Rasumofsky radikal: Österreicher im Palazzo

Rasumofsky radikal: Österreicher im Palazzo

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Teaserbild-Quelle: Bild: Vera Subkus, zvg
Während aus gegebenem Anlass viele Medien an Hans Hollein erinnern - mitunter in fast religiöser Verehrung -, soll nicht unerwähnt bleiben, dass ein noch wenig bekannter Wiener Kollege des verstorbenen Pritzkerpreisträgers zur diesjährigen Architekturbiennale in Venedig eingeladen wurde.

Der Mann heisst Johannes Baar-Barenfels, ist Architekt und hat das Palais Rasumofsky von 1806 umgebaut. Das Kuratorium der Architekturbiennale in Venedig hält den mutigen Experimentalumbau des Palais in Wien für einen wichtigen Beitrag bei der diesjährigen Architektur Biennale: Die Arbeit des Architekten wird deshalb von 7. Juni bis 23. November 2014 in Venedig im Palazzo Bembo ausgestellt

Baar-Barenfels kommentiert seine Arbeit an dem 200 Jahre alten, geschichtlich bedeutsamen Gebäude deutlich: "Das war kein leichtes Unterfangen und kann durchaus mit einem Bau im Minenfeld verglichen werden." Vor dem Baubeginn im Jahr 2010 verhandelten Architekt und Bauherr drei Jahre mit dem Denkmalamt. Nur so konnte ein Ergebnis entstehen, dass ein Stück zeitgenössischer Architektur ist und zugleich dem historischen Gebäude gerecht wird.

Das Palais wurde 1806 nach Entwürfen des belgischen Architekten Louis Montoyer in der Zeit des Wiener Kongresses für den russischen Diplomaten, Musikmäzen und Kunstsammler Fürst Andrei Kirillowitsch Rasumofsky erbaut. Es gilt seither als das bedeutendste Empire Palais des Wiener Architektur-Erbes. 1814 brannten Teile des frei stehenden Anwesens in Wien Landstrasse ab, weshalb es grösstenteils neu erbaut werden musste. Später kam es in den Besitz der Liechtensteins, die es an den Staat erst vermieteten und dann veräusserten, wonach die Gärten parzelliert und es mit gründerzeitlichen Wohnhäusern verbaut wurde. Vor dem Zweiten Weltkrieg wohnte der bekannte österreichische Schriftsteller und Theaterkritiker Robert Musil, der in Genf beerdigt wurde, einige Jahre in den zu Wohnungen umgebauten Stallungen des Palais an der Adresse Rasumofskygasse 20, die ihrerseits zuvor eine "K. K. Oberrealschule" beherbergten. Im Krieg enstandene Schäden am Palais wurden in der Nachkriegszeit nur provisorisch behoben. 2003 ging das Palais an private Investoren.

Vor Beginn des Umbaus im Jahr 2010 wurden - unter Auslotung der Grenzen des Denkmalschutzes - alle Bauelemente, die nicht der Originalsubstanz von 1806 entsprachen, abgetragen. Diese archäologisch anmutende "Freilegung" führte dazu, dass letztlich nur vier Wände des Gartentraktes stehen bleiben konnten, um zum Ursprungsbegäude zu gelangen. Auf dieser Grundlage wurde das Gartenpalais durch den Einsatz von heutigen Materialien und zeitgenössischen Bautechniken zu einem Experimentalbau, der im krassen Gegensatz zur Opulenz von 1806 steht. Vom heutigen Garten aus betrachtet, fallen die extremen, modernen Umbauten nur wenig ins Auge. Erst bei näherem Hinsehen offenbart der Umbau seine Qualitäten.

Das neue Dach mit Aluminiumdeckung ist ein Stahlfachwerk mit einer Reihe von Vierendeel-Trägern. Der Blendschutz aus extrudierten Aluminiumlamellen zeichnet die Silhouette eines Mansarddaches nach, was sich formal stimmig in das bestehende, historische Ensemble einfügt. Bei näherem Hinsehen stellt sich jedoch heraus, dass die in einer unterschiedlichen Dichte gefügten Lamellen eine moderne Penthouse-Wohnung in einem Staffelgeschoss verbergen. So können vollwertige Nutzflächen ohne Dachschrägen geboten werden. Das Erdgeschoss wurde in eine sechs Meter hohe Galerie verwandelt. Die zwei größeren Räume wurden durch das Einfügen einer neuen zusätzlichen Ebene zwischen zwei freistehenden Betonscheiben verbunden.(tw)