Neuer Stadtteil auf alter Rhododendren-Plantage

Neuer Stadtteil auf alter Rhododendren-Plantage

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Teaserbild-Quelle: Michael Hunziker
Auf einer ehemaligen Gartenbauanlage direkt neben einer Naturschutzzone entsteht ein Quartier im Grünen und doch nahe der Autobahn: Die Generalunternehmung Allreal AG und die Helvetia Versicherungen schaffen hier Wohnraum für zirka 1200 Menschen.
 
 

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Schleifen und Bändel wedeln an Aufrichtbäumen auf den Dächern. Aus einzelnen Fenstern brennt an jenem frühen Morgen der Baustellenbesichtigung sogar Licht. Eine Frau leert ihren Briefkasten, während unweit entfernt die Krane in der Höhe über den Rohbauten ihre Kreise ziehen. Die Wohnungen am Eichweg (Baufeld Fünf, siehe Plan Seite 35) sind schon seit ein paar Monaten bezogen: Katzentreppen winden sich in die höheren Stockwerke, Vorhänge und Wimpel hängen an den Scheiben.
 
Damit eine Überbauung wie das Dietlimoos überhaupt realisiert werden kann, muss gestaffelt gebaut werden. An einem grossen blechernen Schild sind die fünf Baufelder bunt markiert, damit sich die Lieferanten orientieren können und sehen, wohin sie ihr Material bringen müssen. Im Zeitraum von Juni 2008 bis im Sommer 2011 entstehen hier 460 Wohnungen von drei verschiedenen Architekten im Auftrag von Allreal und der Helvetia Versicherungen. Der Bau des Dietlimoos mit einer Bausumme von circa 186 Millionen Franken und mit Grundstückflächen von insgesamt rund 72 000 Quadratmetern ist eine logistisch komplexe Aufgabe. Auf einem Rundgang über die fünf Baufelder erklärt René Sethmacher, Gesamtleiter des Projekts Dietlimoos von Allreal, das Bauvorhaben und erläutert die Schwierigkeiten. So gibt es etwa für den Lastverkehr für alle Baufelder nur einen Anfahr- und Wegfahrweg. «Wir müssen hier auf kleinstem Raum das gesamte Material, all die Armierungen und den Beton manövrieren. Dabei haben wir bloss eine Zufahrtsader, ist diese verstopft, steht Vieles still», sagt Sethmacher.

Ameisenhaufen Dietlimoos

Auf den Baufeldern herrscht reges Werken. Mit einem Ameisenhaufen vergleichbar, arbeiten hier bis zu 800 Leute gleichzeitig. Mancherorts sind die Fenster schon eingesetzt, wie etwa auf Baufeld Vier. Für die Helvetia Versicherungen entwarfen hier die Arbeitsgemeinschaft CH Architekten und Di Iorio und Boermann Architektur vier vier- bis fünfgeschossige Mehrfamilienhäuser mit insgesamt 103 zweieinhalb bis fünfeinhalb Zimmerwohnungen. Auf den Balkonen sind die Maler gerade damit beschäftigt, die Decken weiss zu malen. Im Innern werden derweilen schon die Küchen eingebaut. Strukturierter Verputz in Gelb- und Beigetönen prägt die Fassade: Rillen und Furchen laufen mal in Wellenlinien, mal gerade horizontal über die Flächen. Die Wohnräume sind mit Eichenparkett, Bäder und Küchen mit Keramikplatten ausgelegt. Die Wärme wird von einer zentralen Pellets-Heizkesselanlage geliefert.
 
Die vier Gebäude sind gegen Süden und Westen ausgerichtet und stehen schachbrettartig versetzt zueinander. Somit ist gewährleistet, dass die Sicht aus allen Häusern Richtung Naturschutzgebiet und Albiskette frei ist. In die stirnseitigen Wohnungen der Mehrfamilienhäuser fällt von drei Seiten her Licht. Die Wohnungen im Erdgeschoss verfügen über einen Gartensitzplatz von 20 Quadratmetern und die Maisonette-Wohnungen sind zweigeschossig.

Grünes Konzept für Feuchtgebiete

René Sethmacher steht vor der Überbauung und zeigt Richtung Naturschutzgebiet: «Hier werden wir später verschiedene Arten von Libellen haben und Vögel finden geeignete Nisträume. Damit wir das Dietlimoos bauen konnten, mussten Böden trockengelegt und Fische aus Teichen umgesiedelt werden.» Wie der Name Dietlimoos schon andeutet, bei dem Bauland handelt es sich um sehr feuchtes Gebiet. Mitte des letzten Jahrhunderts züchtete hier Robert Seleger winterfeste Rhododendrensträucher. Ein paar von ihnen stehen noch auf dem Feld, auf welchem die Stadt Adliswil einen Park bauen lässt, den Allreal und die Helvetia Versicherungen mitfinanzieren. Dieser soll das verbindende Element zwischen den Häusergruppen und zu einem lebendigen Zentrum und einer offenen Begegnungsstätte werden. Die Bauherrschaft setzt in dieser Siedlung direkt neben dem Naturschutzgebiet ein ökologisches Konzept um: Langlebige Eichen sollen mit ihrem verzweigten Wuchs und der groben Borke viele Futter- und Nistmöglichkeiten für Insekten und Vögel ermöglichen. Mit Ausnahme des Rasens, der direkt vor den Wohnungen liegt, werden die Wiesen weder gedüngt noch gewässert. Nach mehrmaligem Mähen werden sich je nach Nutzung weitere Pflanzen ansiedeln, die ihrerseits neue Tiere anlocken.
 
Das Regenwasser der Baufelder fliesst über Mulden und Gräben in den Dietlimoosbach. So entstehen ideale Feuchtgebiete für Amphibien und Schmetterlinge, und in Ufernähe werden Igel und Kleinvögel erwartet. Durch intensives Schneiden und konsequente Grünabfuhr beim Allmend- und Lebernhügel (siehe Plan) dünnt man die heutigen Fettwiesen aus und verwandelt sie in einen Blumenrasen. Ohne Dünger und ohne Bewässerung gedeiht dann eine reiche Artenvielfalt.

Baggerschaufel voll Wasser

Sethmacher erzählt über die Erfahrungen im Moorgebiet. Beim Ausheben der Baugruben etwa, als der Bagger eine Schaufel voll genommen hatte, hätte sich das Loch gerade wieder mit Wasser gefüllt. «Wir wussten, dass wir es hier mit Böden zu tun haben werden, die das Regenwasser aufsaugen und kaum abfliessen lassen. Dementsprechend haben wir auch Massnahmen getroffen,» sagt Sethmacher. So baute Allreal tiefe Schächte, legte diese mit Kies aus und installierte Pumpen, die das Wasser hochbefördern. Dann wird es unter den Baufeldern und unter den Tiefgaragen hindurch in den Dietlimoosbach geleitet. Davor wird es aber noch neutralisiert und überprüft. «Der Geologe war oft da, und hat Kontrollen durchgeführt», so Sethmacher. Er steht auf einem Gartensitzplatz und zeigt auf das nahe Naturschutzgebiet: «Mit dem Wasser, das wir über Mulden und Gräber in den parkeigenen Teich ableiten, hoffen wir, auch passende Verhältnisse für Amphibien zu schaffen.»
 
Auf dem Baufeld Drei, am Oberen Ahornweg, baut Allreal mit den Architekten Baumschlager Eberle 84 Eigentumswohnungen im Minergie-Standard. Auf einem leicht erhöhten Plateau stehen acht Wohnhäuser in zwei Vierergruppen mit je einem gemeinsamen Platz in der Mitte. Sie sollen vier- bis fünfgeschossig werden. Wo jetzt noch kleine Bagger Erdhaufen verschieben, wird bis im Frühling 2011 eine Blumenwiese ausgesät und Bäume gepflanzt. Ab dann sollen die Wohnungen bezugsbereit sein. «Hier werden wir noch zwei Stockwerke höher bauen», sagt Sethmacher und fügt an, «wir sind sehr gut im Zeitplan.»
 
Durch ihre Anordnung sind die Wohnungen von Lärm und fremden Blicken geschützt. Zugänglich sind sie über den Arkadenbereich, einen grossen, wettergeschützten Eingang. Die Grundrisse der Wohnungen sollen grosszügig angelegte Wohnlandschaften ermöglichen. Die dreieinhalb bis viereinhalb Zimmerwohnungen beinhalten weiträumige Bäder und Küchen, nutzungsneutrale Zimmer und ein Elternschlafzimmer.
 
Gleich neben dem Quartier Dietlimoos befindet sich die Zurich International School. Auch Ärzte und Einkaufsmöglichkeiten sind in wenigen Minuten erreichbar. Busse nach Zürich halten hier und der Bahnhof ist ebenfalls in der Nähe. Auf einem grossen Plakat vor den Baustellen steht: «Hier werden Wohnträume Realität.» Simone Britschgi, Sprecherin von Allreal, erklärt die Vorteile der Siedlung: «Die Wohnungen sind für Menschen, die es aus der Stadt hinaus zieht, aber ihre Nähe nicht missen wollen.»

Riesige Fussabdrücke

Die beiden Baufelder Eins und Zwei an der Grütstrasse und der Moosstrasse werden noch eine Weile in Betrieb sein. 209 Mietwohnungen im Minergie-Standard und eine Tiefgarage mit 226 Einstellplätzen, ebenfalls von den Architekten Baumschlager Eberle, entstehen hier. Die Bezugstermine sind etappenweise von Mai bis September 2011. Noch sind keine Fenster eingebaut. Violett leuchtendes Isolationsmaterial liegt gestapelt auf Paletten bereit. Aus dem Rohbau hallt ein Radio.
 
Auf sieben unterschiedlich grossen und differenziert bebauten Plateaus sind Gebäude verschiedener Höhe spielerisch angeordnet. Der Raum dazwischen ist aufgeteilt in öffentliche, halböffentliche und private Bereiche. Die sieben Plateaus liegen wie Fussabdrücke in einer dicht bepflanzten Umgebung. So sollen zusammenhängende Aussenräume entstehen. Hier wird eine dichte Pflanzenwelt wachsen und so die Zwischenräume zu Erholungszonen machen. Die innenliegenden Treppenhäuser werden natürlich belichtet und grosse Loggien schaffen Raum.

Verwunschenes Paradies

Inmitten dieses grossen Quartiers steht in einem verwunschenen Garten mit hohen Bäumen das Haus der Witwe von Robert Seleger, dem Rhododendren-Pionier. Angrenzend an das Grundstück wird der Quartierpark mit einer Fläche von 8820 Quadratmetern zu stehen kommen. Und dahinter befindet sich Baufeld Fünf, dessen 65 Eigentumswohnungen im Minergie-Standard von den Architekten Morger und Dettli schon seit letztem Frühling bezogen sind.
 
Wie Findlinge stehen die sieben fünfgeschossigen Bauten im leicht abfallenden Gelände. Drei Häuser orientieren sich nach Süden, die übrigen nach Westen zum Albis. Eine Frau mit Kindern tritt aus dem Neubau heraus. Die Baustelle störe sie nicht gross, man höre kaum etwas. Die Kinder rennen Richtung Park. Bald werden, wenn die Lastwagen und die Krane abgezogen sind, unter den Rhododendren wohl Hütten, Verstecke und Krämerläden entstehen.
 
Dann ist für kurze Zeit Stillstand auf der grossen Baustelle. Nicht weil sich die unzähligen Krane beim Manövrieren ineinander verhakt hätten, sondern weil es neun Uhr ist. Die Arbeiter ziehen ihre Helme aus, grüssen den Bauleiter und setzen sich in die rohen Wohnungen oder stehen auf den Balkonen mit Sicht aufs Naturschutzgebiet und beissen in ihre Brote. (Michael Hunziker)
 
 
 

Weitere beiteiligte Firmen:

Bauherrschaft
Allreal Generalunternehmung AG, Zürich
Helvetia Schweizerische
Lebensversicherungsgesellschaft AG, Basel
 
Architekten
Baumschlager Eberle, Zürich
Morger und Dettli Architekten, Basel
ARGE CH Architekten, Wallisellen
Di Iorio und Boermann Architektur, Zürich
 
Generalunternehmung
Allreal Generalunternehmung AG, Zürich
 
Bauingenieur
Jäger Partner AG, Bauingenieure sia usic, Zürich
 
Geologe
Grundbauberatung - Geoconsulting AG,
Zürich
 
Landschaftsarchitekt
Dardelet GmbH, Egg b. Zürich ZH
 
Elektroinstallationen
Melcom AG, Wallisellen