Nach den Kelten und den Schiffen die Bagger

Nach den Kelten und den Schiffen die Bagger

Gefäss: 
Nach hundert Jahren Schiffsumschlag wird seit heute nun das letzte Kapitel des Basler Rheinhafens St. Johann geschrieben: Bis 2011 sollen alle Silos und Krane für den Novartis-Campus abgebrochen sein. Basel übergibt den ältesten Hafen nicht nur frei von Altlasten sondern auch frei von den Spuren der Kelten.
 
Ein Bagger stach symbolträchtig das Beton-Getreidesilo neben der Dreirosenbrücke an, das markanteste der 20 Gebäude im Hafen St. Johann. Gearbeitet wird dabei in erster Linie mit Seil- und Grossbagger. Der Rückbau der Gebäude dauert voraussichtlich kommenden Februar. – Der Deal von 2005 zwischen Kanton und Konzern bringt Novartis mehr Fläche für Forschungslabors, dem Kanton eine Rheinpromenade und Arbeitsplätze. Das Kantonsparlament bekomme die Baukreditvorlage für die Uferpromenade ins elsässische Hüningen noch vor Ende Jahr, so Bau- und Verkehrsdirektor Hans-Peter Wessels des Kantons Basel-Stadt sprach vor den Medien.

220'000 Tonnen Hafengrund ausheben

Ein Rekurs gegen die Abbruch-Vergabe hatte den Beginn ein halbes Jahr verzögert. Diese Zeit nutzten Archäologen, um mehr Spuren der wichtigen grossen Kelten-Siedlung zu sichern, die unter dem Hafenboden liegt (siehe Box). Bis Ende 2011 sollen dann 220'000 Tonnen teils kontaminierter Hafenuntergrund ausgehoben werden. Nach über 100 Sondierbohrungen auf dem Hafenareal geht der stellvertretende Tiefbauamtschef Rodolfo Lardi davon aus, dass die Altlasten das Grundwasser nicht tangieren. Falls doch, rechnet er damit, dass die Sanierung teuer wird, grund: der Pegel müsste angesenkt und es müsste noch mehr Boden ausgehoben werden. Nach dem Abriss und Aushub wird das Hafenareal baubereit eingeebnet mit 150'000 Tonnen Kies, per Schiff angeliefert. Der Aushub, der zumeist zur Aufbereitung nach Rümlang ZH geht, wird teils per Bahn abtransportiert. Deswegen bleiben einzelne Geleise noch länger in Betrieb; auch zwei der fünf grossen Hafenkräne helfen abbauen.
 
Der Hafen St. Johann war 1906-1911 für die Kohle-Anliefung an das dortige Gaswerk gebaut worden. Die Kohle-Vergasung samt Verwertung anfallender Stoffe ist die Wiege der chemisch-pharmazeutischen Industrie. Grosse Teerölbecken von damals sind bis heute im Boden geblieben, mit polyzyklischen aromatischen Kohlewasserstoffen.

Ein Mekka für Architekturinteressierte

Novartis' Projekt und der Abbruch des ältesten und kleinsten der vier Rheinhäfen am Rheinknie, verändert nicht nur das St. Johann-Quartier. Zumal anderswo Ersatzkapazitäten für den Massengüterumschlag geschaffen werden mussten, wie ein markantes Silo am Hafenbecken II in Basel gleich neben der deutschen Grenze. Novartis ihrerseits will auf dem Hafenareal seinen Campus um Bauten weiterer renommierter Architekten arrondieren, wie Martin Batzer als Leiter Pharma Basel sagt: Rem Kolhaas, Rahul Mehrotra, Jan Navarro und Herzog und de Meuron sollen bis 2014 dazu beitragen.
 
Die Diskussionen um die Zukunft der Rheinhäfen haben auch alte Fronten ins Wanken gebracht. Denn über gut 15 Prozent des gesamten Schweizer Aussenhandels wird über sie abgewickelt, darunter ein Drittel des landesweiten Mineralölimportes. (mai/sda)
 
 

Keltensiedlung unter der Gasfabrik

Die keltische Siedlung beim Basler Voltaplatz nahe der heutigen französisch- schweizerischen Grenze zählte 150 bis 80 vor Christus 500 bis 1000 Bewohner. Nachdem ein erstes Gräberfeld schon 1917 aufgetaucht war und ein zweites im Zuge der Campus-Notgrabungen gefunden wurde, wird jetzt noch ein drittes unweit des Grenzzauns zum Elsass am Rhein vermutet. Dies sagt Kantonsarchäologe Guido Lassau. Kürzlich sei zudem ein grosser Töpferofen entdeckt worden. Eine Fundstelle liegt direkt an der heutigen Rheinbord-Kante. Bevor die Archäologen jeweils loslegen können, untersucht eine Spezialfirma den Grund nach Giften; zu sehr verschmutzte Fundstellen werden zum Schutz der Forschenden nicht untersucht, sondern entsorgt.

Wegen Zeitmangels vor Ort will Lassau einen interessanten Sektor en bloc ausheben und anderswo sorgfältig auseinandernehmen. Dazu soll jenes 1,5 auf 1,5 Meter messende Bodenstück von etwa sieben Tonnen Gewicht mit einem Metallrahmen gesichert, mit Hochdruck unterbohrt, mit Beton unterfangen und schliesslich per Kran weggehoben werden. Der Fund-Kontext ist wichtig für die Interpretation der gefundenen Objekte. Neue Details sollen nach den Sommerferien bekannt gegeben werden. - Denjenigen Teil der einstigen Keltensiedlung, der vom Campus nicht tangiert wird und der unter der Voltamatte liegt, hat die Basler Regierung mittlerweile unter Denkmalschutz gestellt.

Mit Rettungsgrabungen wird seit 2002 auf Novartis-Boden etappenweise an der Freilegung der 2100 Jahre alten Keltensiedlung gearbeitet. Bereits seit 1989, als daneben der Bau der Autobahn Nordtangente begann, werden die Spuren der Kelten intensiv erforscht. Die archäologische Fundstelle hat nationale Bedeutung. (sda)