Neue Linienführung für umstrittene Hauptstrassen

Neue Linienführung für umstrittene Hauptstrassen

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Der Kanton Thurgau gleist zwei umstrittene Strassenprojekte neu auf: Die Bodensee-Thurtal-Strasse und die Oberland-Strasse haben im Richtplanentwurf des Regierungsrats eine neue Linienführung erhalten, welche die Landschaft stärker schont. Für die Realisierung der beiden Strassenprojekte sind 600 respektive 125 Millionen Franken veranschlagt.
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Die Bodensee-Thurtal-Strasse (rot) und die Oberlandstrasse (grün) haben eine neue Linienführung erhalten. Gestrichelt erscheinen jene Abschnitte, die erst realisiert werden, wenn eine bestimmte Verkehrsbelastung überschritten wird.
 
Ende September 2005 lehnten die Thurgauer Stimmberechtigten zwei Strassenprojekte im Umfang von 600 Millionen Franken in einer denkwürdigen Volksabstimmung deutlich ab (siehe «baublatt» 78/2005). Knapp vier Jahre später präsentiert der Regierungsrat des Ostschweizer Kantons im Rahmen der Revision des Richtplans eine überarbeitete Version der beiden Strassenprojekte.
 
Die Bodensee-Thurtal-Strasse (BTS) wird die A7 im westlichen Kantonsteil über die Wirtschaftszentren Weinfelden, Sulgen und Amriswil mit dem A1-Zubringer bei Arbon verbinden, kreuzungsfrei und ohne Langsamverkehr. Die BTS ist als zweispurige Hochleistungsstrasse mit Gegenverkehr ausgelegt und wird auf verschiedenen Abschnitten auf dem Trassee der heutigen Kantonsstrasse verlaufen. Wo dies nicht möglich ist, wird das künftige Trassee parallel zur Bahnlinie Frauenfeld–Romanshorn geführt. Weinfelden wird nördlich in einem Tunnel umfahren, dem sogenannten Ottenbergtunnel. Anschlusswerke sind bei Märstetten, Weinfelden, Bürglen, Sulgen, Erlen, Oberaach, Amriswil, Romanshorn, Egnach und Arbon geplant. Die Gesamtkosten für den Bau der BTS werden auf 600 Millionen Franken geschätzt.

Regierung hat dazugelernt

Der Regierungsrat hat damit seine Lehren aus dem Abstimmungsdebakel von 2005 gezogen: Waren damals noch zahlreiche Neubauabschnitte für die BTS geplant, wurde nun die Streckenführung in dem Sinne optimiert, dass ein möglichst geringer Kulturlandverlust resultiert. Die Kantonsregierung hat sich auch nicht gescheut, aufgrund von Einwänden während der Vernehmlassung nochmals an der Streckenführung zu feilen. Von der neuen Hochleistungsstrasse verspricht sich der Regierungsrat eine Verbesserung der Strassenverbindung im Mittel- und Oberthurgau sowie die wirkungsvolle Entlastung der Dörfer und Städte vom zunehmenden Verkehr. Insbesondere soll der Verkehr im Zentrum von Amriswil dank dem Bau der BTS um 50 Prozent verringert werden. Um den Verkehr so weit wie möglich auf die BTS zu lenken, plant der Kanton flankierende Lenkungsmassnahmen, für die er 75 Millionen Franken veranschlagt.
 
Die Linienführung der Oberlandstrasse (OLS) ist so ausgelegt, dass sie einerseits Kreuzlingen südlich in Ost-West-Richtung umfährt und anderseits die Verbindung zum Raum Amriswil und zur BTS in südöstlicher Richtung herstellt. Die OLS, welche über den Anschluss Kreuzlingen Süd mit der A7 verbunden ist, wird als Hauptverkehrsstrasse für den gemischten Verkehr ausgelegt. Nur ein kleines, rund einen Kilometer langes Teilstück der OLS zwischen der A7 und dem östlich davon gelegenen Weiler Bätershausen soll in absehbarer Zeit realisiert werden. Der Grossteil der OLS soll hingegen erst erstellt werden, wenn die Verkehrsbelastung in Langrickenbach südöstlich von Kreuzlingen 10 000 Fahrzeuge pro Tag übersteigt. Die Gesamtkosten für die Anpassung und den Ausbau des Strassennetzes zugunsten der OLS werden auf 125 Millionen Franken geschätzt.
 
Auch dieses Projekt hat eine starke Überarbeitung erfahren: Im Gegensatz zum Projekt von 2005 ist die Südumfahrung Kreuzlingen zwischen dem Anschluss Kreuzlingen Süd und Münsterlingen nicht mehr als Hochleistungsstrasse geplant. Die OLS soll zu einem grossen Teil auf dem Trassee bestehender Strassen geführt werden. Ein neues Trassee ist lediglich östlich von Bätershausen sowie zwischen Lengwil und Langrickenbach Richtung Amriswil vorgesehen und dieser Abschnitt wird, wie erwähnt, erst bei entsprechendem Verkehrsaufkommen ausgeführt.

Suche nach breitem Konsens

Der Thurgauer Baudirektor Jakob Stark unterstrich anlässlich der Präsentation des neuen Richtplans, bei der Planung würden alle betroffenen Bereiche, Organisationen und Personen einbezogen. Den Auftakt bildeten öffentliche Input-Veranstaltungen in allen von den beiden Strassenprojekten betroffenen Städten und Gemeinden. Dies sei ein wichtiger Input gewesen für die weiteren Planungsschritte, insbesondere für die definitiven Richtplan-Beschlüsse, betonte Stark. Der Baudirektor hob zudem hervor, dass die Planung der Verkehrslenkungsmassnahmen parallel zur Realisierung der neuen Strassen erfolgen müsse. «Mit den nötigen baulichen, technischen und weiteren Massnahmen wird dafür gesorgt, dass der Durchgangsverkehr wirklich die Entlastungsstrasse benutzt und das Dorf oder die Stadt meidet», versicherte Stark.
 
Diese Aussagen zeigen, dass die Thurgauer Regierung bestrebt ist, einen breiten Konsens hinsichtlich der Linienführung von BTS und OLS zu schaffen, um die Genehmigung der Linienführungen im Kantonsrat zu unterstützen und ein Abstimmungsdebakel wie 2005 zu vermeiden. (Massimo Diana)
 

Hintergrund

 
Ende August hat der Thurgauer Regierungsrat seine Botschaft zum revidierten Richtplan der Öffentlichkeit vorgestellt. Zuvor hatte der Revisionsentwurf das Bekanntmachungsverfahren durchlaufen. Nicht weniger als 270 Eingaben wurden in diesem Rahmen gemacht. Die Anhörung hat laut Regierungsrat gezeigt, dass «die wesentlichen Eckpfeiler weiterhin auf breiter Basis mitgetragen werden». Die Eingaben seien geprüft und der Richtplan, wo sinnvoll, angepasst worden. Eine grosse Zahl der Eingaben betrafen die Bodensee-Thurtal- sowie die Oberlandstrasse (siehe Hauptartikel).
 
Im Bereich Siedlung will die Kantonsregierung die bisher angestrebte Siedlungsentwicklung nach innen fortsetzen. Diese basiert auf der Förderung von Zentren und Entwicklungsräumen. Als neues Planungsinstrument sollen sogenannte «strategische Arbeitszonen» geschaffen werden. Dadurch ist für Grossinvestoren und einheimische Unternehmen klar ersichtlich, wo sie bei Bedarf geeignetes Bauland finden. Zurückgestellt hat der Regierungsrat auf Grund des mehrheitlich ablehnenden Echos die Erstellung eines Inventars erhaltenswerter Ensembles. Gemeint sind damit Baugruppen mit weniger als zehn Gebäuden. Ein Pilotversuch soll Aufschluss über die praktische Umsetzbarkeit geben.
 
Neu enthält der Thurgauer Richtplan das Bekenntnis zur 2000-Watt-Gesellschaft, die für die Jahre 2050 bis 2080 angestrebt wird. (md)