„Nulltoleranz“ soll Sicherheit erhöhen

„Nulltoleranz“ soll Sicherheit erhöhen

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Teaserbild-Quelle: Urs Rüttimann
Mit einer neuen Präventionsstrategie unter dem Titel „Vision 250 Leben“ will die Suva die Arbeitssicherheit optimieren. Die Todes- und Invaliditätsfälle sollen halbiert und das Unfallrisiko innert zehn Jahren deutlich verringert werden.

Unfälle können ein Leben auslöschen. Solche tödlichen Unfälle erzeugen bei den Angehörigen ein unermessliches Leid», sagt Eduard Currat, Mitglied der Geschäftsleitung Suva, an einer abgehaltenen Medienkonferenz. Dabei hätten vielleicht wenige Vorkehrungen ausgereicht, um sie zu verhindern. Die Realität zeigt jedoch: Jährlich verunfallen in der Schweiz mehr als 250 000 Arbeitnehmer. 100 dieser Berufsunfälle enden mit dem Tod, ebenso viele mit schwerer Invalidität. «Wir sind der Überzeugung, dass dies nicht passieren darf», stellt Currat fest.

In enger Zusammenarbeit mit den Berufsverbänden und den Gewerkschaften hat die Suva deshalb die Sicherheit am Arbeitsplatz auf Verbesserungen hin untersucht. Die Präventionsstrategie «Vision 250 Leben» ist das Resultat dieser Bemühungen. Sie setzt sich zum Ziel, in den nächsten zehn Jahren 250 Leben zu retten und ebenso viele Menschen vor schwerer Invalidität zu bewahren. Im gleichen Zeitraum soll zudem die Zahl der Unfälle respektive das Unfallrisiko deutlich verringert werden. «Jeder Arbeitnehmer», so Currat, «hat das Recht, nach der Arbeit sicher und gesund heimzukehren.»


Unfallrisiko weiter senken


Die Statistik der Suva zeigt: In der Schweiz verunfallt jährlich jeder fünfte Bauarbeiter, jeder vierte Gerüstbauer, jeder dritte Forstarbeiter und jeder zweite Forstlehrling. Dies, obschon von 1996 bis 2009 die Zahl der von der Suva anerkannten Unfälle von 199 400 auf 172 700 um 27 Prozent gesenkt werden konnte. Die Kosten für die Behandlung der Verunfallten stiegen in dieser Phase um 34 Prozent. Trotzdem gelang es der Suva, die Prämie der obligatorischen Unfallversicherung seit 1996 um 2 Prozent zu senken.

Die Arbeit im Forst sei die gefährlichste, in der weit beschäftigungsintensiveren Baubranche würden sich jedoch bei weitem am meisten Unfälle ereignen, sagt Robert Odermatt, Abteilungsleiter Arbeitssicherheit bei der Suva. So kam es 2009 allein im Bauhauptgewerbe zu 28 500 Unfällen. Für die neue Präventionsstrategie haben die Mitarbeiter der Suva die Unfallursachen systematisch analysiert und so Erkenntnisse gewonnen, wo auf Baustellen und anderswo die grössten Gefahren lauern.


«Lebenswichtige Sicherheitsregeln»


«Etwa die Hälfte der Unfälle sind auf wenige Risikoschwerpunkte zurückzuführen», weiss Odermatt. Dazu gehören auf dem Bau beispielsweise schadhafte Gerüstbretter, nicht abgesperrte Liftschächte und andere Bodenöffnungen, feuchte und schneebedeckte Dächer sowie ungesicherte Gräben.

Erfahrungsgemäss würden Unfälle schnell verdrängt und Risiken massiv unterschätzt, sagt Odermatt. Um dem entgegenzuwirken, hat die Suva zu den häufigsten Unfallursachen im Hochbau acht «lebenswichtige Sicherheitsregeln» ausgearbeitet. Die erste von ihnen lautet beispielsweise: «Wir sichern Absturzkanten ab einer Absturzhöhe von zwei Metern.» Die Regeln sollen durch Unterstützung und Instruktion der Arbeitgeber und -nehmer, durch breite Sensibilisierung auf das Thema und durch Kontrolle am Arbeitsplatz nachhaltig in der Praxis verankert werden. «Für ihre Einhaltung gilt die Nulltoleranz», betont Odermatt. Nur wenn bei allen Baufirmen der gleiche Standard gelte, werde die Sicherheit nicht zur Kostenfrage. Weitere lebensrettende Regeln für die Baubranche sind in Vorbereitung.

Den Betrieben bietet die Suva leicht verständliche Informations- und Lernmittel an, welche die branchenspezifischen Sicherheitsregeln praxisnah erklären. Auf ihre Verantwortung angesprochen werden sowohl die Arbeitgeber als auch die Arbeitnehmer. «Die Regeln allein aber genügen nicht. Kontinuierlich müssen die Mitarbeiter vor Ort geschult werden», sagt Adrian Bloch, der bei der Suva den Bereich Bau leitet. Begleitet wird die Kampagne von einem neuen Präventionsfilm.


Sicherheit ist Chefsache


Eine gründliche Schulung in Sicherheit erhalten die rund 300 Mitarbeiter der Gasser Felstechnik AG. Die Firma mit Sitz in Lungern OW ist unter anderem im Tunnelbau und in der Felssicherung tätig. Dort ist die Arbeitssicherheit besonders anspruchsvoll. «Der Bereich Sicherheit ist bei uns als Stabsstelle direkt der Geschäftsleitung unterstellt», sagt Thomas Gasser, Verwaltungsratspräsident des Unternehmens. Mit regelmässiger Ausbildung sowie intensiver Kontrolle und Rapportierung auf den Baustellen versucht die Firma, die Arbeitssicherheit möglichst hoch zu halten. Sogar Rettungsaktionen werden eingeübt und die Alarmdispositionen durcherxerziert. «Im Notfall braucht es einen einfachen Knopfdruck», so Gasser, «da bei einem Unfall die schockierten Arbeiter oft nicht mehr fähig sind, ihr Natel zu bedienen.»
 
Urs Rüttimann
 
 
 
 
Acht lebensrettende Regeln für den Hochbau
 
Die Regeln der Präventionsstrategie der Suva im Wortlaut:
 
  • Wir sichern Absturzkanten ab einer Absturzhöhe von zwei Metern.
  • Wir sichern Bodenöffnungen zuverlässig und durchbruchsicher.
  • Wir bedienen Krane vorschriftsgemäss und schlagen Lasten sicher an.
  • Wir erstellen das Fassadengerüst ab einer Absturzhöhe von drei Metern.
  • Wir kontrollieren die Gerüste täglich.
  • Wir erstellen sichere Zugänge zu sämtlichen Arbeitsplätzen.
  • Wir tragen die persönliche Schutzausrüstung.
  • Wir sichern Gräben und Baugruben ab einer Tiefe von 1,5 Metern.
 
(suva)
 
 
 
Suva stellt sich gegen UVG-Revision
 
Die Suva als Trägerin der obligatorischen Unfallversicherung richtet sich gegen die laufende Revision des Unfallversicherungsgesetzes (UVG). Die vorberatende Kommission des Nationalrates beantragt, die Leistungen der obligatorischen Unfallversicherung (UV) abzubauen. Entsprechend will sie die Versicherungsdeckung um rund 20 Prozent senken.
 
Neu sollen nur noch Löhne bis rund 100 000 Franken von der Grundversicherung abgedeckt sein. Aktuell liegt diese Obergrenze bei 126 000 Franken. Weiter fordert die vorberatende Kommission, dass der Mindestinvaliditätsgrad von 10 auf 20 Prozent erhöht wird. Dagegen wendet die Geschäftsleitung der Suva ein, Kleinrenten unter 20 Prozent würden die Wiedereingliederung in den Arbeitsprozess wesentlich vereinfachen. Zusätzlich führe die Erhöhung des Invaliditätsgrads zu mehr Streitigkeiten zwischen Arbeitnehmern und Arbeitgebern, was ebenfalls die Rückkehr in den Arbeitsmarkt erschwere. «Dieser Leistungsabbau ist umso fragwürdiger, als die UV ausgezeichnet funktioniert, solide finanziert ist und keinen Sanierungsbedarf aufweist», hält die Geschäftsleitung fest. Die Suva ist ein selbstständiges Unternehmen des öffentlichen Rechts.
 
In der Herbstsession entscheidet der Nationalrat über die Revision des UVG. Bereits haben auch der Baumeisterverband, der Gewerbeverband, der Gewerkschaftsbund und die Gewerkschaft Unia gedroht, gemeinsam das Referendum zu ergreifen (siehe Baublatt 35/2010). (ur)