Minergie antwortet auf ETH-Debatte

Minergie antwortet auf ETH-Debatte

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Im Kampf gegen den Klimawandel fordert das Departement Architektur der ETH Zürich auf die Emissionsfreiheit von Gebäuden statt auf Energiesparen um jeden Preis zu setzen. Dabei nimmt sie bisher bewährte Baustandards, insbesondere das Label Minergie, ins Visier. Der Verein nimmt Stellung dazu.
 
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Preisgekrönter Minergie-Bau: Das Leutschenbach-Schulhaus wurde unter anderem mit dem Prix Acier ausgezeichnet.
 
Seit 15 Jahren prägt Minergie das nachhaltige Bauen in der Schweiz. Teil des Konzepts ist eine kontinuierliche Weiterentwicklung des Standards. Minergie mit seinen unterschiedlichen Leistungsstufen gibt die Ziele bezüglich Energie, Komfort und Werterhaltung vor, überlässt den Planenden indessen die Wahl des Weges. Zur Reduktion der CO2-Emissionen im Gebäudebereich waren und sind im Markt bewährte Massnahmen als auch neue Ansätze jederzeit willkommen, die in geeigneter Form in die Leistungsstufen integriert werden.
 
Professorinnen und Professoren des Departements Architektur an der ETH Zürich haben an der Tagung „Towards Zero-Emissions Architecture“ vom 19. November 2010 ihr Konzept zum Paradigmenwechsel – vom Energiesparen zur Emissionsfreiheit – präsentiert. Speziell wird die Wärmedämmung von Minergie in Frage gestellt, mit dem Argument, dass die (berechneten) technischen Möglichkeiten von erdgekoppelten Wärmepumpen die Bedeutung des Wärmeschutzes relativiert, insbesondere wenn das bewirtschaftete Erdreich im Sommer mit Wärme alimentiert wird. Sowohl an der Tagung wie im Vorfeld zu dieser Veranstaltung haben verschiedene Exponenten des ETH-Departements Architektur die Zweckmässigkeit von Minergie offen kritisiert. Ihre Aussagen haben zu Medienäusserungen wie „Minergie überholt? ETH will Emissionsfreiheit" geführt (NZZ vom 19. November 2010).
 
Sind die Ansätze von Minergie tatsächlich überholt? Was ist denn überhaupt neu an den Vorschlägen der ETH? Ist die ETH-Kritik ein konstruktiver Beitrag zur Förderung des nachhaltigen Bauens in der Schweiz?
 

Erfolg von Minergie

Minergie hat sich seit seiner Entstehung zum mit Abstand wirkungsvollsten und kostengünstigsten Instrument der Kantone und des Bundes zur Reduktion des Verbrauchs an importierter Energie entwickelt. Es werden heute rund 25 Prozent des gesamten Neubauvolumens nach Minergie zertifiziert. Die etwa 20'000 Bauten mit rund 20 Millionen Quadratmeter Energiebezugsfläche, die seit der Einführung des Baustandards zertifiziert wurden, reduzieren den Energieverbrauch um jährlich 120 Millionen Liter Öläquivalent und 320'000 Tonnen CO2. Minergie hat mehrere tausend Arbeitsplätze in der Bauindustrie geschaffen und der Wert der zertifizierten Bauten erreicht rund 50 Milliarden Franken. Der Standard weist weltweit die mit Abstand grösste Marktdurchdringung aus. Im Standard mit der zweithöchsten Dichte, dem Passivhaus, existieren im 10-mal grösseren Markt Deutschland nur etwa gleich viele Bauten wie Minergie-Objekte in der Schweiz. Die meisten "Passivhäuser" sind zudem nicht zertifiziert. Minergie gilt als Vorzeigebeispiel von Schweizer Cleantech Wissen und weckt reges Interesse im Ausland, etwa in China, USA oder Japan. Minergie funktioniert zu einem wesentlichen Teil so gut, weil es damit erstmals gelungen ist, die Kräfte der Schweizer Baubranche für das Thema Energieeffizienz zu bündeln.
 
Mit der Entwicklung von Minergie hat sich das Bild von energieeffizientem Bauen stark gewandelt – die neu geschaffene, systematische Verbindung mit Komfort und Werterhaltung hat es zum erstrebenswerten Ziel für Viele gemacht. Es ist deshalb nicht erstaunlich, dass sich immer weitere Kreise für die neue Art des Bauens interessieren.
 

Minimierung des Verbrauchs oder der CO2-Emissionen?

Mit der ETH-Pressemitteilung wird vermittelt, Minergie fokussiere auf das Energiesparen. Erst der neue Ansatz der ETH-Architekturabteilung lenke auf die Reduktion der Emissionen. Richtig ist: Der Minergie-Standard bedingt einen maximalen Wert des Endverbrauches an nichterneuerbaren Energien und limitiert damit die zur Diskussion stehenden CO2-Emissionen. Dieser Wert kann einerseits durch Massnahmen zur Reduktion des Energieverbrauchs, wie Wärmedämmung und Wärmerückgewinnung, andererseits durch Einsatz erneuerbarer, das heisst CO2-freier Energien, wie Energie aus Solarstrahlung, aus der Umwelt oder aus Holz, erreicht werden. Der Verein Minergie ist weiterhin der Überzeugung, dass im heutigen Umfeld dieser zweispurige Ansatz für die Ziele des Klimaschutzes und der Ressourcenschonung am aussichtsreichsten ist, weil er damit zwei Branchen der Bauwirtschaft, Hülle und Haustechnik, einbezieht.
 
Die Basisstufe des Standards wurde anhand der Vision 2050 von 1994 (1) bemessen, die sich das Ziel eines CO2-Ausstosses von zwei Tonnen pro Einwohner und Jahr gesetzt hat. Der gewählte Standard erlaubt die Zielerreichung für Bauten. Zudem sollten die damit verbundenen Kosten verhältnismässig sein. Elektrizität wird, im Vergleich zu fossilen Brennstoffen, mit einem Faktor 2 bewertet, um deren fossil-thermischen Hintergrund in der europäischen Stromversorgung in politisch akzeptierter Form Rechnung zu tragen.
 
Der Minergie-Standard ist also nichts anderes als ein einfaches und breit einsetzbares Instrument zur Minimierung des Verbrauchs fossiler Brennstoffe und der CO2-Emissionen. Das war die Absicht der beiden Erfinder, Heinz Uebersax und Ruedi Kriesi, und dieser Zielsetzung wurde 2008 auch mit einer Minergie-Charta erneut Nachdruck verliehen. Heute stellt das Bundesamt für Energie denn auch klar fest, dass Minergie mit grossem Abstand das effizienteste und günstigste Instrument zur CO2-Reduktion des Bundes darstellt. Ein wichtiger und eindeutiger Leistungsausweis von Minergie zur CO2-Minderung.
 

Minergie trägt dem integralen Konzept des nachhaltigen Bauens Rechnung

Die zusätzlich zum Energieverbrauch geforderte Luftdichtheit, ein optimales Mass an Wärmedämmung der Hülle und der steuerbare Luftwechsel in Wohn- und Arbeitsräumen sind eng mit den übergeordneten Kriterien Komfort und Werterhaltung verknüpft. Minergie veranschaulicht dadurch, dass für nachhaltiges Bauen eine Vielzahl von zusammenhängenden Faktoren eine Rolle spielt und diese in Form eines integralen Gebäudekonzeptes zur Anwendung gebracht werden müssen.
 
Diese Anforderungen machen deshalb selbst dann Sinn, wenn erneuerbare Energie in ausreichender Menge zu tiefen Preisen verfügbar wäre:
 
  • Eine undichte Hülle bedeutet im kalten Schweizer Klima häufig (zu) trockene Raumluft und unangenehmen Luftzug im Winter sowie generell eine unkontrollierte Infiltration von Staub und Lärm.
  • Ungenügende Dämmwerte – etwa bei der Wahl von Zwei- statt Dreifachverglasungen – beeinträchtigen durch die kühlen inneren Oberflächen der Aussenwände den Raumkomfort und erhöhen das Schimmelrisiko in Ecken und hinter Möbeln.
  • Der steuerbare Luftwechsel, im Regelfall mittels Komfortlüftung garantiert, gewährleistet im dicht abgeschlossenen Innenraum auch genügend Frischluft, wenn der Nutzer nicht anwesend ist oder nicht an das Lüften denkt. Dies erhöht umgekehrt auch ganz wesentlich den Anteil der Nutzer, die weder am Tag noch in der Nacht unkontrolliert und unter grossen Energieverlusten Räume über stundenlang offene Fenster lüften.
  • Eine dichte und gute gedämmte Bauhülle minimiert den Leistungsbedarf der Haustechnik. Damit reduzieren sich die Auswirkungen von ungünstigem Benutzerverhalten weiter. Ein im Winter über längere Zeit offen stehendes Fenster kann nicht durch eine grosse Heizleistung kompensiert werden. Es wird vielmehr kalt im Raum und der Benutzer korrigiert sein Verhalten und schliesst das vergessene Fenster. Das schützt ihn wiederum vor trockener Luft. Der kleine Leistungsbedarf minimiert zudem das Risiko von Fehlern in der Haustechnik. Während Wärmedämmungen mit grosser Zuverlässigkeit die dokumentierte Leistungsfähigkeit erreichen, ist dies etwa bei den Jahresarbeitszahlen von Wärmepumpen längst nicht immer der Fall; zu hohe Speichertemperaturen und zu knappe Wärmequellen erhöhen den Stromverbrauch gegenüber dem Planungswert leicht um 50 Prozent.
  • Eine gute Dämmung verlangsamt den Temperaturabfall im Winter bei Ausfall der Haustechnik im Pannenfall oder gar bei Ausfall der Stromlieferung. Das Haus als Wärmespeicher überbrückt den Zeitraum bis zur Reparatur.
 

Minergie – eingebettet in Staat und Wirtschaft

Die minimal geforderte Wärmedämmung von Minergie-Bauten richtet sich nach den Anforderungen der Kantone. Deshalb erübrigen sich in vielen Kantonen für Bauten mit Minergie-Zertifikat weitere Nachweise gegenüber den Vollzugsbehörden. Weitere Anforderungen werden nicht gestellt und Planende sind frei, ihre favorisierte Lösung zu realisieren. Dies hat in den vergangenen Jahren zu zahlreichen innovativen Lösungen durch Bauherrschaften, Architekten, Haustechniker und Systemanbieter geführt.
 
So hat sich in den letzen Jahren die elektrische Wärmepumpe – erdgekoppelt oder luft-basiert – in Kombination mit Bodenheizungen und tiefen Vorlauftemperaturen zur dominanten Heiztechnik für Minergie-Bauten entwickelt. Geräte, die im Sommer Wärme aus der Raumkühlung an das Erdreich als Saisonspeicher zurückspeisen, um sie im Winter wieder zu nutzen, werden ebenso standardmässig eingesetzt wie CO2-gesteuerte Komfortlüftungen zur Minimierung des Betriebstroms und der winterlichen Luftaustrocknung.
 
Allein der Pionierstandard Minergie-P stellt weitergehende Anforderungen an die Gebäudehülle. Gerade dadurch hat er seine ihm zugedachte Funktion als Innovationstreiber für kostengünstigen Wärmeschutz und passive Solarenergienutzung erfüllen können. Eine Minimierung des Bedarfs an zugeführter Energie macht nach Einschätzung von Minergie in jedem Fall Sinn –sowohl durch Optimierung der Dämmung als auch der Haustechnik, weil es noch lange dauern wird, bis erneuerbare Energien in grosser Menge zum richtigen Zeitpunkt und zu marktfähigen Kosten verfügbar sein werden. Zudem beanspruchen auch erneuerbare Energien für Herstellung, Installation und Betrieb erhebliche Ressourcen und verursachen gesellschaftliche, wirtschaftliche und ökologische Lasten. Ihr Einsatz muss deshalb, als Teil eines integrierten Gebäudekonzeptes, optimiert und nicht maximiert werden.
 

Minergie-Konzept begrüsst neue Bedürfnisse und Lösungen

Minergie verbindet den technischen Ansatz der Verbrauchsminimierung bis zur kostengünstigen Anwendung erneuerbarer Energien mit dem Marketingansatz, der die Nebennutzen der effizienten Energieanwendung, nämlich Komfort und Werterhalt, in den Vordergrund stellt. Dieser Ansatz ist anfangs der 90-er Jahre entwickelt worden und hat sich sehr bewährt, gerade weil er undogmatisch ist, immer offen für neue technische Ansätze und Anforderungen an Komfort oder Wirtschaftlichkeit. So wurde das ursprüngliche Basisniveau mit der Leistungsstufe Minergie-P für die optimierte Hülle und mit dem Zusatz ECO für erweiterte bauökologische und gesundheitliche Aspekte ergänzt. Zudem wurde der Nachweis für den sommerlichen Wärmeschutz in den Standard integriert. Zurzeit steht das Leistungsniveau Minergie-A in Vernehmlassung. Damit soll eine Kategorie von Bauten gefördert werden, die dank sinkender Kosten der Solarenergienutzung ihren gesamten Wärmebedarf – mindestens in der Jahres-Bilanz – decken, bei gleichzeitig minimiertem Bedarf an Grauer Energie und Haushaltstrom. Zudem erarbeitet Minergie, zusammen mit Immobilienfachleuten, mit der Uni und der ETH, mit Bundesämtern und dem Verein Eco-Bau, eine Erweiterung des Labelling zu einem umfassenden Nachhaltigkeitsstandard. Damit soll der Standard angepasst werden und für ausländische Investoren attraktiv sein. Dadurch ergibt sich eine an die Schweizer Bauqualität angepasste Alternative zu den Standards LEED, BREEAM oder DGNB.
 
Es ist dieser umfassende und integrale Ansatz von Minergie, der die einmalige Verbindung zwischen Wirtschaft und Politik von Bund und Kantonen ermöglicht, der Leistungen und Produkte schafft, die ganz offensichtlich von der laufend wachsenden Zahl von Mitgliedern und Anwendern geschätzt wird und der die starke Position von Minergie für das pragmatische, zukunftstaugliche Bauen in der Schweiz erklärt.
 
Im Interesse der Förderung des nachhaltigen Bauens in der Schweiz, der Chancen zum Export von Planungs-Knowhow und Gebäudetechnologie sowie der Cleantech-Positionierung unseres Landes gilt es jetzt, nicht Bewährtes als nutzlos und überholt zu bezeichnen, theoretische Extrempositionen zu vertreten und nationale Grabenkämpfe zu eröffnen. Vielmehr sollten Protagonisten von neuen Ideen mit Minergie zusammenarbeiten und die diversen Foren zur Erweiterung des Minergie-Standards nutzen, um diesen zu verbessern, die Kräfte zu erhalten und somit einen konstruktiven und wirkungsvollen Beitrag zur CO2-Reduktion und zur Ausschöpfung des wirtschaftlichen Potenzials des nachhaltigen Bauens in und ausserhalb der Schweiz zu leisten.
 
(1) Energieplanungsbericht des Kantons Zürich. Bericht des Regierungsrates, 14. Dezember 1994
 
Siehe dazu auch "Aufstand der Architekten".