Perfekte Verbindung von Rasen und Eis

Perfekte Verbindung von Rasen und Eis

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Teaserbild-Quelle: Bilder: Jeremy Damon

Anfang September 2015 wurde der aufsehenerregende neue Stadionbau der Stadt Biel eröffnet: die Tissot Arena. Das multifunktionale Sport- und Eventzentrum vereint mit überzeugendem Konzept verschiedenste Nutzungsmöglichkeiten unter einem Dach: Eishockey, Fussball, Curling, Fitness, Kino und Shopping.

Ein Eisstadion, ein Fussballstadion und eine Curlinghalle in einem einzigen Gebäudekomplex zu vereinen, scheint ein gewagtes Vorhaben. Doch für Biel ging diese Rechnung auf. Allerdings will ein solch komplexes Projekt minutiös geplant sein. Das ist GLS Architekten, Gewinner des 2007 ausgeschriebenen Wettbewerbs, gelungen. Der von ihnen konzipierte Gebäudekomplex vereint die drei Sportstätten sogar unter einem einzigen Dach. Er heisst Tissot Arena und wurde Anfang September 2015 eingeweiht. Das Büro GLS Architekten dachte ganzheitlich und vernetzt. Co-Projektleiter Nik Liechti liess sich von der japanischen Tradition und von Le Corbusier inspirieren: «Wir wollten nicht drei getrennte Einheiten, sondern ein Ganzes schaffen, in dem alle Nutzungsmöglichkeiten transparent miteinander verbunden sind. Unser Ziel war, dass man von der Eishalle aus auch ins Fussballstadion und auf die Stadt Biel blicken kann. Zudem haben wir einen öffentlichen Platz zwischen den beiden Stadien eingeplant, um die Begegnung der verschiedenen Besuchern und Sportlern zu fördern.»

Schon allein die Auflistung der Sportinfrastrukturen gibt eine Ahnung vom Ausmass und von der Bedeutung des Gebäudekomplexes: ein Fussballstadion mit Naturrasen für 5200 Zuschauer mit 3200 Sitzplätzen; ein Eisstadion (NLA-Standard) für 7000 Zuschauer mit 4500 Sitzplätzen; eine Curlinghalle mit sechs Rinks und ein überdachtes öffentliches Eisfeld. Vier Fussballtrainingsfelder, drei davon mit Kunstrasen, werden 2016 auf dem Grundstück des früheren Eisstadions fertiggestellt. Ergänzt wird das Sportangebot mit einem Fitnesscenter.

Eine abgerundete Sache

Über einen Mangel an Eishockey-Tempeln kann die Schweiz nicht klagen, aber neuere Bauten sind selten. In Sachen Aktualität hatte bisher die jüngste Stadion-Kreation, die Bossard Arena in Zug, die Nase vorn. Geht es um Grösse, führt die riesige Postfinance-Arena in Bern die Tabelle an. «Wir haben während der Erarbeitung unseres Projekts beide Stadien besucht», erzählt Nik Liechti, «und interessante Punkte entdeckt, etwa den schönen Schnitt des Zuger Stadions mit den zwei Sitzplatztribünen. Wir wollten uns natürlich von den anderen Stadionbauten abheben. Der geräumige und komfortable VIP-Bereich, der in Bern umgesetzt wurde, fanden wir jedoch ein nachahmenswertes Beispiel. Die Vorgaben für Sportbauten sind so restriktiv, dass wir Experten aus dem Eventbereich beizogen, um auch in diesem Bereich beste Qualität zu bieten. Unser Projekt hat, anders als die meisten übrigen Schweizer Hockeyhallen, abgerundete Tribünen. Das hat den Vorteil, dass der Blick aufs Eis von jedem Platz aus sehr gut ist. Das war ein Punkt, der uns sehr am Herzen lag. So sind die Zuschauer mitten im Geschehen, denn die Sitzreihen sind sehr nah am Spielfeld und besonders steil abgestuft. Die Fans freut die spektakuläre Sicht.»

Eingangspforte zur Stadt

Durch die Gestaltung der Aussenräume wird im Bieler Industriequartier Bözingenfeld, wo die Arena beheimatet ist, eine zentrale lineare Struktur definiert. Als markante östliche Eingangspforte zur Stadt muss der Standort sehr hohen architektonischen und auch landschaftsgestalterischen Qualitätsanforderungen genügen. Deshalb ist die Tissot Arena mit derselben Nüchternheit und den gleichen Materialien gestaltet wie die umliegenden Bauten, mit Beton, Stahlträgern und Blech.

Steht man vor dem Gebäude, wandert der Blick unweigerlich nach oben zum imposanten Dach, das sich von Südwesten bis Nordosten über den gesamten 27 000 Quadratmeter grossen Komplex erstreckt. So sind Fussballstadion, öffentlicher Platz, Curlinghalle und Eisstadion im wahrsten Sinne des Wortes unter einem Dach vereint. Die Tragstruktur des Dachs besteht aus einem riesigen Stahlfachwerk mit Spannweiten von bis zu 70 Metern, das mit Trapezblech bedeckt ist. Die grosse Fläche stellt besonders hohe Anforderungen an die Sicherheit der Dach-konstruktion, da sich das Material bei Temperaturschwankungen verformt. Über den Tribünen des Fussballstadions musste zudem ein Schallschutz installiert werden, um die Regengeräusche zu dämpfen.

Für Fassaden und Dach wurden verschiedene Kassetten, Trapez- und Verbundbleche der Firma Montana Bausysteme AG in Villmergen eingesetzt. Das Ziel war ein nüchternes Erscheinungsbild, das mit dem schnörkellosen Industriecharakter der Umgebung harmoniert. Für einen Grossteil der Eisstadionfassaden, die Überdachung und das Vordach wurden Aluminium- und Chromstahlbleche verwendet. «Diese Materialien bieten lange Schutz und lassen sich leicht ersetzen», erklärt Nik Liechti.

Die Profile sind vertikal und horizontal verlegt, um spezielle Reflexionen zu erzielen, die im Tagesverlauf für verschiedene Lichteffekte sorgen. Das verleiht den Fassaden- und Dachflächen eine hohe Dynamik. Beim Eisstadion wurde im Verbund mit 120 Millimeter starker Mineralwolle eine hinterlüftete Fassade geschaffen.

Weltrekord auf dem Stadiondach

Die Fassadenprofile wurden klassisch in Positivlage montiert. Die Befestigung erfolgte in der Tiefsicke, an jedem Auflager in jeder zweiten Rippe. Diese Profillage entspricht nicht nur den ästhetischen Anforderungen, sie gewährleistet auch eine optimale Hinterlüftung. Im Dachbereich wurden die Trapezprofile als Aussenschale in Ne-
gativlage verlegt. Dadurch verläuft die Überlappungsstelle auf dem Wellenberg, und das Eindringen von Wasser wird verhindert.

Um die grosse Dachfläche optimal zu nutzen, wurden darauf 8100 Solarmodule installiert. Damit hat die Tissot Arena die grösste stadionintegrierte Photovoltaikanlage der Welt. Das Solarkraftwerk, dessen Strom direkt ins Bieler Netz eingespeist wird, soll einen Jahresertrag von bis zu zwei Millionen Kilowattstunden erzielen, was dem Strombedarf von rund 500 Haushalten entspricht.

Eine Besonderheit der Anlage ist die Ausrichtung der Module. Statt der üblichen Südausrichtung hat die Betreiberin Energie Service Biel (ESB) die Panels in Ost-West-Richtung positioniert, um die Dachfläche besser auszunutzen und eine optimale Leistung zu erzielen.

Auch im Innern fehlt es an nichts, was ein modernes Eisstadion braucht. Der Komfort spielt eine zentrale Rolle. So stehen ein 700 Quadratmeter grosser VIP-Bereich und das VIP-Restaurant «Watch & Dine» mit 60 Plätzen zur Verfügung. Zudem wurden zehn VIP-Logenbereiche mit insgesamt 2500 Quadratmetern Fläche gebaut.

Der Sport steht in der Tissot Arena im Vordergrund; sie soll aber auch als Freizeit- und Eventzentrum dienen. Im Zentrum des Komplexes wurde mit dem 3200 Quadratmeter grossen, zu den Seiten hin geöffneten «Place publique» ein für alle zugänglicher Begegnungsort geschaffen, der auch für verschiedene Events genutzt werden kann. Zwei Parkings mit 1150 Parkplätzen (davon 750 gedeckt) stehen ebenfalls zur Verfügung. Zahlreiche Fachgeschäfte, Gastronomiebetriebe und ein Kino bringen seit Anfang Oktober 2015 Leben in die Tissot Arena, die somit Sport-, Kultur-, Event- und Geschäftszentrum zugleich ist.

Die Ladenflächen sind raffiniert unter der Stahlbetongrundplatte des Eisstadions untergebracht. Das war ein zentraler Punkt der von GLS Architekten vorgeschlagenen Lösung: «Es ist immer einfacher, direkt auf dem Boden zu bauen. Wir haben aber eine Lösung mit einer sechs Meter hohen Betonfundierung gefunden, die es ermöglicht, die Läden unter dem Stadionbau unterzubringen.»

Seit September 2015 gleiten, rennen oder wischen der EHC Biel, der FC Biel und der Curling Club Biel nun schon über Eis und Rasen der Tissot Arena. Und sie scheinen sich angesichts der positiven Resultate bestens eingelebt zu haben.


Westschweizer Eisstadien: geplante Projekte in Lausanne, Freiburg und Genf

Das Bieler Stadionprojekt hat andere Westschweizer Städte auf den Geschmack gebracht. Mit den drei weiteren Nationalliga-A-Clubs Lausanne, Genf und Freiburg ist die Romandie in der Schweizer Eishockeyspitze gut vertreten. Doch die Anlagen der Eishockeyclubs sind veraltet, und die Projekte für neue Infrastrukturen gehen nur langsam voran. Das Genfer Stadion Les Vernets wurde 1959 gebaut, die BCF-Arena (ehemals Patinoire de Saint-Léonard) ist bereits seit 1982 das Heimstadion von Fribourg-Gottéron, und auch das Eisstadion Malley in Lausanne hat schon 36 Jahre auf dem Buckel. Der Modernisierungsbedarf, sei es durch Um- oder Neubauten, ist immer dringender. Doch
die Projekte liessen bisher auf sich warten.

Eine Heimstätte in L-Form – L wie Lausanne

Als nächstes Westschweizer Eisstadion dürfte die Heimstätte des Lausanner Hockey Clubs neu gebaut werden. Das Projekt für den neuen Sportkomplex wurde Anfang Juli 2015 präsentiert. Die Wahl Lausannes zum Austragungsort für die Olympischen Jugend-Winterspiele 2020 gab der konkreten Umsetzung der neuen Sportarena schliesslich Vorschub. Sie wird zwei Eisfelder, ein Olympia-Schwimmbecken sowie eine Fecht- und eine Tischtennishalle umfassen. Das Eisstadion, das sich auch in eine Eventhalle verwandeln lässt, bietet 10 000 Zuschauern Platz. Es wird die jetzige Eishalle Malley am gleichen Standort ersetzen.

Die L-Form des künftigen Sportzentrums von regionaler und kantonaler Bedeutung ist aussergewöhnlich, fügt sich aber gut ins Stadtbild ein. Das extrovertierte Projekt mit transparenten Fassaden bietet in einem Grossteil der Nutzungsbereiche freien Blick nach aussen. Die organische, in Schichten gegliederte Form des Gebäudes spiegelt dessen Funktion wider und ermöglicht gleichzeitig eine raumsparende Kompaktheit, die sich günstig auf die Baukosten auswirken dürfte. Das Gleiche gilt für das statische System der Gebäudeeinheiten, das auf klassischen und bewährten Lösungen beruht.

Das Raumprogramm nutzt das Gebäudevolumen geschickt aus. Die einzelnen Elemente sind ineinander verschachtelt, was interessante Einblicke in die anderen Funktionsbereiche schafft und das Gefühl der Zugehörigkeit zu einem grossen multisportiven Zentrum verstärkt.

Sinneswandel in Freiburg

In Freiburg wurde ein interessantes und ehrgeiziges Projekt für ein neues Eisstadion vor-
gelegt: Tribünen mit 8500 Plätzen (davon zwei Drittel Sitzplätze), Logen, Restaurants, Büroräume und ein unterirdisches Parkhaus. Die Projektkosten wurden auf 100 Millionen Franken geschätzt, wovon rund 60 Millionen auf die eigentliche Eishalle entfielen.

Doch Mitte September 2015 kam es zu einem Sinneswandel. Man entschied schliesslich, sich mit der Renovation und dem Ausbau der BCF-Arena zu begnügen. Dafür soll das bestehende Gebäude aufgestockt und die Sitzplatzkapazität auf 8500 Zuschauer erweitert werden. Die Umbaukosten liegen unter 50 Millionen Franken. Die Bauarbeiten sollen den Matchbetrieb nicht stören, und der renovierte Bau dürfte spätestens 2019 eingeweiht werden.

Genf hat klare Vorstellungen, aber noch keine konkreten Pläne

Der jüngste Vorschlag für ein neues Heimstadion des Hockeyclubs Genf-Servette ist das Projekt Trèfle-Blanc, das in Lancy, neben dem Fussballtempel Stade de Genève zu stehen kommen soll. Es hätte eine Kapazität von rund 10 000 Plätzen, davon 2000 bis 2500 VIP-Plätze, eine kompakte Form und zwei Tribünen-ebenen. Anders als in Biel würde dieses Stadion auf Bodenniveau gebaut, um die auf 105 bis 115 Millionen Franken geschätzten Kosten zu minimieren. In einem an die Eishalle angrenzenden Gebäude sollen ein Gemeindesaal für Lancy, Ladenflächen und eventuell ein Zwei- oder Dreisternehotel sowie ein medizinisches Zentrum untergebracht werden. Unter dem Stadion ist ein Park+Ride-Parkhaus mit 1000 Plätzen geplant. (Von Jeremy Damon)