Qualität geht vor Quantität

Qualität geht vor Quantität

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Die Klagen über unbesetzte Lehrstellen sind zwar regelmässig zu hören, zielen aber am wahren Problem vorbei: Die Berufsverbände legen ihren Mitgliederfirmen nahe, mehr auf die Qualität als auf die Quantität der Lehrlinge zu achten. Auf diesem Gebiet hat der Schweizerische Maler- und Gipserunternehmerverband (SMGV) Pionierarbeit geleistet.
 
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Die Qualität der Lehrlinge ist wichtiger als die Quantität.
 
Immer wieder werden in den Tagesmedien Trendmeldungen und Äusserungen von Arbeitgebern veröffentlicht, dass viele Lehrstellen in den Bauberufen nicht besetzt werden können und dass deshalb Nachwuchssorgen an der Tagesordnung sind. Das «baublatt» hat sich bei einigen Ausbildungsstätten des Bauhaupt- und Nebengewerbes umgehört. Einhelliger Tenor ist, dass sich die Zahl der unbesetzten Lehrstellen nur mit einer aufwendigen Umfrage bei allen Schweizer Berufsschulen ermitteln lässt, da dort die Anmeldungen für eine Berufsausbildung zusammenlaufen. Die Zahl der Schulabgänger, die dieses Jahr eine Lehre in einem Bauberuf in Angriff genommen haben oder dies noch tun werden ist gemäss den vom «baublatt» befragten Ausbildungsverantwortlichen meist gleich wie 2009 mit fallweisen Schwankungen nach unten und oben.
 

Stabile Lehrlingszahlen bei den Maurern

Patrik Birrer, Geschäftsführer der Maurerlehrhallen Sursee (MLS), geht davon aus, dass es heuer rund 420 Berufseinsteiger sein werden, also etwa gleich viele wie vor einem Jahr. Die seit 1972 geführte Statistik der MLS zeigt, dass die Zahl der Jungmaurer über die Jahrzehnte zwischen 300 und 600 pendelt. Die höchste Zahl wurde 1984 mit 644 verzeichnet, die tiefste 2003/2004 mit 308. Bruno Büchi, Kursleiter des Baumeisterkurszentrums Effretikon ZH hatte Ende August 110 Anmeldungen für eine Maurerlehre. Im Durchschnitt seien es zwischen 150 und 160 Berufseinsteiger im Jahr, sagte er gegenüber dem «baublatt». Bei den drei Maurerlehrhallen von Bern, Thun und Burgdorf sind nach Auskunft von Kurskoordinator Kurt Münger rund 160 Schulabgänger für eine Maurerlehre angemeldet. Dies entspricht laut Münger dem Durchschnitt der letzten Jahre, welcher zwischen 150 und 170 pendelt.
 

Beliebte Verkehrswegbauer-Lehre

An der Berufsschule Verkehrswegbauer in Sursee LU werden eine dreijährige und eine zweijährige Lehre zentral für die ganze Schweiz angeboten. Gemäss Schulleiter Urs Lütolf haben sich für die längere Ausbildung, die mit einem eidgenössischen Fähigkeitszeugnis (EFZ) abschliesst, rund 300 Schulabgänger angemeldet, etwa gleich viele wie letztes Jahr. Die kürzere Ausbildung mit Attest verzeichnet eine leichte Zunahme gegenüber dem Vorjahr. Als bemerkenswert erwähnt Lütolf, dass immer mehr Umsteiger aus anderen Berufen eine Ausbildung als Verkehrswegbauer beginnen, weil auf dem Bau die beruflichen Perspektiven besser sind. Ebenfalls zunehmend ist die Zahl der Baupraktiker, die nach Abschluss ihrer Ausbildung die Möglichkeit haben, ins zweite Jahr der dreijährigen Verkehrswegbauer-Lehre einzusteigen. 16 Baupraktiker haben laut Lütolf heuer diesen Weg gewählt. In speziellen Kursen werden sie schulisch auf die Anforderungen der Lehre vorbereitet.
 
In der Gerüstbaubranche konnten per Ende August 40 Lehrverträge abgeschlossen werden, was einem neuen Rekord entspreche, freute sich Josef Wiederkehr, Präsident des Schweizerischen Gerüstbau-Unternehmer-Verbands. Gleichwohl gebe es verschiedene Firmen, denen es nicht gelungen sei, ihre Lehrstellen zu besetzen. Da bestehe noch Potenzial. Doch bis Ende September sei der Abschluss von Lehrverträgen noch möglich.
 
Weniger Probleme, als erwartet, hatten die Holzbauunternehmungen bei der Besetzung der ausgeschriebenen Lehrstellen. Doch genaue Zahlen konnte Peter Elsasser, Bereichsleiter Bildung bei Holzbau Schweiz, noch nicht vorlegen. In den letzten Jahren sei die Zahl der Lehrlinge in der Holzbaubranche aber eher angestiegen. Gemäss BFS-Statistik wurden letztes Jahr 1034 neue Lehrverträge abgeschlossen.
 

Maler und Gipser mit neuer Strategie

Bei den Malern und Gipsern zeichnet sich eine unterschiedliche Entwicklung ab: Laut Raymund Kennel, Projektleiter Nachwuchsmarketing beim Schweizerischen Maler- und Gipserunternehmerverband (SMGV), haben 2009 1007 Jugendliche eine Maler- und 141 eine Gipserlehre begonnen. Die Zahl der Maler- und Gipserlehrlinge ist dabei etwas niedriger als im Vorjahr.
 
Während in den Tagesmedien vor allem die Nachwuchssorgen in der Baubranche thematisiert werden und seitens der Politik generell der Druck steigt, möglichst viele Lehrstellen zu schaffen, kämpfen die Berufsverbände und Ausbildungsstätten der Baubranche mit ganz anderen Herausforderungen: der steigenden Zahl schulisch schwacher Berufseinsteiger. Dies spiegelt sich unter anderem in der hohen Zahl von Prüfungsversagern bei der Abschlussprüfung von Bauberufen. Gemäss BFS-Statistik fielen 2009 bei den Zimmerleuten fast 13 Prozent der Prüflinge durch, bei den Maurern knapp 14 Prozent, bei den Malern 20 und bei den Gipsern sogar 42 Prozent. Diese Zahl sei aber bei den Gipsern allerdings zu relativieren, sagt Kennel, wenn man die Zahlen 2008 mit 27und 2010 mit 23 Prozent vergleiche.
 

Ausbildungsqualität verbessern

Der SMGV hat angesichts derartig hoher Durchfallquoten seit einiger Zeit eine neue Strategie eingeschlagen: «Wir wollen nicht möglichst viele Lehrstellen schaffen, sondern die Qualität der angehenden Berufsleute steigern», betont Kennel. Dies bedeute nicht nur eine sorgfältigere Selektion der angehenden Berufseinsteiger, sondern auch eine Verbesserung der Selektionskompetenz der Lehrbetriebe. Das Prüfungsresultat von 2010 zeige, dass die Bemühungen des Verbandes um besseren Nachwuchs langsam zu greifen scheinen. Die Durchfallsquote der Maler lag bei 18,5, jene der Gipser bei 23 Prozent.
 
Die kontinuierliche Verbesserung der Ausbildungsqualität müsse für jeden Lehrbetrieb eine Selbstverständlichkeit sein, betont Kennel. Gleichzeitig fordere das Berufsbildungsgesetz die Sicherstellung der Qualitätsentwicklung. Für Berufsfachschulen und Anbieter von überbetrieblichen Kursen gebe es bereits verschiedenste Modelle für deren Umsetzung. Für die innerbetriebliche Ausbildung gab es bis anhin nur sehr wenige Hilfsmittel zur Steigerung der Ausbildungsqualität. Der SMGV hat eine Pionierrolle übernommen und sich am Projekt «QualiCarte» (siehe Box) beteiligt. «QualiCarte» ist nichts anderes als ein Selbsttest, der einem Lehrbetrieb erlaubt, die eigene Kompetenz als Lehrmeister oder Berufsbildner einzuschätzen und zu verbessern.
 

Öffentlichkeitsarbeit intensiviert

Gleichzeitig hat der SMGV die Öffentlichkeitsarbeit verstärkt: «Bis vor zwei Jahren machten wir keine Öffentlichkeitsarbeit für Berufsbildung», räumt Kennel ein. Seit diesem Jahr bedient der SMGV rund 30 regionale Zeitungen mit bebilderten Medienmitteilungen, in denen Maler- und Gipserbetriebe vorgestellt werden, die «QualiCarte» anwenden. Der Verband stellt ausserdem seinen Maler- und Gipserbetrieben einfach handhabbare Vorlagen zur Verfügung, damit diese beispielsweise ein Berufs- und Firmenprofil als Word-Dokument selbst produzieren oder mit Textbausteinen eine Medienmitteilung zur erfolgreich absolvierten Lehrabschlussprüfung oder zu Weiterbildungen verfassen können.
Massimo Diana
 

Nachgefragt bei Raymund Kennel

«baublatt»: Es scheint, dass die Maler- und Gipserlehre für die Hälfte der Lehrlinge eine Verlegenheitslösung darstellt. Was kann Nachwuchsmarketing daran ändern?
 
Raymund Kennel: Wir sind in der nicht unglücklichen Situation, dass wir zu viele Lehrlinge ausbilden. Wenn wir zehn Lehrstellen zu besetzen haben, melden sich 100 Anwärter, vor allem für die Malerlehre. Bei den Metzgern melden sich für zehn offene Lehrstellen lediglich zwei Anwärter. Wenn wir eine Qualitätssteigerung bei den Berufseinsteigern erreichen wollen, brauchen wir nicht möglichst viele, sondern möglichst gute Lehrlinge.
 
Wenn ich Sie richtig verstanden habe, geht es also nicht darum, möglichst viele Lehrstellen zu besetzen.
 
So ist es. Es gibt ja auch materielle Gründe, weshalb Betriebe Lehrstellen ausschreiben, beispielsweise, weil Lehrlinge günstige Arbeitskräfte sind. Aber die Probleme, die man sich einhandelt, wenn man den erstbesten Anwärter einstellt, sind erheblich. Mit der Höherlegung der Einstiegshürde für eine Lehrstelle sind wir auf dem richtigen Weg. Die Qualitätssteigerung des ausgebildeten Nachwuchses ist noch nicht sichtbar. Das braucht mehrere Jahre. Wir haben alle Beteiligten für diese Problematik sensibilisiert, auch die Berufsbildungsämter. Weil wir zu viele Anwärter haben, ist unser Problem eigentlich ein Luxusproblem.
 
Die Zahl der Prüfungsversager ist bei Malern und Gipsern hoch. Braucht es da ein Nachwuchsmarketing?
 
Die Verringerung der Lehrlingszahl genügt nicht, um die anvisierte Qualitätssteigerung zu erreichen. Für letzteres braucht es gezielte Massnahmen. Aber es ist einfacher, wenn man eine Selektion vornehmen kann. Die Leute, welche wir ausbilden, müssen einen Berufsstolz haben. Es sollte nicht so sein, wie wir in einer Umfrage bei Lehrlingen des dritten Lehrjahrs festgestellt haben, dass diese, wenn sie könnten, einen anderen Berufsweg einschlagen würden. Die Zahl der Lehrlinge, die den Beruf nach Abschluss der Lehre wechseln möchten, ist hoch.
 
Wie hat sich die Zahl der Berufseinsteiger bei Malern und Gipsern in den letzten Jahren entwickelt?
 
Ab 1997 stieg die Zahl der Malerlehrlinge gesamtschweizerisch von etwas mehr als 800 auf rund 1100. Bei den Gipsern kletterte die Zahl von 100 auf zwischenzeitlich 180, im Moment ist der Stand bei etwa140.
 
Ist die Zahl der aufgelösten Lehrverträge in den letzten Jahren gestiegen?
 
Ja. Wir haben verhältnismässig viele Auflösungen im zweiten und dritten Lehrjahr, weil die halbjährliche Standortbestimmung nicht vorgenommen wird.
 
Was hat es für Folgen für die Branche, wenn derart viele Lehrlinge bei der Abschlussprüfung durchfallen oder die Lehre abbrechen?
 
Letztes Jahr hatten wir bei den Gipsern eine Durchfallquote von 42 Prozent. Bei den 58 Prozent «bestandenen» waren aber zahlreiche Repetenten. Dieses Jahr lag die Durchfallquote bei den Gipsern bei 23 Prozent. Ob dies bereits ein Hoffnungsschimmer ist, sei dahingestellt. Eine hohe Durchfallquote beeinflusst natürlich das Erscheinungsbild unserer Berufe. Zwei Drittel der Kunden eines Malers sind Privatpersonen. Was für einen Eindruck hinterlässt da ein Berufsmann, der weder kommunizieren noch rechnen kann? In der Berufsfachschule reicht das Spektrum der Schüler von «Joggeli» bis zum Genie. Wie wollen Sie solche Klassen führen? Deshalb haben wir auch Schwierigkeiten, Berufsschullehrer zu finden.
 
Wie gut ist der «basic-check» als Rekrutierungsinstrument in der Maler- und Gipserbranche etabliert?
 
Der «basic-check» ist eine Bestandesaufnahme der schulischen Leistungen. Der Vorteil ist, dass dieser für alle Kantone gleich ist und damit eine einheitliche Beurteilung eines Kandidaten ermöglicht. Die kantonalen Abschlusszeugnisse sind ja derart unterschiedlich abgefasst, dass ein einheitliches Beurteilungsinstrument notwendig wurde. In gewissen kantonalen Zeugnissen werden nicht einmal mehr die Absenzen vermerkt. Wir erwarten von einem Lehrlingsanwärter, dass er uns diesen «basic-check» vorlegt. Wir sind der einzige Berufsverband, der den «basic-check» geeicht hat.
 
«QualiCarte» ist ein Selbsttest, mit dem Lehrbetriebe ihre Kompetenz als Lehrmeister überprüfen können. Welche Idee steckt dahinter?
 
Es gibt keinen Test, der die Qualität eines Berufsbildners ausweist. «QualiCarte» wurde vom Bundesamt für Berufsbildung und Technologie BBT entwickelt und ist das einzige Instrument, dass einem Ausbildner erlaubt, datengeschützt sich selbst zu beurteilen und den Spiegel vorgehalten zu bekommen. Wie eifrig «QualiCarte» genutzt wird, kann ich nicht sagen, da das Verfahren absolut geschützt ist und deshalb auch keine Statistik geführt wird.
 
Als Lehrmeister kann ich also den Test online machen und erhalte sofort eine Auswertung?
 
Genau, samt Einschätzung des Verbesserungspotenzials. Wenn Sie den Test ein Jahr später wiederholen, werden die neuen Resultate mit den früheren verglichen. Wir haben im Verband lange überlegt, wie wir unsere Lehrmeister dazu bringen, «QualiCarte» zu nutzen, denn gut zureden nützt bekanntlich wenig, wenn man von der täglichen Arbeit absorbiert ist. Wer den «QualiCarte»-Test macht, wird in unserer Öffentlichkeitsarbeit erwähnt. Dieses Geben und Nehmen kommt gut an.
 
Wie funktioniert die Online-Rückmeldung der Bewertung und Verbesserungsmassnahmen bei «QualiCarte»?
 
Die Rückmeldungen werden automatisch generiert.
 
Wann wurde «QualiCarte» eingeführt und was hat sie bis jetzt bewirkt?
 
Eingeführt wurde sie mit Anfang dieses Jahres. Wir können nicht kontrollieren, wer «QualiCarte» nutzt. Doch unsere Betriebe vertrauen uns und wissen, dass wir mit diesen Hilfsmitteln den Ruf der Branche verbessern wollen. Jene Betriebe, die wir mit unserer Öffentlichkeitsarbeit berücksichtigen, haben praktisch keine Lehrlinge, die bei der Prüfung durchfallen oder den Lehrvertrag vorzeitig auflösen. Ausserdem: Wer als Lehrmeister von potenziellen Lehrlingen den «basic-check» verlangt, bekommt meist auch die besten Lehrlinge. Allerdings verlangen bisher nur schätzungsweise 30 bis 40 Prozent der Betriebe konsequent diesen Test als «Eintrittsticket». (md)