Neues Wahrzeichen für Sevilla

Neues Wahrzeichen für Sevilla

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Teaserbild-Quelle: Foto: David Franck
Im Herzen von Sevilla steht ein aussergewöhnliches Projekt. Der Architekt Jürgen Mayer H. gewann 2004 den internationalen Wettbewerb und fügte mitten in die Altstadt ein überdimensionales, organisch geformtes Sonnendach aus Schichtholzplatten ein – ein urbaner Ort des 21. Jahrhunderts.
 
 
Parasol heisst aus dem spanischen Sprachgebrauch übersetzt «Sonnenschirm», bezeichnet aber auch einen Pilz. Das Projekt von Jürgen Mayer H. für die Plaza de la Encarnacion nimmt sowohl eine Schutzfunktion ein und weckt auch einige Erinnerungen. Ob es Pilze, Elefantenfüsse oder riesige Baumstrukturen sind, die im Herzen von Sevilla in den Himmel wachsen, ist Ansichtssache. Eines ist klar, der Entwurf des deutschen Architekten, der 2004 den international ausgeschriebenen Wettbewerb gewonnen hat, weckt Emotionen und zieht in seinen Bann. Sechs Türme, knapp 30 Meter hoch, stehen auf dem beliebten Platz in der Altstadt und sind durch eine organisch geformte Dachlandschaft miteinander verbunden. Die offene Struktur aus Furnierschichtholzplatten steht auf einem massiven Sockel, in dem ein unterirdisches Museum für Archäologie und eine Parkgarage untergebracht sind.
 
Die Konstruktion, die das Büro von Jürgen Mayer H. entwickelt und zusammen mit den Ingenieuren von Arup (Berlin und Madrid) umgesetzt hat, besteht aus 3000 frei geformten Holzelementen und bedeckt eine Fläche von 150 Metern Länge und 75 Metern Breite. Für das Tragwerk des Parasols wurden Paneele zwischen 1,5 und 16,5 Metern Länge ausgewählt. Da dieses Sonnendach kein eigentliches Dach hat, wird die Struktur gegen die extremen Temperaturschwankungen und andere Witterungseinflüsse durch eine wasserdichte, aber dampfdurchlässige Polyurethanschicht geschützt. Die Holzkonstruktion erwies sich, über einen Zeitraum von 50 Jahren gerechnet, zudem als die kostengünstigste. Jürgen Mayer H. spricht über den aussergewöhnlichen Sonnenschirm und den Weg von Sevilla ins 21. Jahrhundert.
 
Was verbirgt sich hinter dem Projektnamen «Metropol Parasol»?
Metropol Parasol ist ein neues Wahrzeichen für Sevilla. Wir haben einen Ort der Identifikation kreiert, der Sevillas Rolle als eines der faszinierendsten kulturellen Reiseziele innerhalb Spaniens widerspiegelt. Das Projekt lässt die Plaza de la Encarnacion zum neuen urbanen Zentrum der Stadt wachsen. Sie übernimmt die Rolle als einzigartiger Aussenraum mitten im dicht bebauten mittelalterlichen Zentrum von Sevilla, der sowohl ein Ort der Muse und Ruhe ist sowie auch für Tourismus, Freizeit, Kommerz und Gewerbe Raum bietet. Eine höchstentwickelte Infrastruktur haucht dem Platz neues Leben ein und macht ihn zu einem attraktiven Ziel für Touristen und die Einheimischen.
Metropol Parasol funktioniert wie ein archäologisches Fenster, schärft den Blick auf die Geschichte von Sevilla – ein urbaner Platz des 21. Jahrhunderts. Der Parasol beherbergt ein archäologisches Museum, einen Markt und weitere Geschäfte. Er bietet Platz für Events und genügend Ruhemöglichkeiten. Besucher können auf eine Aussichtsterrasse hochsteigen, die einen grenzenlosen Blick über die atemberaubende Dachlandschaft von Sevilla ermöglicht. All diese Aktivitäten sind zu verschiedenen Zeiten, Tag und Nacht, möglich.
 
Wie ist dieser aussergewöhnliche Ort entstanden?
Der Ausgangspunkt aller Überlegungen war, einen Sonnenschutz für die Plaza de la Encarnacion zu entwickeln. Es sollte ein Klima entstehen, das die Menschen auch während der sehr heissen Sommermonate zum Verweilen einlädt. Wir begaben uns auf eine Suche, orientierten uns an Referenzen in Sevilla und entwickelten als ersten Schritt beim Parasol eine Dachfläche. Das Grössenverhältnis des Projekts zur Umgebung ist enorm wichtig für mich. Immer wieder veränderten wir die verschiedenen Elemente. Dabei bedienten wir uns mit Scherenschnittmodellen. Wir schauten wie durch eine Linse, um die Zusammenhänge mit einem stets frischen Auge zu entdecken und auch zu hinterfragen. Ein Designprozess ist chaotisch und intuitiv. Da steht keine Strategie dahinter.
 
Warum wählten Sie für die riesige Konstruktion Holz?
Nach einigen Monaten der Suche nach strukturellen Möglichkeiten entschieden wir uns für Holz. Natürlich sind die unteren Ebenen aus Stahl und Beton gebaut, und die Bereiche des Restaurants im Sonnendach haben wegen feuerpolizeilicher Vorschriften Betonstützen und sekundäre Stahlstrukturen. Aber das Sonnendach selber ist eine Holzkonstruktion. Wir untersuchten intensiv Parameter wie Vorfabrikation, Unterhalt, Kosten, Lebensdauer, Brandschutz, Erdbebensicherheit, die extremen Temperaturunterschiede, um nur einige zu nennen. Holz blieb stets als beste Lösung stehen. Die Materialtechnologie entwickelte sich in den letzten Jahren rasant weiter, und heute sind Furnierschichtholzplatten ein Hightechprodukt. Als Ausdruck dieser intensiven Materialsuche und deren Umsetzung erhielten wir für den Parasol 2005 den «Holcim Award Europe Bronze».
 
Was macht das Besondere des Projekts aus?
Nach beinahe sieben Jahren Arbeit an einem spanischen Architekturprojekt bin ich immer wieder überrascht, wie schnell, beinahe euphorisch gewisse Dinge angepackt werden und andere so bürokratisch und langsam vorwärtsgehen. Ich sah eine Menge Wissbegier und Stolz, die, so glaube ich, alle kulturellen Projekte beschleunigen – vom Theater über Tanz und Mode bis zur Kunst. Architektur in Spanien ist stets ein grosses kulturelles Abenteuer. Dies ist keinesfalls überraschend, wenn man auf die reiche schöpferische Architekturhistorie zurückblickt. Der Architekt, so glaube ich, wird immer mehr zum Vermittler.
 

Wie reagiert Sevillas Bevölkerung auf das ungewöhnliche Projekt?
Es stimmt mich glücklich zu sehen, wie die Menschen das Projekt Metropol Parasol auf unterschiedlichste Weise wahrnehmen und interpretieren.

von Roland Merz