Naturprodukt Plastik

Naturprodukt Plastik

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Teaserbild-Quelle: zvg
An der Milan Design Week machte ein einzigartiges Kunstprojekt Furore: Das holländische Designstudio Formafantasma recherchierte und experimentierte mit Kunststoffen, die nicht auf Erdöl basieren. Stattdessen sind sie natürlichen Ursprungs und deshalb auch biologisch abbaubar.
 
 
Die euphorische Plastic Fantastic-Ära ist vorbei. Grund dafür ist das schlechte Image von Erdöl, und auf eben diesem basieren alle modernen Kunststoffe. Zudem werden Plastikobjekte mit Massenware gleichgesetzt, was ebenfalls nicht zu einem guten Ruf beiträgt. Gibt es vielleicht auch Plastik ohne Erdöl? Woraus entstanden alte plastikähnliche Objekte, die im 19. Jahrhundert aufkamen? Warum gibt es keinen Bio-Kunststoff? Solche Fragen beschäftigten das Designstudio Formafantasma. Die beiden Designer dahinter, Andrea Trimarchi und Simone Farresin, schlagen mit ihren Arbeiten eine Brücke zwischen Kunsthandwerk und Industrieproduktion. Das neuste Projekt des Studios im holländischen Eindhoven heisst Botanica.

Rinderblut und Holzmehl

Das kreative Duo tat so, als gäbe es die Erfindung von erdölbasierten Kunststoffen nicht und tauchte ein ins 18. und 19. Jahrhundert. Damals tüftelten Wissenschaftler und Forscher an neuen Materialien. Bois Durci war eines davon. Es war ein Proteinoplast, das vor allem in Frankreich zwischen 1855 und 1927 zur Herstellung von Bilderrahmen, Albumdeckeln usw. verwendet wurde. Die Zutaten für diese Pressmasse waren Abfallprodukte: Rinderblut aus den Schlafthöfen und Mehl tropischer Hölzer, das bei der Möbelproduktion anfiel. Bekannter ist der um 1900 erfundene Werkstoff Schellack, aus dem Schallplatten hergestellt wurden, bis die Vinylplatten in den 1940er-Jahren aufkamen. Schellack ist das harzartige Sekret, das gewisse Insekten auf Bäumen hinterlassen. Verbreitet waren neben Schellack auch Werkstoffe wie Kopal (Baumharze) oder Gummi.

Archaisch und zeitgemäss

Mit diesen urtümlichen Werkstoffen begannen die zwei Designer zu experimentieren. Sie mischten Ingredienzen zusammen, machten Entwurfsstudien und versuchten die alten Plastikrezepturen in neue Formen zu bringen. Das Ergebnis ist eine Kollektion von Behältern und Vasen, deren elementare Formen zugleich archaisch und zeitgemäss wirken. Oberfläche und Farbe verströmen mehr als einen Hauch von Natur: sie sind sozusagen Natur pur.

Gummi aus Löwenzahn

Formafantasma versteht das Projekt als Anregung in einer Zeit, in dem über eine Post-Erdöl-Phase nachgedacht wird. Bereits gibt es diverse Blogs, auf denen User Informationen austauschen zum Thema selbstgemachter Kunststoff. Und eine Universität in Amerika importierte kürzlich Löwenzahn aus Russland in riesigen Mengen. Ziel ist ein Forschungsprojekt, um eine verloren gegangene Tradition, aus Löwenzahnwurzeln Gummi zu entnehmen, wiederzubeleben. (ka)