Neues Firmengebäude der Reichle & De Massari AG in Wetzikon ZH

Neues Firmengebäude der Reichle & De Massari AG in Wetzikon ZH

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Teaserbild-Quelle: Bild: Thomas Kümin
Ein Verkabelungsunternehmen baut im Zürcher Oberland für einen zweistelligen Millionenbetrag ein Firmengebäude mit einer Kubatur von 83 300 Quadratmetern. Die Reichle Immobilien AG lässt das Gebäude errichten, das über ein vollautomatisches Hochregallager, Minergiestandard, Low-Exergie-Energieversorgung und sogar einen Regenwassersammeltank verfügt.
 
Dieter Burkhalter hatte am Anfang schlaflose Nächte. Doch das hat sich geändert. «Schaffen wir das?» «Wie schaffen wir es?» «Wie kommt das Ganze heraus?» Fragen, die sich Burkhalter, der als Projektleiter dem Bau des künftigen Firmengebäudes von Reichle & De Massari AG (R&M) vorsteht, immer seltener stellen muss. Denn mittlerweile steht der Rohbau des «R&M Kubus», und der Projektleiter darf mit der Sicherheit zu Bett gehen, dass die richtigen Entscheide getroffen wurden.
 
Burkhalter ist ein ungewöhnlicher Projektleiter: Sonst als Produkteentwickler innerhalb des Technologieunternehmens tätig, verfügte er über keine Erfahrung mit Bauprojekten, geschweige denn von dieser Grösse und Komplexität. «Beim Leiten eines Projekts, sei es die Entwicklung eines R&M-Produkts oder der Bau eines neuen Firmengebäudes, kommen ähnliche Abläufe zum Tragen. Wichtig ist, die Ohren in alle Richtungen offen zu halten», sagt er. Fachkompetenz bei baulichen Fragen kaufte man zu oder verfügte firmenintern darüber. «Der Projektleiter muss diese Fachkompetenz nicht unbedingt mitbringen. Unsere Erfahrungswerte haben wir uns extern hereingeholt und intensiv Benchmarketing betrieben. Ich und mein Team scheuen uns nicht, andere Leute zu fragen, wie sie Dinge umgesetzt haben. Wir sprachen mit Bauherren und Hausmeistern verschiedener Firmen. Besonders interessierten uns dabei die Logistik- und Produktionsabläufe sowie die Architektur in ihren Gebäuden. Wir waren froh, dass wir dabei auf Fehler aufmerksam gemacht wurden. Zum Beispiel haben wir für Heizung, Lüftung, Kälte und Sanitär möglichst viele Referenzen eingeholt und dafür die Planung der Gebäudegewerke einem Planer übergeben.» Die Vorplanung bis zum Spatenstich dauerte 1,5 Jahre. Das Unternehmen wählte bewusst keinen Generalunternehmer, um das Gebäude ganz nach eigenen Vorstellungen massschneidern zu können.
 
Anfang August wurde auf der Baustelle die Aufrichte gefeiert, der Rohbau ist abgeschlossen. Der Bau liegt jedoch sechs Monate hinter dem Zeitplan: Drei ergaben sich wegen des harten Winters, drei während des Aushubs und des Rohbaus. «Die sechs Monate Verzug sind für uns nicht tragisch. Er kommt uns sogar gelegen. Der Bezug des Gebäudes, der nun im Juni 2010 erfolgt, fällt zusammen mit der Einführung eines neuen ERP-Systems und dem für diesen Zeitraum erwarteten Wirtschaftsaufschwung», sagt Dieter Burkhalter.
 
Das neue R&M-Firmengebäude vereint Logistik- und Produktionsräume, es wird nach Minergie-Richtlinien gebaut und verfügt über eine Low-Exergie-Energieversorgung; das heisst, es werden keine fossilen Brennstoffe wie Öl oder Gas und möglichst wenig Strom zum Betrieb eingesetzt. Der Energieverbrauch reduziert sich gegenüber herkömmlicher Gebäudetechnik um rund 45 Prozent, so die Angaben des Unternehmens. Zu den Baukosten will sich die Reichle & De Massari nicht äussern, doch handelt es sich um einen zweistelligen Millionenbetrag. 22 Prozent davon wurde in die Gebäudetechnik investiert, hauptsächlich wegen des grossflächigen Einsatzes von Erdsonden.

Geplant von innen nach aussen

Das Firmengebäude wird von Reichle Immobilien AG für die zur selben Holding gehörende Reichle & De Massari AG realisiert. Auf fünf Stockwerken und einer Bruttogeschossfläche von 16 000 Quadratmetern will die R&M die Sparten Produktion, Logistik, Innovation, Entwicklung und Product Management unterbringen. Dem Bau angeschlossen ist ein voll automatisiertes Hochregallager mit über 4850 Palettenplätzen. Die R&M ist heute noch an drei Standorten tätig, mit dem Neubau bündelt sie ihre Tätigkeit in einem Quartier in Wetzikon ZH. Im Neubau werden vorerst 250 Arbeitsplätze eingerichtet. Das Raumkonzept bietet gesamthaft jedoch Potenzial für rund 400 Arbeitsplätze.
 
Für die Architektur und Bauleitung ist die Designfunktion AG aus Weiningen ZH verantwortlich. Sie kümmert sich ums Aussen- und Innendesign. Der «R&M Kubus» weist, wie der Name schon sagt, eine kubische Form auf. Dies ermöglicht eine optimale Energieversorgung und beugt Energieverlusten vor. Eine kompakte Gebäudehülle und eine gute Dämmung unterstützen dies noch zusätzlich. Zudem wird der Neubau über eine Komfortlüftung mit Wärmerückgewinnung verfügen. Umweltfreundlich und ressourcenschonend ist auch die Wasserversorgung. Für die Toilettenspülungen soll rezykliertes Regenwasser verwendet werden. Dafür wurde im Untergeschoss ein Tank mit 20 000 Litern Fassungsvermögen installiert.
 
Die Planung des Gebäudes erfolgte quasi von innen nach aussen. Dieter Burkhalter: «Wir zeichneten den für uns idealen Material- und Warenfluss von Einzel- und Fertigteilen sowie Baugruppen auf, definierten die An- und Ablieferung. So wurde klar, wie das Gebäude innen aussehen muss.» Zu 80 Prozent werden Kleinteile, wie Glasfaserkabel oder Stecker, auf Peltern und Paletten transportiert. Die R&M entschied sich darum für ein vollautomatisches Palettenlager. Dieses Lager beansprucht weniger Raum als das herkömmliche, von Menschen bediente, weil elektronisch gesteuerte Robotergreifer und Transportwagen durch die turmhohen Regale flitzen und die Ladung in den Produktionsbereich bringen. Zum Entscheid trugen auch eine Wirtschaftlichkeitsberechnung und die Erwartungen gegenüber der zukünftigen Entwicklung des Marktes bei.

Baumasse ausschöpfen

Aufgrund der Anforderungen an die Logistik und den Produktionsprozess ergaben sich der quadratische Grundriss und die Kubatur des Baus. Die Bauherrschaft wollte die Baumasse und die erlaubte Gebäudehöhe nutzen. So entstand ein Betonskelettbau mit vorgehängter, hinterlüfteter Fassade, der gemäss den Vorgaben an den Minergiestandard für Industriebauten geplant wurde. Die Bauherrschaft wollte ein unauffälliges Gebäude und wählte darum Aluminium-Verbundplatten von Alucobond in den Farben Anthrazit und Schwarz-métallisée. «Es handelt sich um eine zwar kostspielige, aber qualitativ hochstehende Fassade, bei der der Reinigungsaufwand relativ gering ist.» Gleiches gilt für die Fenster mit Holz- und Metallrahmen. «Wir haben grundsätzlich in qualitativ hochstehende Materialien investiert, um langfristig Unterhaltskosten zu sparen. Wir wollen zum Beispiel nicht schon in 20 Jahren die Fenster wieder auswechseln müssen», so Burkhalter.

Heizung und Kühlung mit Erdsonden

Um das Gebäude zu heizen und zu kühlen, lässt die Bauherrschaft auf zwei Feldern Erdsonden bohren. Diese Sonden werden über eine Wärmepumpe direkt mit der Heizung respektive der Kühlung verbunden und bilden einen geschlossenen Kreislauf. Die Sondenfelder wirken wie ein Energiespeicher. Im Sommer wird Wärme in den felsigen Untergrund gepumpt und im Winter wieder bezogen. Die 56 Bohrungen weisen eine Gesamtlänge von 12 000 Metern auf, bei Tiefen von 165 oder 200 Metern. Die Energieversorgung des Gebäudes mit einer Photovoltaikanlage oder Solarpanels ist vorgeplant, aber noch nicht umgesetzt. «Unsere Wirtschaftlichkeitsrechung zeigte, dass eine Investition in diese Technik zur Zeit nicht rentabel wäre», so Burkhalter. Vorgesehen ist auch ein Energieverbund mit den anderen Gebäuden der Firma im Quartier, um die mit den Erdsonden gewonnene Kälte oder Wärme via Ringleitung zu verteilen. Ein entsprechendes Areal-Energiekonzept ist gemacht und Schächte zwischen den Gebäuden sind verlegt. (Thomas Kümin)