebstahlversicherung für die vielen Maschinen wegen der hohen Prämien nicht lohnt, bilanziert die Erne AG jährlich einen Abschreiber für Diebstahl.
Dass ein geklautes Gerät durch polizeiliche Ermittlungen oder via Reparaturservice des Herstellers wieder zum Vorschein kommt, ist sehr selten der Fall. So versucht man als Prävention, die Vibroplatten anzuketten oder Materialien in unerreichbarer Höhe zu lagern. «Wir machen den Dieben die Arbeit schwer. Die sind bequem und suchen sich schnell eine andere Baustelle», sagt Rösch von der Erne AG. Ihre Werkzeuge hätten sie, um sie unattraktiv zu machen, mit leuchtenden Erne-Aufschriften versehen.
Auch Baumaschinenhersteller haben sich zum Diebstahl ihrer Produkte Gedanken gemacht. So rüstet etwa die Firma Hilti ihre Maschinen mit einem elektronischen Diebstahlschutz aus, bei dem die Maschinen mit einem elektronischen Schlüssel vom Mitarbeiter entsperrt werden müssen. Bleiben die Geräte einen Moment unbenutzt, schaltet sich wieder die Sicherungssperre ein. Dabei ist es kaum möglich, die Maschinen aufzumachen und den Sicherheitsmechanismus auszubauen, ohne die Elektronik zu beschädigen.
 

Es den Kriminellen schwer machen

Laut der Kantonspolizei Zürich werden die entwendeten Maschinen oft in der Schweiz und dem angrenzenden Ausland weiterverkauft. Von der Existenz einer Baustellenmafia, die wie im europäischen Raum auch Bagger und grosse Fahrzeuge stiehlt, geht die Kantonspolizei Zürich nicht aus. In der Schweiz seien vor allem Einzelpersonen am Werk, denen die Kapazitäten für solch grosse Coups fehlten. Um es den Kriminellen trotzdem schwer zu machen, rät die Suva etwa, zwei Container mithilfe des Krans Tür an Tür gegeneinanderzustellen oder Paletten mit Steinen auf die Werkzeugkisten zu legen.
Feierabend auf der Baustelle am linken Zürichseeufer: Arbeiter schliessen das Material und die Maschinen in die Baucontainer. Die Nacht kommt, ausser einer Schubkarre ist nichts draussen geblieben. Es ist zu hoffen, dass sie anderntags nicht das einzige ist, was vom Werkzeugdepot noch übriggeblieben ist.
 
Von Michael Hunziker

Die Polizei rät Bauunternehmern gegen Baustellendiebstahl zu fünf Massnahmen:

-Unbekannte Personen auf der Baustelle ansprechen, nach Name und Grund des Aufenthaltes fragen.
-Notieren von Kontrollschildern und Fahrzeugmarken verdächtiger Fahrzeuge und Meldung an die Polizei (Tel. 117).
-Arbeiter orientieren, dass die Diebe auch tagsüber kommen können.
-Materialwagen genügend sichern.
-Werkzeugkisten über Nacht oder während der Wochenenden an Baukran hängen (mit Vorbehalt, Anm. d. Red.). (mgt/mh)