Scharnier zwischen Alt und Neu

Scharnier zwischen Alt und Neu

Gefäss: 
Teaserbild-Quelle: Ben Kron
6000 Quadratmeter Gewerbefläche und 74 Wohnungen an bester Lage entstehen im «Rosengarten» in Arbon. Der Bau von Max Dudler übernimmt gleichzeitig eine Scharnierfunktion zwischen der Altstadt und der grössten Baulandreserve der Stadt.
 
 

Links zu beteiligten Firmen

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Totalunternehmer
Implenia Generalunternehmung AG, St. Gallen
 
Bauherrenvertretung Stadt Arbon
Kieliger & Gregorini AG, Wollerau
 
Montagebau in Beton
Elementwerk Istighofen AG, Bürglen TG
 
Schliessanlagen
Eugen Koch AG, St. Gallen
 
Anpassrampen / Torabdichtungen
Trapo Küng AG, Basel
 
 
 
Arbon und seine Umgebung blicken auf eine bewegte Geschichte zurück. Erst walzte die letzte Eiszeit, Würm genannt, die Landschaft platt, dann entstand ein fluvioglazial erodiertes Zungenbecken, das sich mit Wasser füllte und heute Bodensee heisst. Die südliche Seitenmoräne des Gletschers, der das Becken schuf, bildet heute das Seeufer und verhilft Arbon zu seiner idyllischen Lage. Genau diese soll der Thurgauer Gemeinde nach einer tiefen Krise nun zu neuer Blüte verhelfen.
 
Eine solche erlebte der Ort schon im 19. Jahrhundert, als er innert 50 Jahren von 600 auf über 10 000 Bewohner anwuchs und zu einem wichtigen Industriestandort wurde. Der bedeutendste Arbeitgeber waren die Saurer-Werke, die erst Industriemaschinen und bald auch Nutzfahrzeuge herstellten. Zu seinen besten Zeiten beschäftigte das Familienunternehmen über 5000 Angestellte. Doch das liegt fast so weit zurück wie die letzte Eiszeit: In den 80er-Jahren stellte Saurer die ¬Herstellung von Fahrzeugen ein. Zahlreiche Arbeitsplätze gingen dabei verloren, die Stadt ¬erlebte einen schmerzhaften Niedergang, und grosse Industrieanlagen liegen seither mehr oder weniger brach.

Neue Strasse erschliesst Bauland

Inzwischen wächst Arbon wieder, und die neue Linienführung der Kantonsstrasse soll diesenProzess beschleunigen (siehe untenstehenden Artikel): Sie wird zum einen die Altstadt vom Verkehr entlasten und somit aufwerten. Zum anderen ¬erschliesst sie das kaum mehr genutzte Saurer WerkZwei. Das ehemalige Werkareal des Lkw-Bauers, dank seiner Nähe zu See und Bahnhof attraktiv gelegen, bildet die grösste Bauland¬reserve der Stadt.
 
Den Start zu dieser erhofften neuen Blütezeit stellt ein Wohn- und Geschäftshaus mit dem sinnigen Namen «Rosengarten» dar, das eng mit dem ¬Projekt der neuen Kantonsstrasse verbunden ist. Die Zentrumsüberbauung auf dem Areal der ¬ehemaligen Kesselbaufirma König wird durch die neue Strasse erschlossen und nimmt dank ¬geografischen Lage eine Scharnierfunktion ein: Sie befindet sich zwischen Altstadt, Bahnhof, dem Zugang zu den Quaianlagen, einem Wohnquartier und dem Entwicklungsgebiet Saurer WerkZwei. «Der Bau ist ein Zeichen, wie wir uns die Stadtentwicklung wünschen», zeigt sich Stadtammann Martin Klöti begeistert. «Dem Ziel, die Stadt nach innen zu verdichten, sind wir damit einen grossen Schritt näher gekommen. Und das erst noch mit einem Gebäude von hoher architektonischer Qualität.»
 

Eine Migros und 74 Wohnungen

Der Generalunternehmer Implenia errichtet einen 130 Meter langen und 50 Meter breiten Sockelbau mit sechs unterschiedlich hohen Wohntürmen; entworfen vom renommierten ¬Architekten Max Dudler (siehe untenstehendes «Nachgefragt»). Dazu kommt eine zweigeschossige ¬unterirdische ¬Garage mit 280 Parkplätzen. Im Parterre werden die Migros und weitere Geschäfte einziehen, die im Moment noch in einem benachbarten Gebäudekomplex untergebracht sind.
 
Die sechs über dem Sockelgeschoss errichteten Punktbauten bilden zwei Hausreihen, die versetzt zueinander angeordnet sind und 74 Wohnungen beinhalten. Davon sind bereits 25 vermietet. Das Dach des Sockels wird dabei zur erhöhten Freifläche, die eine Bepflanzung mit nicht weniger als 8000 weissen Rosen erhält. «Da das Projekt ‹Rosengarten› heisst, wollten wir auch einen ¬solchen schaffen», erklärt Implenia-Projektleiter Paul Blust. Die eigens für die Überbauung ¬gezüchteten Rosen habe man dabei schon ein Jahr im Voraus bestellen müssen. «Sie können nicht in eine Gärtnerei gehen und sagen: ‹Ich hätte gern 8000 weisse Rosen!›»
 
Architektonisch nehmen die sechs Wohntürme Bezug zur umliegenden Baustruktur. Die internen Abstände zwischen den Einzelbauten und die massvollen Gebäudelängen sorgen für Durch¬lässigkeit. Wer sich auf dem Sockelgeschoss ¬zwischen den einzelnen Gebäuden bewegt, fühlt sich nie eingeengt. Auch hat man von allen
sechs Punktbauten aus eine gute Sicht auf den See oder die Altstadt.
 
Ein wichtiger Gestaltungsaspekt der Wohntürme sind die privaten Aussenbereiche der Wohnungen. Sie wurden in den Gebäudeecken als Balkons oder Loggien ausgeführt und so angeordnet, dass die künftigen Mieter trotz der Dichte der Bebauung ihre Privatsphäre haben.

Betonplatten statt Natursteine

Die Fassade der Überbauung erhält eine ein¬heitliche Materialisierung über alle Geschosse, ein wichtiges Identitätsmerkmal des Projekts. Architekt Max Dudler, der für seine Natursteinfassaden bekannt ist und vor kurzem den deutschen Naturstein-Preis 2011 erhielt, verzichtete für einmal auf sein Lieblingsmaterial. Die braungrauen Betonplatten, welche die Hülle bilden, sind immerhin auf der Oberfläche wie Natursteine gestaltet. «Wir haben in einem Steinbruch Matrizen anfertigen lassen und daraus die Platten gefertigt», so Blust. Mit diesem Vorgehen konnte der «banale» Baustoff Beton als Fassadenmaterial veredelt werden.
 
Das mit 60 Millionen Franken veranschlagte Bauvorhaben ist nicht nur architektonisch ambitiös, sondern auch in Bezug auf die Nachhaltigkeit. Die Gewerbeflächen werden nach dem Minergie-Standard gebaut, die Wohntürme nach Minergie-Eco. Als Quelle für die Wärmepumpen verwendet man eine bestehende Nutzung des Bodenseewassers via einen Contractingvertrag. Die Wohnungen erhalten eine Niedertemperatur-Bodenheizung mit individueller Raumregulierung.
 
Ein spezielles Problem stellte die Erschliessung des Rosengartens dar. Der Bau der Kantonsstrasse wird erst 2014 beendet sein. Über den Gemeindebeitrag zum Bau der neuen Strasse, immerhin 13 Millionen Franken, entschied das Arboner Stimmvolk erst Ende 2010. Zu spät, um das knapp 200 Meter lange Stück entlang der neuen Überbauung rechtzeitig zur Eröffnung fertig zu stellen: Im Dezember 2011 werden die ersten Wohnungsmieter und vor allem die
Migros einziehen, die eine Zufahrt für ihre  Lieferungen braucht. Die ¬Implenia beschloss daher, dieses Strassenstück, das den Namen Rosengartenstrasse erhält, selber zu bauen und es später dem Kanton zu verkaufen.
 
Das Risiko, dass die Arboner bei der Abstimmung den erwähnten Kredit verwerfen, war gering: Die neue Kantonsstrasse ist kaum umstritten. Die Implenia versuchte ihrerseits, die Bevölkerung möglichst umfassend zu informieren und in das Projekt Rosengarten einzubeziehen. «Alle drei Monate fand ein ‹Tag der offenen Baustelle› statt, bei dem man sich über den Stand der Bauarbeiten informieren konnte. Und zwar ohne Voranmeldung», erzählt Blust. Sowohl Überbauung als auch die neue Strassenführung sind deshalb unumstritten: Der Kredit wurde mit klarem Mehr angenommen. Ebenfalls zum ¬Erschliessungskonzept gehört eine fussgänger- und fahrradfreundliche Gestaltung mit genügend Parkplätzen für die Velos. Durch geplante verkehrstechnische Anpassungen wird auch die nahe Seepromenade einfach und sicher zu Fuss erreichbar sein.
 
Der Rohbau des Rosengartens wurde im Frühling abgeschlossen. Vor kurzem feierte man die Aufrichte, zu der über 200 Interessierte in den Neubau pilgerten. Unter ihnen Architekt Dudler samt Familie und der Diakon der katholischen Kirche Arbon, der dem Gebäude seinen Segen erteilte. Der Geistliche zeigte sich vom Bau beeindruckt und freute sich, dass es bei den ¬Arbeiten zu keinem schweren Unfall gekommen ist. «Das ist nicht selbstverständlich.»
 
Als letzte Etappe läuft im Moment der Innenausbau der Wohngebäude, der gestaffelt erfolgt. Blust ist zuversichtlich, dass der Bau im Mai 2012 abgeschlossen ist. «Wir lagen immer im Zeitplan, hatten sogar stets ein bisschen Vorsprung.» Auch die Ausführung erfolgte schweizerisch präzise: Auf eine Gebäudelänge von 130 Metern hatte man am Schluss eine Abweichung von gerade mal zwei Zentimetern. (Ben Kron)
 
 

Neue Linienführung Kantonsstrasse

Den bis zu 750 Jahre alten Stadtkern neu ¬beleben, den Individualverkehr ums Zentrum herumführen und vom Seeufer wegholen sowie brachliegende Areale nutzbar machen: Diese ambitionierten Ziele sind mit der neuen Linien¬führung der Kantonsstrasse verbunden, dem grössten Thurgauer Strassenbauprojekt der letzten Jahre.
 
Das 58 Millionen Franken teure Vorhaben sieht im Wesentlichen vor, die Strasse auf die andere Seite der Bahnlinie Romanshorn–Rorschach zu verlegen. Die neue Strasse verbindet den Stahelplatz im ¬Norden mit der Landquartstrasse und der ¬Seestrasse, auf der man ins südlich gelegene Steinach gelangt. Die neue Linienführung wird flankiert von einem Mobilitätskonzept, das eine bessere Anbindung an die Fernverkehrs¬linien, verkehrslenkende Massnahmen zur Entlastung der Wohnquartiere und die Förderung des Velo- und Fussgängerverkehrs vorsieht. Die Inbetriebnahme der Strasse ist für 2014 geplant.
 
Die Finanzierung teilen sich der Kanton Thurgau mit 19 Millionen Franken, der Bund mit 17, die Stadt Arbon mit 13 und der Kanton St. Gallen mit 5,5 Millionen. «Eine Finanzierung, die als Idealfall bezeichnet werden darf», freut sich Stadtammann Klöti. (bk)
 
 

Nachgefragt bei Max Dudler

Woher stammt der Projektname Rosengarten?
Der Projektname "Rosengarten" war von Anfang an Bestandteil des Entwurfes. Zum einen gibt die Begrünung mit Wegenetzen, Sitzplätzen und einem Spielplatz den auf dem Sockelgeschoss befindlichen Wohnbauten eine zusätzliche Qualität, zum anderen bietet sie auch den umliegenden Gebäuden einen attraktiven Ausblick auf eine gepflegte Grünanlage mitten in der Stadt.
Die Bezeichnung "Rosengarten" hat einen starken Wiedererkennungswert auch für das im Erdgeschoss befindliche Einkaufszentrum. Die Gemeinde hat diesen Namen sehr schnell angenommen, so dass sogar das Teilstück der neuen Kantonsstrasse nun "Rosengartenstrasse" heissen wird.
 
Sie verwenden oft Natursteinfassaden (und haben ja soeben den deutschen Natursteinpreis 2011 erhalten). Beim Rosengarten besteht die Fassade aus Betonplatten, deren Oberfläche wie Natursteine gestaltet sind. Wie kam es zu dieser Materialwahl?
Die Stadt Arbon schaut auf eine lange Siedlungsgeschichte bis in die Jungsteinzeit zurück. Das heutige Stadtbild ist vor allem durch die Zeugnisse der Römer geprägt. Diese waren massgeblich für die Entstehung der Steinbrüche und der Verwendung der Natursteine für Fassaden und Mauern verantwortlich.
In Anlehnung daran wird die Fassade von einer Rahmenstruktur aus Beton bestimmt deren Ausfachungen motivisch auf die geschichtlichen Ursprünge Arbons verweisen. Dabei bilden die ebenfalls in Beton ausgeführten Ausfachungen den Abguss einer Natursteinbruchwand ab und füllen im Wechsel mit grosszügigen Fensterflächen das Rahmenwerk. Die regelmässige Struktur sowie der reduzierte und abstrahierte Materialkanon schaffen Ruhe und Kontinuität ohne an Modernität einzubüssen.
 
Welches ist das generelle architektonische Konzept des Baus?
 
Der städtebauliche Ansatz des Entwurfes sieht eine „Stadtanlage“ vor, die über ein zusammenhängendes Sockelgeschoss mit sechs darüber aufgehenden Wohntürmen eine neue städtische Ebene schafft und so zur Verdichtung des Stadtzentrums beiträgt und einer Zersiedelung entgegenwirkt. Während im Erdgeschoss mit einer durchgehenden Fassade das Gesamtensemble zusammengefasst und klare stadträumliche Kanten generiert werden, nimmt die in ihren Höhen gestaffelte, aufgehende Punktbebauung den städtischen Masstab der direkten Umgebung auf.
Der südliche Kopfbau, mit sieben Geschossen der höchste der Anlage, nimmt die Höhe des benachbarten UBS-Gebäudes auf. Hier wird zusammen mit dem zweiten, sechsgeschossigen Wohnturm ein Schwerpunkt gesetzt, der den Vorplatz mit bestehender Baumgruppe rahmt.
Die vier weiteren Wohngebäude staffeln sich nach Norden auf fünf und vier Geschosse herunter und fügen sich so in den vorhandenen Massstab der umliegenden Bauten ein. Alle Wohngebäude erhalten an den Ecken Aushöhlungen und Einschnitte, die Loggien und Terrassen ausbilden. Durch das versetzte und gestaffelte Gefüge der einzelnen Punktbauten entstehen so in jeder Wohnung Durch- und Fernblicke auf den See, die Altstadt oder die Alpen. Die gleichen Qualitäten bleiben durch die offene Struktur auch für die umliegende Bebauung weiterhin erhalten. Die differenzierte Struktur von öffentlichen Bereichen, Wegenetzen und privaten Räumen findet sich somit im Kleinen in jeder Wohneinheit wie auch im Grossen auf dem Plateau des Rosengartens, und weiter im Gesamtgefüge der Stadt.
 
Wie haben Sie versucht, die Funktion des Baus als Zentrumsüberbauung, als Bindeglied zu einem noch zu entwickelnden neuen Stadtteil, zu gewährleisten?
Das Grundstück nimmt bereits heute innerhalb der Zentrumszone Arbons als Verbindung zwischen Altstadt und St. Gallerstrasse eine bedeutsame Scharnierfunktion ein. Auch im Hinblick auf die weitere Stadtentwicklung wird mit dem "Rosengarten" eine Schlüsselstelle bebaut, die den Übergang zu dem neu zu entwickelnden Stadtteil schafft.
 
Hatte es eine spezielle Bedeutung für Sie, so nahe ihrer Heimat tätig sein zu können (Altenrhein)?
Für uns ist die Auseinandersetzung mit dem europäischen Städtebau ist ein wichtiger Bestandteil unserer Arbeit. Wir realisieren europaweit Bauten. Es spielt daher vorrangig keine Rolle wo wir in Europa konkret bauen, solange wir uns mit der Geschichte des Orts befassen und darauf eingehen. Natürlich ist es trotzdem schön ein Projekt in der Nähe meiner Heimat Altenrhein realisieren zu können.
 
 Sie waren kürzlich bei der Einsegnung des Baus zugegen. Wie sind Sie mit dem Rohbau zufrieden?
Bereits jetzt im Rohbau lässt sich die Struktur des Gebäudes und die Einfügung in die umliegende Bebauung sehr gut erkennen. Auch wie die zueinander versetzten, teils gedrehten oder gespiegelten Wohntürme auf dem Sockelgeschoss Wege und Plätze entstehen lassen ist zum jetzigen Zeitpunkt schon gut erkennbar, daher sind wir mit dem Rohbau sehr zufrieden. (bk)
 
  

Übrige Beiteligte

Bauherrschaft
Implenia Bau AG, Frauenfeld
 
Architektur
Max Dudler Architekten, Zürich