Mit Mut und Intelligenz

Mit Mut und Intelligenz

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Flora Ruchat-Roncati und Marcel Meili philosophieren über die Chancen und Schwierigkeiten für junge Architekten und ihre Büros am Karrierestart und über den Nutzen der universitären Ausbildung.
 
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Das Architekturbüro Saana hat ein experimentelles Gebäudes geschaffen, das im Zuge der Interaktion im 21. Jahrhundert neue Arten von Bildung ermöglicht.
Wie schätzen erfahrene Architekten die Situation für junge Büros am Karrierestart ein? Was sind die Schwierigkeiten? Wo liegen die Chancen? Wir haben uns mit der Tessinerin Flora Ruchat-Roncati, einer wichtigen Vertreterin der Schweizer Architektur nach 1960, und dem Zürcher Marcel Meili, Teilhaber des Büros Meili Peter Architekten, unterhalten. Als Resultat ihrer Lehrtätigkeit an der ETH kennen sich beide in Sachen Berufsnachwuchs aus: Sie, inzwischen emeritiert, wurde 1985 zur ersten ordentlichen Professorin berufen, er hat eine Professur für Architektur und Entwurf inne. Sie hat ihre Karriere in den 60er-Jahren begonnen, er in den 80ern. Ruchat unterrichtete Hunderte von Erstsemestrigen und beteiligt sich heute nicht mehr an Bauaufgaben; Meili ist mit einem eigenen Architekturbüro aktiv: Die beiden vertreten verschiedene Generationen und Karrieremodelle, sie mögen auf den ersten Blick zwei unterschiedliche Auffassungen widerspiegeln. Doch letztlich ergänzt sich das, was sie sagen, fügt sich zu einem Gesamtbild.
«Gibt es Erfolgsrezepte für junge Architekten?» Auf diese Frage reagiert Flora Ruchat irritiert, fast verärgert. «Was meinen Sie überhaupt mit Erfolg?», möchte sie wissen. Zu Recht. Erfolg lässt sich nur schlecht definieren, auf einen Nenner bringen. Und schliesslich ist es jedem Architekten selber überlassen, was er für ein Ziel erreichen möchte. Was für ihn Erfolg ist, wie und woran er ihn misst. Ist es monetäres Auskommen, die Zahl der Aufträge oder die Anerkennung im Architekten- und Bauherrenumfeld, wonach er strebt? Für Flora Ruchat ist klar, was zählt, worin die Erfüllung – und damit auch der Erfolg – liegt: «Meinen Studenten wünsche ich, dass sie Architektur lieben und leben können. Denn Architekt-Sein ist nicht auf einen Achtstundentag begrenzt, sondern es ist ein Lebensentwurf.»
 

Die Bekanntesten sind nicht unbedingt die Besten

Dass heute Erfolg gemeinhin mit Stardasein, Ruhm und grossen Namen gleichgesetzt wird, findet Ruchat problematisch. «Die sich am vehementesten in Szene setzen, sind nicht unbedingt die Besten, obwohl sie die Erwartung der Bauherrschaft und deren Streben nach Unverwechselbarkeit und Identität durch eklatante Lösungen befriedigen mögen.» Das prägnante Hervortreten einzelner Architekten ergebe zwar, fährt sie fort, eine Erleichterung des Bauprozesses; denn es biete sich für die Bauherrschaft geradezu an, für eine Realisierung einfach den Architekten mit dem prestigeträchtigsten Namen zu wählen. Für junge Büros aber sei es unter diesen Bedingungen sehr schwierig, sich durchzusetzen.
Laut Ruchat ist die Ausrichtung von Wettbewerben der ehrlichste, korrekteste und demokratischste Weg, Aufträge zu vergeben, weil dabei ausschliesslich die Qualität eines Entwurfs bewertet werde. In der Schweiz funktioniere dieses Instrument gut, auch Büros am Karrierestart hätten reelle Chancen. Wettbewerbe mit Altersbegrenzung – etwa bis 40 Jahre – hält die Architektin für durchaus sinnvoll. «Es gäbe viel zu tun für die Jungen», sagt Flora Ruchat. «Die Stadt zersplittert, ufert in unendliche territoriale Dimensionen aus. Man baut heute nicht mehr im Kontext, sondern den Kontext. Diese Entwicklung auch im Hinblick auf die heutige Gesellschaft mitzutragen und in einem gewissen Mass zu steuern, erfordert grosse Sensibilität.»
Heute noch können Architekten natürlich nicht einfach entwerfen, was sie wollen: Vorlagen, Richtlinien, Bauvorschriften jeder Art. «Die Büros brauchen Intelligenz und Mut», stellt Ruchat fest, «um zu wagen, vorgegebene Programme neu zu interpretieren, eigene Ideen darin umzusetzen. Der Architekt soll sich im Schmuggeln üben, muss versuchen, seinen ganz eigenen Sinn für Ästhetik, sein Herz und seine politische Überzeugung trotz der Wünsche der Auftraggeber – und im Einklang mit ihnen – durchscheinen zu lassen», sagt sie und schmunzelt. «Schlau zu sein, dies haben die talentierten Jungen heute ganz gut im Griff.» Und dann beruft sich Flora Ruchat auf ein Zitat des Architekten und Futuristen Antonio Sant’Elia: «Jede Generation wird ihre eigene Stadt bauen.»
Marcel Meili schätzt die heutige Situation folgendermassen ein: «Das traditionelle, relativ abgesicherte Berufsmodell ‹Architekt› besteht nicht mehr. Die Auftraggeber, die Programme, die Finanzierung, der Bauprozess – alles hat sich verändert.» Architektur zu betreiben, heisse heute zuerst einmal, im professionellen Umfeld überhaupt eine Rolle zu finden, zu definieren und dann durchzusetzen. Deshalb spiele ein unterscheidbares, spezifisches Profil des Büros eine viel grössere Rolle als noch vor einigen Jahren. «Um ein Büro aufzubauen, braucht es neben der fachlichen Qualifikation eine ausserordentliche Palette von weiteren Begabungen», sagt der ETH-Professor, «welche im Studium gar nicht abgefragt werden können: breite kulturelle und politische Wahrnehmungsfähigkeit, Kommunikations- und Durchsetzungsfähigkeit, Führungstalent, technische und betriebswirtschaftliche Begabung, prozessuale Intelligenz.» Auch habe sich mit der sukzessiven Zurückdrängung des Architekten aus dem Konstruktions- und Bauprozess-Bereich sein Betätigungsfeld bei Entwurf und Konzeption ausgeweitet. Fähigkeiten in visueller Kommunikation, im Marketing, im dreidimensionalen Entwerfen und in der Bildproduktion seien gefragt. «Und all dies», schliesst Meili, «erfordert einiges Talent ausserhalb der klassischen Tätigkeit des Architekten.»
Inwiefern wird die universitäre Ausbildung den bestehenden Anforderungen überhaupt gerecht? Wo liegt der Zuständigkeitsbereich der Universität? Flora Ruchat sagt: «Die Universität vermittelt den Sockel, auf dem man aufbauen, sich vertiefen und sich spezialisieren kann. Die Universität bildet aus. Und vor allem bildet sie. Sie schafft die Voraussetzung, die es erlaubt, überhaupt im Beruf weiterzumachen.» Sich stetig zu bilden erachtet die Professorin als besonders wichtig. Sie definiert: «Bildung ist die endlose Ausbildung.»
Um dies zu illustrieren, zitiert Ruchat einen ehemaligen Professorenkollegen: «Das Architekturstudium ist wie ein Blumenkohl. Kompakt und hart im Stamm, gegen aussen immer verzweigter, in einem Bouquet aus vielen kleinen Rosen abschliessend.» Für Lehrende gehe es am Anfang der Ausbildung auch darum, überhaupt zu erkennen: «Das, was ich mache und machen will, ist meine Natur, und ich bin zufrieden. Aus diesem Wissen bildet sich der Stamm des Blumenkohls. Wer ohne Freude und Überzeugung an die Arbeit geht, baut nur schiefe Sachen.»
Man merke oft bereits im Studium, hat Ruchat erfahren, wenn die Freude, das Interesse, sich zu bilden, nicht vorhanden seien. Und dann stelle sich auch der Erfolg – egal in welchem Sinn – nicht ein. Umgekehrt, sagt Meili, könne man Potenzial manchmal schon sehr früh in der Ausbildung erkennen, «weil ein architektonisches Talent über eine ungewöhnlich breite Wachheit und Anregbarkeit an den Rändern der Architektur verfügt».
Ob er als erfahrener Architekt und erfolgreicher Büroteilhaber einige Tipps für junge Berufskollegen bereithabe, möchte man von Marcel Meili abschliessend wissen. «Nein», sagt er, «die wissen selber gut genug, was sie zu tun haben.»
 
von Rebekka Kiesewetter