Rückgrat zeigen

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Arbeitsabsenzen und verminderte Produktivität infolge von Rückenproblemen kosten die Schweizer Wirtschaft jährlich über vier Milliarden Franken. Dies zeigt eine Studie des Staatssekretariats für Wirtschaft. In den kommenden zwei Jahren werden deshalb die Arbeitsinspektorate besonders Risikofaktoren für Rückenprobleme aufs Korn nehmen.
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Bei gebückter Haltung ist Vorsicht geboten. Die Suva will die Betriebe der Schulung ihrer Mitarbeiter unterstützen.
 
Dass Rückenprobleme in der Schweiz eine «Volkskrankheit» sind, ist allgemein bekannt. Dass dies jahraus, jahrein geschätzte volkswirtschaftliche Kosten in der Grössenordnung von über vier Milliarden Franken verursacht, diese Erkenntnis ist jedoch neu. Sie beruht auf Hochrechnungen des Staatssekretariats für Wirtschaft (Seco) im Bericht «Arbeitsbedingungen und Erkrankungen des Bewegungsapparats», der vor kurzem in Bern den Medien vorgestellt wurde. Der Seco-Bericht hatte zum Zweck, Arbeitssituationen zu identifizieren, die ein erhöhtes Risiko für Beeinträchtigungen des Bewegungsapparats darstellen und die damit verbundenen wirtschaftlichen Kosten abzuschätzen. Gleichzeitig sollte der Bericht Aufschluss über jene Arbeitsbelastungen geben, bei denen aus der Sicht des Seco eine Verbesserung der Arbeitssituation erforderlich ist.

Weit verbreitet

In der Schweiz leiden laut Seco 18 Prozent der Erwerbstätigen an Rückenschmerzen, die arbeitsbedingt oder zumindest mitbedingt sind. Krankheitsbedingte Arbeitsabsenzen haben in 26 Prozent der Fälle Erkrankungen des Bewegungsapparats als Ursache. Diese verursachen gesamtschweizerisch betriebliche Kosten von jährlich knapp einer Milliarde Franken. Wo Erwerbstätige trotz Rückenproblemen weiterarbeiten, verringert sich dadurch die Produktivität. Das Seco schätzt die verlorene Produktionsleistung auf 3,3 Milliarden Franken pro Jahr. Alles in allem führen also Rückenprobleme zu jährlichen Kosten von über vier Milliarden Franken. Mangels entsprechender Daten konnten in dieser Schätzung die Kosten für Therapie, Krankenkasse, IV oder Spitalbehandlungen nicht berücksichtigt werden.
 
Mit einem Effizienzgewinn von 5,5 Milliarden Franken pro Jahr rechnet das Seco hingegen, sofern gesundheitsbelastende Arbeitssituationen mit technischen und organisatorischen Mitteln beseitigt würden. Keine Schätzungen hat das Seco zur Frage vorgenommen, wie gross der Aufwand wäre, um die Risiken von Erkrankungen des Bewegungsapparats wirksam zu reduzieren. Fest steht für das Seco: Erkrankungen des Bewegungsapparats sind mit 11 Prozent der häufigste Grund für gesundheitsbedingte Arbeitsabsenzen. «Rückenschmerzen sind eine wahre Volkskrankheit, die mit der Arbeit eng in Verbindung steht», stellte einer Medienorientierung in Bern Serge Gaillard fest, der im Seco die Direktion für Arbeit leitet. Gaillard: «Erkrankungen des Bewegungsapparats gehören zu den am meisten Verbreiteten Gesundheitsproblemen in der Arbeitswelt. Bei der letzten Schweizerischen Gesundheitsbefragung im Jahr 2007 gaben 41 Prozent der Erwerbsbevölkerung an, dass sie in den letzten vier Wochen Rücken oder Kreuzschmerzen hatten». Im Januar 2008 bezogen laut Seco über 51 000 Personen eine IV-Rente wegen «muskuloskelettaler Erkrankungen». Wenn man davon ausgeht, dass ein Teil dieser IV-Fälle durch berufliche Belastung hervorgerufen wurden, könnten wirksame Präventionsmassnahmen zu einer Verringerung der IV-Kosten beitragen. Gaillard betonte, dass es Aufgabe des Seco, der Suva und der Kantone sei, für sichere Arbeitsbedingungen zu sorgen. Deshalb gehöre die nun angelaufene Schwerpunktaktion zu den gesetzlich vorgeschriebenen Aufgaben für den Gesundheitsschutz der Arbeitnehmer. Für die Inspektionen im Baugewerbe ist dabei die Suva federführend.

Prävention notwendig

Beat Hohmann, Bereichsleiter Physik bei der Suva, schätzt, dass an rund 200 000 Arbeitsplätzen in der Schweiz Präventionsmassnahmen erforderlich sind. Er rief in Erinnerung, dass die Suva dieses Jahr erstmals Richtwerte für Lastgewichte publiziert hat: «Weil Rückenprobleme viele Absenzen und hohe Kosten verursachen, sollten nicht nur bei Kontrollen, sondern generell in den Betrieben die Belastungen des Bewegungsapparats ernst genommen und die nötigen Massnahmen getroffen werden».
 
Die Suva hat deshalb folgende Grenzwerte für Lastgewichte sowie die entsprechenden Massnahmen festgelegt:
  • Bei Lasten ab 25 Kilogramm für Männer und 15 Kilogramm für Frauen sind diese in Absprache mit den Lieferanten zu verringern. Gleichzeitig sollen Hilfsmittel wie Krane, Förderbänder und Transportkarren eingesetzt werden. Personaleinsatz und Arbeitsabläufe sind organisatorisch anzupassen und betroffene Mitarbeiter zu schulen und zu trainieren.
  • Wenn regelmässig Lasten von zwölf Kilogramm (sieben Kilogramm für Frauen) zu heben und zu tragen sind, muss eine Gefährdungsermittlung vorgenommen werden. Nicht nur das Gewicht, sondern auch die Körperhaltung und die Ausführungsbedingungen, vor allem Häufigkeit und Dauer der Belastung, spielen eine Rolle. Zur Beurteilung eignet sich der «Ergotest: Heben und Tragen» der Suva.
  • Sofern auch ohne manuellen Lastentransport Beschwerden auftreten, empfiehlt die Suva eine umfassende Beurteilung der Arbeitssituation mit dem «Prüfmittel Gesundheitsrisiken Bewegungsapparat» des Seco.
Für die Schulung der Mitarbeitenden hat die Suva eine eigens auf das Baugewerbe ausgerichtete Info-Broschüre «Hebe richtig – trage richtig» neu aufgelegt. Zudem entwickelt die Suva ein Ausbildungspaket für Berufsschulen und Betriebe, das ab 2010 zur Verfügung stehen wird. «Das Baugewerbe steht gut da», versichert Hohmann, «denn dort gelten klare Massstäbe. Was sich verbessern lässt, ist die Mitarbeiterschulung, vor allem bei Temporären». Wie hoch der Anteil der Mitarbeiter im Baugewerbe ist, die wegen Rückenproblemen arbeitsunfähig werden, kann Hohmann allerdings nicht sagen: «Die Schwelle, damit Rückenbeschwerden als Grund für Arbeitsunfähigkeit anerkannt werden, ist sehr hoch. Die Ausfallkosten entstehen primär wegen Absenzen».
 
Eine zweite im Auftrag des Seco durchgeführte Studie der Abteilung Gesundheitsforschung und Betriebliches Gesundheitsmanagement der ETH Zürich hat gezeigt, dass nicht nur übermässige Lastbeanspruchung zu Rückenproblemen führen kann. Bei Mitarbeitern, deren Arbeitszeiten sich nur schlecht mit familiären Verpflichtungen vereinbaren lassen, treten Rückenschmerzen dreimal häufiger auf als bei Mitarbeitern, deren Arbeitszeiten sich gut mit dem Privatleben vereinbaren lassen. Die Autoren der Studie haben den Zusammenhang anhand von Befragungsdaten von über 6000 Angestellten von Schweizer Grossunternehmen aus dem Dienstleistungssektor, den Gesundheitswesen und dem Transportwesen nachgewiesen. Dieses Resultat deckt sich mit den Erkenntnissen aus einem Bericht der Europäischen Stiftung zur Verbesserung der Lebens- und Arbeitsverhältnisse von 2007.
 
Zusammen mit den kantonalen Arbeitsinspektoraten und der Suva wird das Seco 2010 und 2011 den Vollzugsschwerpunkt auf die Risikofaktoren legen, die zu Rückenproblemen führen. Die Kontrollprotokolle der Arbeitsinspektoren werden mit entsprechenden Fragen zu diesen Risikofaktoren ergänzt. Gleichzeitig haben die Betriebe die Möglichkeit, eigene Kontrollen mit den Hilfsmitteln des Seco oder der Suva durchzuführen. (Massimo Diana)
 

ERGO-TEST HEBEN UND TRAGEN

Der Ergo-Test ist bei allen Tätigkeiten der manuellen Lastenhandhabung anwendbar und dient der orientierenden Beurteilung der Arbeitsbedingungen beim Heben und Tragen von Lasten. Trotzdem ist bei der Bewertung der Merkmale eine gute Kenntnis der zu beurteilenden Teiltätigkeit unbedingte Voraussetzung. Ist diese nicht vorhanden, darf keine Beurteilung vorgenommen werden. Grobe Schätzungen oder Vermutungen führen zu falschen Ergebnissen.
 
Merkmale für die Bewertung sind:
  • Lastgewicht
  • Körperhaltung
  • Ausführungsbedingungen
  • Zeiten unter Last
Anhand dieser Merkmale werden für den zu beurteilenden Hebe- und Tragevorgang Punktwerte ermittelt. Das Punktetotal ist ein Massstab für den Handlungsbedarf.