Schwieriges Bauen im Dorf

Schwieriges Bauen im Dorf

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Die Dörfer im Kanton Appenzell Ausserrhoden sind wegen vieler Einzonungen an den Rändern gewachsen, während die Dorfkerne mit viel alter und geschützter Bausubstanz teilweise schlecht unterhalten sind. Der Handlungsbedarf ist gross. Dies zeigt ein vor Kurzem publiziertes Streitgespräch im „Rheintaler“.
 
Mit seinem Projekt „Bauen im Dorf“ und mit dem Angebot von Hausanalysen will der Kanton etwas Gegensteuer geben. Doch der Teufel steckt im Detail. Dies macht auch ein im „Rheintaler“ veröffentlichtes Streitgespräch zwischen dem Präsidenten des Hauseigentümerverbandes Appenzell-Ausserrhoden, Ernst Bischofberger, und dem Kantonalen Denkmalpfleger Architekt Fredi Altherr klar. Appenzell-Ausserrhoden zählt 24'000 versicherte Liegenschaften, davon sind 3200, also rund 13 Prozent, geschützt. Die Problematik wird durch eine regionale Besonderheit verschärft: Die niedrigen Raumhöhen erschweren oder verhindern gar zeitgemässe Gebäudesanierungen. Die Folge: Das Interesse potenzieller Mietern und Käufer an solchen Wohnungen und Häusern hat in den letzten Jahren abgenommen.
 
Nach Meinung von Ernst Bischofberger und dem Hauseigentümer-Verband müsste die Anzahl geschützter Liegenschaften halbiert werden. Dem widerspricht Denkmalschützer Fredi Altherr - die veränderten Ansprüche könnten auch heute noch auf verschiedene Arten erfüllt werden, es gebe aber kaum Versuche dazu. Stattdessen habe man Angst vor den hohen Umbaukosten. Die Kontrahenten fanden nur in wenigen Punkten Übereinstimmung, zu unterschiedlich sind die Wahrnehmungen der Probleme.
 
Der Standpunkt von Ernst Bischofberger vom Hauseingentümerverband Appenzell Ausserrhoden:
Die Eigentümer alter Bausubstanz besitzen ihre Häuser seit Jahrzehnten. Der Markt sucht zunehmend andere Angebote. Bei alter Bausubstanz sind Wohn- und Badezimmer zu klein, ein Balkon fehlt. Viele Hausbesitzer sind sich dessen aber noch nicht bewusst. Man kann potenzielle Mieter und Käufer nicht umerziehen. Finden sie den gewünschten Komfort nicht, ziehen sie in den Nachbarkanton. Ein Umbau alter Substanz habe aber nur bedingt eine Chance, so Bischofberger. Nach einer baulichen Analyse bleiben häufig nur Dach und Wände stehen. Versetzt man nur die Böden, sieht man in der Stube nicht mehr aus dem Fenster. Also muss man die Fenster in der Fassade versetzen – und verändert so die Proportionen der Fassade. Die vorgeschriebene Isolierung macht die Räume noch kleiner. Am Ende wäre es das Beste, auch die Aussenhülle neu zu errichten.
 
Der Marktwert der Gebäude ist laut Bischofberger ein wichtiger Punkt. Hausbesitzer, die während nichts gemacht haben, sitzen heute in einem heruntergewirtschafteten Haus. Sie wissen, dass sie dafür höchstens noch den Bodenpreis bekämen.
 
Eine Lösung des Problems sieht er in der Reduktion der Anzahl Schutzobjekte. Das heisse aber nicht, dass man die Dorfkerne ausradieren müsse. Die Regierung habe vor ein paar Jahren die Gemeinden aufgefordert, die Schutzzonen zu überprüfen, mit dem Ziel, diese zu verkleinern. Doch wenig sei geschehen. Stattdessen wurde laut Bischofberger in Herisau bei der Ortsplanrevision gar ein Häuserzug neu in den Schutz aufgenommen.
 
... und der Standpunkt des Deknmalpflegers und Architekten Fredi Altherr:
 Die Häuser stammten aus dem 18. und 19. Jahrhundert, aus der Hochblüte der Textilindustrie, so Altherr. Nach dem Niedergang der Textilproduktion wurde nicht mehr investiert, sondern die Häuser wurden nur noch vererbt. Ausserdem hatten die neuen Besitzer in vielen Fällen nicht mehr denselben wirtschaftlichen Status. Zudem habe es einen Trend hin zum Wohnen an den Dorfrändern gegeben. In der Zeit, in der sich die Gemeinden nur um ihren grünen Gürtel gekümmert hätten, hätten sie die Häuser in den Dörfern vernachlässigt.
 
Altherr glaubt, dass drei Viertel aller alten Appenzeller Dorfhäuser Potenzial haben. Er schlägt beispielsweise vor, zwei Räume zusammenzufügen oder die Geschosshöhe anzuheben. Es gebe gute Beispiele dafür. Ein historisches Haus mit einer Raumhöhe von über zwei Metern könne gut umgebaut werden. Sind die Räume jedoch tiefer, habe das Haus ausgedient. Was bislang aber fehle, sei eine gelungene Lösung für den Aussenraum, so Altherr.
 
Als heikel erachtet er die Kosten. Viele der Dorfhäuser seien „herunter-gewohnt“. Die unterlassenen Investitionen ermöglichten ein günstiges Wohnen. Analysen zeigen jedoch: Der Handelswert dieser Häuser müsste heute bei null liegen. Komme man zum Schluss, dass nach der Sanierung weniger als die Hälfte der historischen Bausubstanz übrigbleibt, dann müsse man das Gebäude ersetzen. Altherr nimmt an, dass zehn bis zwanzig Prozent der Häuser müssen ersetzt werden müssten.

Nicht nur Appenzell-Ausserrhoden

Das Streitgespräch im St. Galler Tagblatt zeigt klar, dass Handlungsbedarf besteht und dass man sich dessen bewusst ist. Aber über das "Wie weiter?" wird wohl noch viel diskutiert.
 
Die Appenzeller sind mit ihren Problemen in der Schweiz nicht alleine. Auch an ganz anderen Ecken werden über fast identische Probleme diskutiert. Zum Beispiel weit weg vom Säntis, im Mendrisiotto, wo Gemeinden wie zum Beispiel Ligornetto oder Rancate mit ihrer typischen eng zusammengebauten, schattigen Dorfkern-Struktur alte geschützte Bausubstanz zerfällt, nur selten renoviert wird und um die Dörfer herum ein Neubau-Boom herrscht. (mai)