Nichts geht über Balkonien

Nichts geht über Balkonien

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Teaserbild-Quelle: Pixelio
Wer diesen Sommer nicht verreisen kann, sollte Dietmar Bittrichs „1000 Orte, die man knicken kann“ lesen. Spätestens nach dem ersten Kapitel weiss man, dass es zu Hause eben doch am schönsten ist. 
 
 
Man muss weder das Innere der Oper von Sydney bewundern noch muss man den Eiffelturm erklimmen. Und schon gar nicht braucht man sich vom Grand Canyon Skywalk und der grandiosen Aussicht beeindrucken zu lassen. Der Grund: Obwohl einem Reiseführer glauben machen wollen, dass man diese Orte unbedingt gesehen haben muss, sollte man nicht hingehen. Denn im Grunde sind sie Horte des Horrors, Tempel der Langeweile und Einöden der Trostlosigkeit. Davon berichtet Dietmar Bittrich in seinem Anti-Reiseführer „1000 Orte, die man knicken kann“, der als fiese Parodie von „1000 Orte, die man gesehen haben muss bevor man stirbt“ daher kommt.
 
Zwar enthält der Band einige Allgemeinplätze aber amüsant sind die despektierlichen Beschreibungen von Sightseeing-Höhepunkten allemal. Tröstlich sind die Texte auch, weil sie aussprechen was man wahrscheinlich schon selber gedacht hat und weil Bittrich aus Erfahrung spricht; schliesslich verdient er seine Brötchen hauptsächlich als Reisebegleiter eines Kreuzfahrtschiffes. Seinen Zuständigkeitsbereich bezeichnet er als „Trost und Aufmunterung der Passagiere“. Glaubt man seinen Beschreibungen, bedürfen sie seines Zuspruchs wahrscheinlich vor allem bei Landgängen. Darum schmökert man in dem Buch am besten auf Balkonien oder in der Badi um die Ecke… (mai)
 
Dietmar Bittrich „1000 Orte, die man knicken kann“ rororo-Taschenbuch Juli 2010 ISBN-10: 3499626268 ISBN-13: 978-3499626265 Preis: 16.90 Franken
 
 
 

Dietmar Bittrich über...

  • ...den Markusplatz in Venedig: „Der italienische Vogelschutzverband hat den Markusplatz zum elegantesten Taubenklo der Welt gewählt. Das marmorne Pflaster ist zugleich Ort der dauerhaftesten Menschenversammlung der Welt, nicht mal die Teilnehmer scheinen zu wechseln.“
  • ...den Eiffelturm: „Sechs Millionen Touristen pro Jahr stellen sich an. Weil viele von ihnen aus Verzweiflung über den schlechten Blick in die Tiefe sprangen, ist die Plattform in fast 300 Meter Höhe seit einiger Zeit verglast.“
  • ...die Oper in Sydney: „Auf den Plätzen 25 und 26 der Reihen A bis E gut hören. Alle anderen haben die Möglichkeit die Aufführung per Kopfhörer mitzuverfolgen.“
  • ...Machu Pichu: „Niemand weiss genau, warum die Inkas dieses Städtchen vor fünfhundert Jahren verliessen. Möglicherweise wollte der angebetete Sonnengott ihnen partout nicht scheinen. Das tut er auch heute nur selten. Vielleicht kamen ihnen die Gebäude zu unpraktisch vor und die ewigen Treppen zu mühsam, Beides trifft zu. Damals flohen ein paar hundert Leute aus dem öden Ort. Heute besuchen ihn jedes Jahr Millionen und fragen sich, weshalb eigentlich.“
  • ...den Grand Canyon: „Auch wenn niemand ihn gerade per Motorrad überspringt oder mit dem Gleitschirm durchsegelt, ist er voll, nicht unten, sondern oben am Rand, wo es Restaurants und Erfrischungen gibt. Man kann auch hinabklettern, wird aber meist von Rettungskräften gehindert, die dehydrierte Wanderer vom Boden der Schlucht bergen.“
  • ...die Verbotene Stadt: „Angeblich gibt es neunhundert Gebäude, doch da müssen Besenkammern und Schuhschränke mitgezählt worden sein. Die Erläuterungen des Fremdenführers, welche Hofschranze unter welchem Dach nistete, langweilen schnell. Vollends einschläfernd ist der vorgeschriebene Besuch Palastmuseums.“
  • ...Karnak: „In Karnak gibt es die grösste Ansammlung mittelmässig behauener Steine. Also jede Menge Oblisken, Reliefs, dicke Säulen und flachbäuchige Statuen, die man alle herrlich filmen oder fotografieren könnte, wenn nicht rund hundertausend Leute pro Tag das selbe tun wollten.“
  • ...Stonehenge: „Ob die Steine astronomisch ausgerichtet sind oder zu feierlichem Kreiswandern genutzt wurden, ist nur für die Jecken interessant, die sich hier zur Sommersonnenwende in Bettlaken hüllen und als Druiden johlen.“