Neulich – oder die Kunst der freien Meinungsäusserung

Neulich – oder die Kunst der freien Meinungsäusserung

Gefäss: 
Neulich erhielt ich einen Brief der Betonlobby. Es war eine Absage für eine Kooperation bei der Publikation einer Planungshilfe für den Stahl-Beton-Verbundbau. Die Begründung lautete, dass die Betonindustrie wenig Interesse an der Verbundbauweise habe und dass sich das Stahlbau Zentrum Schweiz (beziehungsweise seine Direktorin) in der «baublatt»-Kolumne vom 22. Oktober kritisch gegenüber der Beton­lobby geäussert habe.

Zauberformel «Recyclingbeton»

Tatsächlich ist die Massivbauweise in der Schweiz so marktbeherrschend, dass sie keine Massnahmen für den Terraingewinn mehr braucht. Warum sollte sich die Betonindustrie also für die Verbundbauweise engagieren? Vielleicht weil es die nachhaltigere Bauweise ist? Handlungsbedarf in Bezug auf das Image beim nachhaltigen Bauen scheint es nicht zu ­geben. Die Zauberformel heisst «Recycling­beton». Als Botschafterin für den Recyclingstahl war ich im November 2010 an einer Tagung namens ­Bauspektrum eingeladen. Thema: Nachhaltig bauen – nachhaltig handeln. Es interessierte mich insbesondere das Referat zum Thema «Baustoff-Recycling» – im Bewusstsein, dass derzeit nur Stahl zu 100 Prozent rezykliert wird und sämt­liche Stahlträger bereits aus Recyclingmaterial hergestellt sind. Zu meinem grossen Erstaunen handelte das Referat jedoch ausschliesslich von Recyclingbeton. Andere Baustoffe waren inexistent. Es wundert also niemanden, wenn sich die Betonindustrie nicht gross um den Imagegewinn bezüglich Nachhaltigkeit bemühen muss. Es ist ja alles an seinem Platz.

Und was stand in der sagenumwobenen «baublatt»-Kolumne vom 22. Oktober? Es stand: «In der Schweiz wird es wohl noch einige Verhandlungen brauchen, bis sich die von der starken ­Betonlobby geprägte Ökopolitik davon überzeugen lässt, dass die Idee der Nachhaltigkeit die Vorteile für nachfolgende Generationen betrifft – und nicht die eigenen.» Gut, wenn man sich dies in Erinnerung ruft.

Und nun noch etwas zum Thema Kolumne. Eine Kolumne ist ein Meinungsbeitrag. Eigentlich ein persönlicher – weshalb er lesenswert ist. Wie ­jeder weiss, löst eine Meinungsäusserung beim Leser sofort eine Reaktion aus, zum Beispiel «Genau! ­Endlich schreibt das mal eine!». Zumindest wäre dies die Idee einer Kolumne. Deshalb darf eine Kolumne auch etwas provokativ sein, solange sie natürlich wahrheitsgetreu bleibt. Als Interessenvertreter giesst jeder erst einmal Wasser auf die eigene Mühle, versucht, Informationslücken zu schliessen und die wertvollen Zeilen für die ­Meinungsbildung der Leserschaft zu nutzen.

Anregende Meinungsbildung

Das Kunststück ist nun, im Sinne einer Branche eine persönliche Meinung zu formulieren, die den Leser interessiert, zur Reflexion und zur eigenen Meinungsbildung anregt – auch wenn es die Gegenmeinung dazu ist. Im Idealfall ­entstehen daraus eine Diskussion und eine ­kritische (zuweilen durchaus selbstkritische) Auseinandersetzung mit dem Thema. Wir freuen uns also auf die Diskussion mit der Betonlobby, denn die Stahl-Beton-Verbundbauweise wäre im Sinne der Nachhaltigkeit die bessere Lösung als der Recyclingbeton. Warum? Weil die ­energie- und emissionsarme Trennbarkeit der Baustoffe ein entscheidender Faktor beim ­Umbau, beim Rückbau und beim Recycling ist.
 
Evelyn C. Frisch, dipl. Architektin ETH und Direktorin Stahlbau Zentrum Schweiz (SZS)