Nazi-Klotz wird zur Luxusanlange

Nazi-Klotz wird zur Luxusanlange

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Die ausrangierte Nazi-Siedlung Prora auf Rügen wird zu einer gigantischen Ferienanlage umfunktioniert. Investoren wittern das grosse Geschäft.

 

Prora ist eine Art Monster, das schwer und tot an der Ostsee liegt. Kilometer um Kilometer windet sich «der Koloss von Rügen» am Strand entlang, wie der ehemalige Naziklotz im Volksmund heisst. Die Dimensionen des Baus zeugen vom Gigantismus der Hitlerzeit: Der Kölner Architekt Clemens Klotz konzipierte acht identische, sechsstöckige Blöcke, jeder vierhundertfünfzig Meter lang. Eine ganze Stadt wollte man damals aus dem Boden stampfen, mit Kinos, Theatern, Festhallen, Seebrücken, Gemeinschaftshäusern, einer Gärtnerei, Schlachterei, einem Krankenhaus und einem Wasserwerk. Doch 1939 zog Deutschland in den Krieg, von der Nazistadt auf Rügen wurde einzig und allein der überdimensionierte Kasten «Prora» realisiert – und auch dieser nur halbpatzig.

 Der Rohbau blieb nach der Mobilmachung sich selbst überlassen, er diente als Lazarett und nach dem Krieg Zufluchtsort für Vertriebene. 1950 wurde das Betonmonster zu einer der monumentalsten Kasernenanlagen in der DDR um- und ausgebaut. Auf die Rote Armee folgte die Bundeswehr, doch diese 1993 zog aus. Im denkmalgeschützten Ungetüm haben nistende Schwalben, eine Jugendherberge und ein Informationszentrum über Freizeit im Nationalsozialismus ein Zuhause gefunden. Natürlich haben sich immer wieder einzelne Investoren für Prora interessiert, doch ein Gesamtkonzept gab es nie. Dies soll sich nun ändern.

 Die Berliner Vermögensverwaltungs GmbH & Co. KG hat das Projekt «Wohnen in Prora» lanciert: Grosszügige Wohnungen mit edlem Parkett und hohem Innenausbau werden zehntausend Zimmer mit je zwei Betten, einem Waschbecken, einer Sitzecke, einem Schrank sowie Lautsprechern für Führerreden und Marschmusik ersetzen. Die Wohnungen kosten zwischen 100'000 und 300'000 Euro. Hotels, Läden, Cafés und Shops vervollständigen das riesige Feriendomizil, einen Katzensprung vom feinsten Ostseesand entfernt.

 Nicht alle sind begeistert von diese Idee: Die Gemeinde Binz auf Rügen hätte Hitlers Klotz lieber abgerissen gesehen, in einem Teil wäre eine Hochschule willkommen gewesen. Auch bangen Wirte und Hotelbetreiber um ihre Stammkundschaft. Das Informationszentrum wird, zusammen mit der Geschichte von Prora, wohl  bald verschwinden und dem Vergessen anheimfallen. Das Geld der Investoren hat den Koloss endgültig verschluckt. (cet)