Preise, so klar wie Coca-Cola

Preise, so klar wie Coca-Cola

Gefäss: 
Wir sind zurzeit daran, für die Strassenbauer, Grundbauer, Gleisbauer, Pflästerer sowie Industrie- und Unterlagsbodenbauer neue Informationsbroschüren zu erstellen. In diesem Zusammenhang hatte ich mich am Stadtrand Zürichs mit einem Gleisbaupolier zu einem Interview verabredet. Weil ich dank unerwartet wenig Stadtverkehr etwas früher da war, setzte ich mich in ein nahes Restaurant. Das Restaurant war etwas heruntergekommen und hatte weder Charme noch Stil. Doch Alternativen waren keine in Sicht. Coca-Cola ist überall Coca-Cola.
 
Ich setzte mich also hin und bestellte mir eine Coca-Cola. Die Überraschung erlebte ich, als mir die Rechnung präsentiert wurde: 6.50 Franken! Diesen Preis bin ich, der ansonsten in eher durchschnittlichen Gasthäusern verkehrt, nicht gewohnt. «Wucher! Halsabschneider!», dachte ich. Und zahlte dann trotzdem.
 
Was eine Coca-Cola in etwa kosten darf, dafür haben wir ein ziemlich verlässliches Gefühl. Je nach Aussicht, Höhenlage oder Rahmenprogramm kann es mal mehr, mal weniger sein. Bei anderen Produkten ist der Preis gefühlsmässig fast immer zu hoch. Der Preis für die Mobilität zum Beispiel. 92 Franken für eine Zugfahrt im 2.-Klasse-Abteil von Bern nach Zürich und zurück? Sacketeuer! 40 Franken für die Autobahnvignette? Abriss! Ende Jahre steigen die Billettpreise um weiter knapp sechs Prozent. Und die Vignette soll bald 100 Franken kosten. Wofür eigentlich? Was bekommen wir dafür?
 
Die Verkehrsfinanzierung in der Schweiz ist so komplex und verwirrend, dass den meisten jegliches Preissensorium dafür abhanden gekommen ist. Womit sollen wir die Preise auch vergleichen? Wir haben nur eine Bahnstrecke und eine Strasse. Hinzu kommt, dass beim Verkehr nicht nur derjenige bezahlt, der selber unterwegs ist. Der öffentliche Verkehr finanziert sich zu einem beachtlichen Teil aus Steuergeldern, LSVA und Treibstoffzöllen. Gemeindestrassen werden mit allgemeinen Steuergeldern bezahlt. Zudem sind die Preise nicht von Angebot und Nachfrage, sondern stark von der Politik gesteuert.
 
Kurz: Die Schweizer Verkehrsfinanzierung ist etwa so klar und durchsichtig wie eine Coca-Cola in einer schmuddeligen Quartierbeiz. Nicht von ungefähr fordern Verbände und Politiker, dass die Preise für die Mobilität endlich einfacher, transparenter und fairer werden müssen. Ob die Autofahrer und ÖV-Benützer dadurch ein besseres Preisgefühl bekommen, ist jedoch zu bezweifeln. Der Mensch glaubt nur zu gerne, dass ihn jemand übers Ohr hauen will. Das gilt für Bahnfahrer wie Automobilisten und mitunter selbst für Bauherren. Oder haben Sie schon mal versucht, einen Bauherrn davon zu überzeugen, dass die Bauunternehmen auch bei guter Wirtschaftslage nicht unbedingt Traummargen erwirtschaften?
 
Bauaufträge, Fahrkarten oder Süssgetränk: Oft weisst man nicht wirklich, welcher Preis der richtige ist. Meinen Durst lösche ich künftig anderswo. Vielleicht auch nicht mit Coca-Cola.
 
Matthias Forster, stellvertretender Geschäftsführer des Fachverbands Infra