Nur für Schwindelfreie

Nur für Schwindelfreie

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Teaserbild-Quelle: Ben Kron
Eine Baustelle mitten in den Alpen, in einem engen Tal mit steil abfallenden Wänden, lockeren Böden und beengten Zufahrtswegen: Bei der Errichtung der neuen Versamertobelbrücke gab es für die Ingenieure und Planer anspruchsvolle Aufgaben zu lösen.
 
Der Neubau der Versamertobelbrücke im Graubünden begann mit einem Fehlstart: Kaum hatte man das Vorhaben im Herbst 2010 feierlich gestartet, folgte ein früher Wintereinbruch, der alle grösseren Arbeiten verunmöglichte. „Nach dem Spatenstich lief nicht mehr viel. Man konnten lediglich noch Erdarbeiten für die Zufahrten ausführen“, berichtet Heinrich Figi, der Chef Brückenbau beim kantonalen Tiefbauamt. Es sollte dies nur die erste von einer ganzen Reihe von Überraschungen sein, mit denen man sich auf der Baustelle herumschlagen musste.
 
Diese begannen schon beim Untergrund, der auf der Seite Versam viel lockerer gelagert war als erwartet. „Wir stiessen beim Aushub nicht auf Fels sondern bis weit unter die Fundamente lediglich auf Lockermaterial. Das machte eine umfangreiche Sicherung der Gruben mit Erdnägeln und Spritzbeton nötig“, so Figi. Die Bodenverhältnisse machten auch Anpassungen bei den Kämpferfundamenten nötig. Diese mussten grösser und breiter als ursprünglich geplant ausgeführt werden. „Nur so können sie die auftretenden Kräfte aufnehmen, ohne dass es zu unzulässigen Setzungen kommt.“
 

Felsanker und Zementmilch

Die Fundamente mussten auch zusätzlich mit Felsankern gesichert werden. „Wir haben erst die 40 Meter tiefen Löcher gebohrt, von denen einige wegen des lockeren Bodens wieder zusammenfielen und nachgebohrt werden mussten.“, erinnert sich Heinrich Figi. Die Anker wurden dann mit Zementmilch im Fels befestigt, wobei man auch hier wiederholt nachinjizieren musste. „Irgendwann wurden wir aber auch damit fertig.“
 
Die Aushubarbeiten hätten wegen der enorm steil in die Rabiusa abfallenden Hangflanken generell eine heikle Aufgabe dargestellt, ergänzt Gabriel Derungs (Baustellenchef, Erni Bauunternehmung AG): „Die Topographie bedeutete für Mensch und Maschinen eine ziemliche Herausforderung.“
 

Freiheit dank Turmdrehkränen

Eine weitere Aufgabe war der Transport des schweren Baugerätes: Die Strasse zum Tobel ist von Versamer Seite aus voller enger Spitzkehren; auf der Bonaduzer Seite ist das Lichtraumprofil stark eingeschränkt. „Wir überlegten deshalb lange, ob wir mit Turmdrehkränen oder einen Kabelkran arbeiten sollten“, so Derungs. Schliesslich entschied man sich für zwei grosse Kräne von 60 und 70 Metern Ausladung. „Wir waren dadurch mit der Zufahrt und der Montage absolut am Limit, dafür aber im Ausführen der Brücke umso freier.
 
Vor allem für das Lehrgerüst des Brücken-Mittelteils erwiesen sich die Kräne als richtige Lösung: Der Kabelkran hätte die 300 Tonnen Stahl nicht an den Einsatzort heben können.
 

Knacknuss Lehrgerüst

„Dieser Mittelträger des Lehrgerüstes, der fast 50 Meter lang ist, war der heikelste Teil“, fügt Heinrich Figi hinzu. „Auch für die grossen Kräne war er zu schwer, um in einem Teil eingehängt zu werden.“ Er wurde deshalb in drei Teile zerlegt und mittels eines Vorbauschnabels montiert, der auf den Schrägstützen befestigt war. „Lange Zeit war unter dem Mittelteil nichts und man sah direkt 60 Meter in die Tiefe“, schildert der oberste Brückenbauer des Tiefbauamtes die Situation vor Ort. „Da müssen die Arbeiter schon schwindelfrei sein.“
 
Gleichzeitig mit der Montage des Mittelstückes begann man auf beiden Seiten der Brücke, die Schrägstützen zu schalen und zu armieren. „Die Stützen sind 45 Grad geneigt“, führt Figi weiter aus. „Wenn Sie ein derart steiles Bord schon nur hochklettern müssen, können sie erahnen, wie schwer die Arbeit auf einer solchen schiefen Ebene war. Ein Knochenjob!“
 

Heikle Rückverankerung

Die Rückverankerung dieser Schrägstreben war gemäss Gabriel Derungs eine der heikelsten Aufgaben auf der Baustelle. „Wir mussten mit den Lasten horizontal nach hinten ins Widerlager und von dort ins Erdreich gehen. Das war auch für uns speziell.“ Normalerweise würden Lasten vertikal nach unten gehen und dort auf den Baugrund abgegeben.
 
Für den Guss der Schrägstützen verwendete man eine Konterschalung. „Das Problem bestand darin, dass der Beton bei dieser Steilheit unten ausgeflossen wäre, wenn wir oben vibriert hätten“, so Figi. Deshalb musste man Stück für Stück abdecken. Die Arbeiter mussten diese Schalung äusserst präzise ausführten, damit sich keine Kiesnester bilden konnten. So konnten die 75 Kubikmeter Beton der Schrägstütze innert neun Stunden eingebracht werden.
 

Zeitrückstand aufgeholt

Ende September wurde der Trog des Mittelfeldes gegossen, wonach die Brücke erstmals über eine stabilen Betonrahmen verfügte, der auch die Last der zukünftigen Fahrbahnplatte zu tragen vermag. „Sobald die Brücke vorgespannt ist, können wir das Lehrgerüst in der Mitte entfernen“, erklärt Gabriel Derungs. Dies wollte man unbedingt vor der Winterpause erledigt haben, um nicht bis zum Frühjahr weiter Miete für das Lehrgerüst zahlen zu müssen. Dank des milden Winteranfangs 2011 können diese Arbeiten wie geplant durchgeführt werden. – das Lehrgerüst wird bis anfangs Dezember abmontiert sein. „Wir hatten zu Beginn einen Monat Rückstand auf den Zeitplan. Inzwischen konnten wir sogar einen kleinen Vorsprung erarbeiten“, freut sich Heinrich Figi. Wenn das Wetter weiter so bleibt, wird man sogar noch vor der Winterpause die Schleppplatten bei den Widerlagern giessen können.
 
Die letzten Arbeitsschritte folgen im März nächsten Jahres. Dann werden noch die Ränder, Konsolköpfe, und Ergänzungen der Widerlager fertiggestellt, danach kommen als letzte Arbeiten die Abdichtungen, der Fahrbahnbelag, die Geländer und Leitschranken sowie die Umgebungsarbeiten. Heinrich Figi: „Wenn keine Überraschungen mehr passieren, werden wir Anfang Sommer die Brücke dem Verkehr übergeben.“ (bk)
 

Versamertobelbrücke

Die Brücke über das Versamertobel verbindet via die rechtsrheinische Oberländerstrasse die Gemeinde Ilanz und Bonaduz. Eine erstes Bauwerk über der Rabiusaschlucht wurde bereits 1828 aus Holz erreichtet, stürzte wegen architektonischen Fehleinschätzungen aber 1896 ein.
Sie wurde ersetzt durch eine 1897 eröffnete 70 Meter lange Stahlbrücke mit einem Lehrgerüst von Richard Coray. Diese bleibt als eine der letzten Brücken ihrer Kontruktsionsart erhalten: Nach einer Sanierung wird sie von dem Gemeinden Bonaduz und Versam übernommen und in Zukunft für Fussgänger und Velofahrer zur Verfügung stehen.
Die neue Versamertobelbrücke, die 112 Meter lang und 8,8 Meter breit ist, wird als Sprengwerk in Spannbeton ausgeführt. Das 4,2 Millionen Franken teure Bauwerk überquert die steile Schlucht mit einer Spannweite zwischen den Kämpferfundamenten von fast 80 Metern. Da sich das Bauwerk am Rande der vom Bundesinventar geschützten Ruinaulta-Landschaft befindet, musste bei den gestalterischen und landschaftlichen Aspekten besondere Beachtung an den Tag gelegt werden. „Die neue Brücke soll sich eigenständig als grosszügige, kraftvolle Konstruktion in die dramatische Landschaft des Ortes einfügen“, fasst das Bündner Tiefbauamt die Ambitionen zusammen. (bk)