Nachhaltigkeit liegt uns Schweizern nahe

Nachhaltigkeit liegt uns Schweizern nahe

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Teaserbild-Quelle: zvg
Nachhaltigkeit ist zu einem oft zitierten Begriff geworden. Wie das Thema in der Projektentwicklung und im Baugeschäft konkret umgesetzt wird, erklärt Alec von Graffenried von Losinger Marazzi. Sein Verständnis geht weit über das Thema Energie hinaus.
 
 
Sowohl im Wohn- als auch im Geschäftsbau geht der Trend noch mehr in Richtung Hochhäuser, unter anderem unter dem Druck hoher Bodenpreise und von Verdichtung. Machen Hochhäuser unter dem Aspekt der Nachhaltigkeit Sinn?
Von Graffenried: Bestimmt wird die Schweiz nie Hochhausquartiere haben, wie sie in den USA, in Paris oder auch im Bankenviertel in Frankfurt anzutreffen sind. An den Knotenpunkten des öffentlichen Verkehrs wie zum Beispiel beim Bahnhof Hardbrücke in Zürich können Hochhäuser aber punktuell zu einer hohen Verdichtung und damit einer nachhaltigen Nutzung des knappen Bodens dienen.
 
Nehmen wir das prominente Beispiel Prime Tower. Welche konkreten Aspekte der Nachhaltigkeit haben bei diesem Prestigebau die beteiligten Projektleiter oder Sie besonders beschäftigt?
Neben der erstklassigen Lage des Prime Towers ist hier vor allem auf die Gold-Zertifizierung nach dem amerikanischen LEED-Standard hinzuweisen (Leadership in energy and environmental design). Interessanterweise waren es die ausländischen Geschäftsmieter, die die Zertifizierung verlangten. Dies werten wir als Hinweis für die künftigen Trends.
 
Hat ihre Firma weitere Hochhäuser in der Pipeline?
Neben dem Prime Tower steht bereits der Mobimo Tower. Auf dem gleichen Areal vorne beim Gleisfeld wird noch ein rund 60 Meter hoher Wohnturm entstehen. In der Westschweiz verfolgen wir ebenfalls ein Hotelprojekt in einem Hochhaus. Und für weitere Projekte sind wir offen.
 
Wie kommen Sie als breit interessierter Politiker und Jurist eigentlich dazu, die Stabsstelle Nachhaltigkeit bei Losinger zu leiten?
Ich arbeitete viele Jahre als Rechtsanwalt und habe mich dabei immer mit Themen rund ums Bauen beschäftigt. Was ich am besten kann und wovon ich ein vertieftes Verständnis habe, ist Baurecht. Hinzu kommt mein politisches Engagement, bei dem Umwelt, Ökologie, Verkehr oder Raumplanung immer im Zentrum standen. Auch als Statthalter von Bern blieb ich als Baubewilligungsbehörde mit Baufragen verbunden. Anschliessend suchte ich aber wieder eine Aufgabe, die noch näher beim Bauen liegt. So nahm ich mit meinem jetzigen Arbeitgeber Kontakt auf, landete dann aber nicht im Rechtsdienst, wie man vielleicht vermuten könnte, sondern leite heute den Bereich nachhaltige Entwicklung.
 
Und wie kam das Thema Nachhaltigkeit in ihre Firma?
Nachhaltigkeit, die Nähe zur Natur, Ökologie und ein schonender Umgang mit Ressourcen liegen uns Schweizern traditionell nahe. Im Rahmen des Bouygues Konzerns, zu dem Losinger seit 1990 gehört, war die Vorgeschichte aber eine andere. Bouygues ist ein französischer Baukonzern mit Grossbaustellen rund um den Globus. Vor rund sechs bis sieben Jahren kamen n Frankreich Themen wie Klimaerwärmung und die Sorge um unseren Planeten auf die politische Agenda. Solche Fragestellungen hat dann auch Präsident ¬Sarkozy nach seiner Wahl stark vorangetrieben. In der Folge haben sich die französische Wirtschaft und die Unternehmen den neuen Fragestellungen gewidmet. Die Konzernspitze von Bouygues forderte alle Einheiten auf, sich konkrete Gedanken über Nachhaltigkeit zu machen und die laufenden Bestrebungen zu bündeln.
 
Was ist das Kerngeschäft ihres Arbeitgebers?
Losinger Marazzi und die Tochterfirma Marazzi GU sind ausschliesslich im Hochbau tätig, wir bauen in der ganzen Schweiz Wohnungen, Büros, Geschäftszentren und Logistikbasen. Unsere Kernkompetenz sind Projektentwicklungen. Nehmen wir zum Beispiel das ¬Projekt City West in Zürich: Als Coop sein altes Verteilzentrum von Zürich-West nach Dietikon verlegte, zeichneten wir für die ganzen Planungen, die Projektentwicklung und die Architekturwettbewerbe auf diesem Areal verantwortlich und realisieren zur Zeit das ¬Vorhaben auch selber. Wir sind aber weder Architekt, Bauingenieur noch Investor. Unsere Aufgabe ist es, das Ganze zu ermöglichen, indem wir alle diese Akteure zusammenbringen, das Projekt zur Baureife bringen und schliesslich auch noch die Nutzer wie zum Beispiel einen Hotelbetreiber oder Büromieter finden.
 
Wie bringen Sie als Direktor Nachhaltige Entwicklung das Thema konkret ein?
Wir haben in unserer Firma ein sehr umfassendes Verständnis von Nachhaltigkeit. Es geht uns um mehr als Energie oder das Minergie-Label. Unser Nachhaltigkeitsprogramm nennt sich «Actitudes», ein Wortspiel aus Action und Attitude. Über konkretes Handeln verändern wir unsere Haltung. Das funktioniert tatsächlich. Es kommt mir oft so vor, als ob wir plötzlich von einem Virus befallen wären. Es ist unglaublich spannend, jeden Tag nach Optimierungen zu suchen und sich Gedanken zu machen, wie wir unsere Baustellen noch umweltgerechter führen oder welche Innovationen wir aufnehmen könnten.
 
Welche Dimensionen gehören zur Nachhaltigkeit?
Wie gesagt, wir haben ein sehr umfassendes Verständnis von Nachhaltigkeit; sie umfasst im Sinne der ursprünglichen UNO-Definition soziale, ökologische und wirtschaftliche Aspekte. Unser Programm ist in insgesamt sieben Schwerpunkte gegliedert, wobei sich jeder davon einer Anspruchsgruppe widmet. Dazu gehören unter anderem unsere Kunden, die Mitarbeiter, Lieferanten und Subunternehmer oder auch die Öffentlichkeit. Für die einzelnen Schwerpunkte haben wir Massnahmen definiert. Sie reichen von der Behindertenintegration über die Ethik bis hin zur Abfallentsorgung.
 
Es würde wohl zu weit führen, alle Punkte im Einzelnen zu erläutern. Aber könnten Sie zwei Beispiele nennen?
Ganz zentral ist für uns etwa die Arbeitssicherheit. Das sehen wir als grosse Verantwortung unseren Mitarbeitenden auf der Baustelle gegenüber. Unser Erfolg in dieser Hinsicht ist konkret feststellbar: In der Suva-Statistik sind wir seit einigen Jahren führend. Dies ¬bedingt jedoch umfassende Sicherheitsmassnahmen auf den Baustellen und deren pingelige Durchsetzung. Wichtig sind uns weiter soziale Anliegen bei der ¬Gestaltung und Planung von Bauprojekten. Etwas überspitzt gesagt: Natürlich wäre es oft am einfachsten und lukrativsten, eine Bürowüste zu erstellen und zu ¬verkaufen. Unser Ideal sind aber funktionierende Quartiere, die sich mit Leben füllen. Zur Illustration verweise ich auf unser Projekt Eikenøtt in Gland am Genfersee: Hier realisieren wir ein ganzes Quartier mit ganz unterschiedlichen Wohnungen für verschiedene Zielgruppen, mit Einkaufsmöglichkeiten vor Ort und einer extensiv begrünten Umgebung.
 
Wie nehmen Sie konkret Einfluss? Nehmen Sie an den Planungssitzungen teil?
Das wäre gar nicht möglich. Bei uns arbeiten mehrere Hundert Projektleiter, und jeden Tag finden in allen ¬Teilen der Schweiz irgendwelche Projektsitzungen statt, einer alleine kann da nicht viel ausrichten. Meine Aufgabe ist die eines Koordinators.Es geht darum, die entsprechenden Sichtweisen und das Know-how zu verbreiten, zu schulen und in die Prozesse einfliessen zu lassen. Es ist wichtig, dass bei uns die einzelnen Projektleiter ¬diese Grundsätze kennen und anwenden, entsprechend unserem breiten Verständnis von Nachhaltigkeit, angefangen bei der Standortwahl über die Erschliessung bis hin zur Energieversorgung und zu sozialen Aspekten. Für uns sind die SIA-Empfehlungen 112-1 zum nachhaltigen Bauen wegweisend. Wir haben dazu einen eigenen Index entwickelt, mit dem die einzelnen Kriterien des nachhaltigen Bauens gemessen werden können. ¬Gestützt auf den Index kann jeder einzelne Projektleiter sein Projekt bezüglich nachhaltiger Aspekte beurteilen und optimieren.
 
Würde Ihre Firma auf gewisse Geschäfte verzichten, wenn minimale Standards punkto Ökologie und Nachhaltigkeit nicht eingehalten sind?
Natürlich sagen wir unseren Kunden, was wir empfehlen. Und wenn einer sagt, er wolle ein nachhaltiges Projekt, haben wir ausgezeichnete Instrumente, um Optimierungen vorzuschlagen. Aber es gilt auch der Grundsatz «Der Kunde ist König». Wir zwingen unsere Kunden nicht zum Glück. Ablehnen würden wir Aufträge natürlich dann, wenn sie gesetzeswidrig wären.
 
Was sind nach Ihrer Meinung die Motive der Immobilien-Investoren, nachhaltig zu bauen?
Der Druck kam zu Beginn von Nutzerseite. Zum Beispiel war am Prime Tower ursprünglich kein Label oder ¬Zertifikat vorgesehen – bis sich eine Bank aus dem angelsächsischen Raum als Mietinteressent meldete und als Erstes nach einer LEED-Zertifizierung fragte. Ein Druck in Richtung Nachhaltigkeit ist heute bei Kunden und ¬Investoren deutlich spürbar, es hat sich also bereits vieles verändert. Im letzten Jahr haben wir 65 Prozent unserer Bauten zertifiziert, 2011 streben wir 100 Prozent an.
 
Stellen Sie bei den Labels nicht auch einen Wirrwarr an verschiedenen Ansätzen und Anforderungen fest?
Bei unseren neuen Projekten «Twist again» und ¬«Majowa» in Bern-Wankdorf suchten wir das bestmögliche Label und entschieden uns für das DGNB Gold (Deutsches Gütesiegel für Nachhaltiges Bauen). Das angelsächsische LEED deckt auch sehr vieles ab, bietet aber Kompensationsmöglichkeiten. Eine Energieschleuder von einem Gebäude kann hingegen bei DGNB nicht durch andere Qualitäten aufgewogen werden, hier gelten in verschiedener Hinsicht Mindestanforderungen. Die DGNB Labels sind daher nach meiner Auffassung das, was eine umfassende Qualität in Nachhaltigkeit am besten abbildet. Minergie oder der Ansatz 2000-Watt-Gesellschaft sind aus dieser Sicht zu einseitig auf Energie ausgerichtet. Ich gehe aber davon aus, dass sich Minergie noch weiterentwickeln wird.
 
Wird aber Nachhaltigkeit nicht immer noch zu eindimensional betrachtet?
Ich denke, bei den heute gängigen Labels könnte man den Massstab noch etwas strenger anlegen. Aber es ist klar: Jedes Projekt und jedes Gebäude muss sich auch am Verbrauch an grauer Energie, den Ressourcen für den Betrieb oder der damit ausgelösten Mobilität messen lassen. Selbst die neue Monte-Rosa-Hütte ist so gesehen nicht nachhaltig, wenn die Touristen den Weg dorthin mit dem Flugzeug und Auto zurücklegen. (Jürg Zulliger)
 

Mehr zu den erwähnten Projekten

Beaulieu-Areal, Lausanne: Der Turm am schönen Ort
 
Im März 2011 hat die Stadt Lausanne folgende Pressemitteilung herausgegeben:
 
Beaulieu ist die das viertgrösste Messegelände der Schweiz. Nach der Einweihung der neuen Südhallen (siehe Bilderstrecke, Fassade mit quadratischen Fenstern) schlägt der Stadtrat dem Gemeinderat den Bau eines Hochhauses an Kopf der Front Jomini vor. Der Komplex verbindet ein Hotelangebot verschiedener Preisklassen, ein Restaurant, Büros und Wohnungen. Das ambitionierte Projekt des Büros Pont 12 verspricht einen grosszügigen Öffentlichkeitsbereich. Die Gärten würden sich zur Stadt hin öffnen und der Turm verspricht maximale Freiflächen. Die Pressemeldung ist mit dem euphorischen Titel überschrieben: «Beaulieu, en route vers la tour» – was frei übersetzt soviel heissen will, wie: Startschuss für den Turm.
 
In der Zwischenzeit ist die Diskussion um den Turm heftiger geworden. Am 12. August war zu lesen: Hat ein Hochhaus Platz im Lausanner Quartier Beaulieu? Diese Frage stellt die «24heures» bezüglich des geplanten «Taoua»-Turms des Lausanner Büros Pont 12. Dem Projekt droht das Referendum. «Dieser Turm ist ein Monster. Er steht für ein Stadtbild, das mir Angst macht» erklärt stellvertretend Jean Meylan, ehemaliger Gemeinderat der SP. Zuversichtlich gibt sich dagegen Olivier Français, Vorsteher des Baudepartements: «Das Projekt wird überzeugen». (as)
 
Wohnüberbauung Eikenott, Gland, Kanton Waadt: Nachhaltig diversifiziert
 
Am Ende Juni wurde das Projekt Eikenott der Presse vorgestellt. Es wurde von der Firma Losinger Marazzi und von der Baufinag gemeinsam entwickelt. Das nachhaltige Engagement der Firma Losinger Marazzi berücksichtigt wirtschaftliche und soziale Werte ebenso wie Anliegen der Umwelt. Die Überbauung Eikenott ist im Minergie-Eco-Standard geplant und soll Wohnungen für alle Gesellschaftsschichten bieten. Durch verschiedene Begegnungszentren und Geschäftsareale soll ein lebendiges Quartier entstehen. Die Landschaftsarchitektur soll der Biodiverisität Rechnung tragen. Bei der Mobilität wird auf den öffentlichen Verkehr gesetzt.
 
Das Projekt umfasst 20 Gebäude auf 8 Hektaren mit 432 Wohnungen à 48-130 Quadratmetern (85% vermietet, 15% Eigentum). Total sollen einmal 1200 Menschen das Quartier bevölkern, was etwa 10 % der heutigen Einwohnerzahl von Gland ausmacht. Die Investitionskosten belaufen sich auf 260 Millionen Franken.
 
Chronologie des Projekts
  • 2003 Erste Kontaktaufnahme mit den Grundeigentümern
  • 2004 Beginn der Zusammenarbeit mit der Gemeinde
  • 2007 Städtebaulicher Wettbewerb
  • 2008 Lancierung des Gestaltungsplans
  • 2009 Sozialstudie bezüglich der Bedürfnisse der zukünftigen Bewohner / Entwicklung des Projekts Eikenott
  • 2009 öffentliche Auflage des Gestaltungsplans
  • 2011 Baueingabe
  • 2011 Gestaltungsplan in Kraft gesetzt / Baufreigabe / Vermarktung der Eigentumswohnungen
  • 2013 erster Bezugstermin
 
 
Alec von Graffenried ist seit 2007 Direktor Nachhaltigkeit bei der Baufirma Losinger Marazzi, die zum Bouygues-Konzern gehört. Er wuchs in Bern auf, studierte Rechtswissenschaft und arbeitete als Fürsprecher. Dabei hat er sich immer auch mit Fragen rund ums Bauen befasst, auch in seiner Funktion als Statthalter von Bern. Von Graffenried wurde 2007 für die Grüne Partei in den Nationalrat gewählt, wo er der Kommission für Rechtsfragen angehört. Der 49-jährige wohnt in Bern, ist verheiratet und Vater von vier Kindern.