Schloss Heidelberg virtuell wieder aufgebaut

Schloss Heidelberg virtuell wieder aufgebaut

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Teaserbild-Quelle: KIT

Die malerische Ruine des Heidelberger Schlosses über der Altstadt am Neckar zählt zu den bedeutenden Renaissance-Bauwerken nördlich der Alpen und wird alljährlich von etwa 1,1 Millionen Touristen besucht. Wie die Anlage aussah, bevor ihre Mauern zerfielen, weiss Architekturhistoriker Julian Hanschke vom Karlsruher Institut für Technologie (KIT). Er hat sie in ihrer früheren Gestalt wieder auferstehen lassen – als dreidimensionale, virtuelle Rekonstruktion.

Das berühmte rote Sandsteinschloss erlebte drei grosse Bauepochen: eine gotische bis etwa 1500, einen ersten Um- und Ausbau im Stil der Renaissance sowie die wohl bedeutendste dritte Epoche. Sie dauerte von 1544 bis 1632. Während dieser Zeit wandelte sich die Burg zum ebenfalls von der Renaissance geprägten Fürstenschloss. Nachdem die Truppen des französischen Sonnenkönigs Ludwig XIV. im Zug des pfälzischen Erbfolgekriegs 1693 die Wehranlagen gesprengt hatten, wurde das Schloss zur Ruine und sollte über ein Jahrhundert später zum Inbegriff der Deutschen Romantik werden.                                              

Wo heute leere Fensterhöhlen auf das malerische Neckartal blicken und mit Efeu überwucherte Mauerreste wie Klippen schroff in den Himmel ragen, kann der Besucher mit Hilfe der Computersimulation von Julian Hanschke vom Institut für Kunst- und Baugeschichte am KIT virtuell den einst wuchtigen und später zur Hälfte weggesprengten Dicken Turm besteigen. Zudem kann man unter den Kreuzgratgewölben des Kaisersaals hindurch spazieren, den Figurenschmuck an der Fassade des an einen venezianischen Palazzo erinnernden Friedrichsbaus bewundern oder den Blick 360 Grad durch den Schlosshof des Jahres 1683 schweifen lassen.

Anhand historischer Pläne, Ansichten und Zeichnungen musste am Computer jedes Detail nachmodelliert werden. „Es ist nicht so, dass man ein paar Bilder einscannt und der Rechner den Rest erledigt“, erklärt Hanschke. Zwar ähneln sich die Arbeitsmethoden der Erbauer imaginärer Spielwelten und jener des Architekturhistorikers in gewisser Weise. Allerdings sei seine Rekonstruktion keine Fantasiewelt, sondern ein wissenschaftlich akkurater Nachbau, der bis in die kleinste Einzelheit auf historischen Quellen fusse, betont Hanschke.

Während seiner fünf Jahre dauernden Forschungs- und Rekonstruktionsarbeit konnte Hanschke auf eine Fülle von Bildquellen zurückgreifen: Vor 100 Jahren hatte es Pläne gegeben, das Heidelberger Schloss wieder aufzubauen, die aber nie umgesetzt worden waren. Für dieses Projekt hatte man damals den kompletten Baubestand dokumentiert und vermessen sowie Hunderte von Plänen gezeichnet. Bei seiner Arbeit sei es nie darum gegangen, das alte Schloss wieder aufzubauen, sagt Hanschke. Er wollte lediglich die Ergebnisse der historischen Forschungsarbeit unmittelbar erlebbar machen. Und so lassen denn die eindrucksvollen Rekonstruktionen auch für Laien sichtbar werden, wie das Heidelberger Schloss zu seinen besten Zeiten ausgesehen hat.

Die Computersimulation hat Hanschke mit einer 500 Seiten starken Publikation ergänzt, sie enthält zahlreiche Fotos und historische Ansichten und zeichnet die Schlossgeschichte ausführlich nach. (mai/mgt)

Den virtuellen Rundgang über den Schlosshof finden Sie hier: http://360.schloss-heidelberg.de/innenhof/ Bild entfernt.