Mikado auf freiem Feld

Mikado auf freiem Feld

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Teaserbild-Quelle: Iwan Baan
Unweit von Basel steht der neuste Bau von Jacques Herzog und Pierre de Meuron. Für die Firma Vitra haben die beiden Architekten einen aufsehenerregenden Showroom entworfen, bei dem sich zwölf einzelne Kuben zu einem eindrucksvollen Ausstellungsgebäude formieren. Eckart Maise, verantwortlich für die im Neubau ausgestellte Home-Collection, gibt Auskunft.
 
 
Seit über zwanzig Jahren entstehen auf dem Firmengelände des Möbelherstellers Vitra im grenznahen Weil am Rhein architektonische Höhepunkte. Am bekanntesten dürfte das firmeneigene Museum von Frank Gehry sein, das mit schwungvollen Formen schon von Weitem auf sich aufmerksam macht. Neben der viel beachteten Feuerwehrstation von Zaha Hadid haben bekannte Baukünstler wie der Portugiese Alvaro Siza, der Japaner Tadao Ando und der Engländer Nicholas Grimshaw ihre Spuren hinterlassen.
 
Der neuste Wurf auf dem grosszügigen Areal ist das Gebäude von Herzog & de Meuron, in dem die Vitra Home-Collection ausgestellt ist. Zwölf lange Betonriegel sind scheinbar zufällig auf- und übereinandergestapelt. Die kurzen Seiten sind vollflächig verglast und erinnern mit ihren meist fünfeckigen Querschnitten an die Häuser in Kinderzeichnungen. Am Tag holen die grossen Öffnungen die umgebende Landschaft ins Rauminnere, während der Nacht leuchten die einzelnen Seiten laternengleich. Den Zugang zum Gebäude erreicht man über ein Holzdeck, das an einzelnen Riegeln hochgezogen und zu Sitzbänken im XXL-Format ausgebildet wurde. Neben dem Foyer befinden sich hier auch das Bistro und der Shop.
Besucher können den Gebäude-Stapel wahlweise über Treppen erklimmen oder sich mit dem Lift ins oberste Geschoss fahren lassen und eine «promenade architecturale» absolvieren. Durch die unregelmässige Anordnung der einzelnen Volumen entstehen neben den grosszügigen Ausstellungsflächen zahlreiche verwinkelte Räume, die mit passenden Objekten aus der Home-Collection möbliert wurden. Knacknuss beim anspruchsvollen «Chlötzli»-Spiel ist die Erschliessung. Ausser dem Lift gibt es kein durchgehendes vertikales Element. Die Verbindungen sind von Haus zu Haus ausgeführt worden, woraus eine Vielzahl von verschiedenen Treppenarten resultiert. Einerseits gibt es vom Empfangsraum her aufsteigend eine breite Haupttreppe, dazu verschiedene schmalere und grosszügige Verbindungswege. Orientierung bieten dabei die grosszügig verglasten Stirnflächen der einzelnen Häuser mit den Ausblicken in die Umgebung.
 
 

Von Beginn an dabei

Von Anfang an beim Projekt dabei war Eckart Maise (siehe untenstehend «Zur Person»), der die Home-Collection aufbaute und mit dem eben eröffneten Bau von Herzog und de Meuron einen repräsentativen Ausstellungsort erhalten hat.
 
 
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Welches ist Ihr Lieblingshaus?
Eckart Maise: Mein Favorit ist das Oberste, in dem sich ein loftähnlicher Raum befindet. Es gibt geniale Ausblicke in die Landschaft, die durch die grossen Fenster ins Innere gezoomt werden.
 
Wie wohnen Sie selber?
In einem alten Gebäude, das einmal als Druckerei gedient hat. Mit einer Collage von Möbeln unterschiedlichster Herkunft. Das geht von klassischen Schränken über selbst Gebautes bis zu Vitra-Möbeln.
 
Es ist nachmittags um drei und auf dem Gelände und im Gebäude geht es zu und her wie in einem Bienenhaus, die Besucher werden sogar Carweise vorgefahren. Sie sind Sie überrascht von diesem Zuspruch?
Wir präsentieren hier zum ersten Mal unsere eigenen Produkte der Home-Collection in einem solch spektakulären architektonischen Rahmen. Wir haben uns natürlich erhofft, dass wir viele Besucher anlocken können, sind jetzt jedoch, fünf Wochen nach der Eröffnung, sehr positiv überrascht vom grossen Interesse.
 
Herzog und de Meuron gelten als eigenwillige Architekten mit einem starken Willen und die beiden bedienen nicht jeden Bauherrn. Wie hat es die Firma geschafft, die Stars für das Projekt zu engagieren?
Für unseren Besitzer und Chairman Rolf Fehlbaum war klar, dass er nach längerer Baupause von rund 16 Jahren auf unserem Gelände, mit den beiden zusammenarbeiten wollte. Da Fehlbaum und die beiden Architekten eine langjährige Freundschaft verbindet, scheint es mir logisch, dass Herzog de Meuron zum Zug kamen. Beide Parteien waren sehr interessiert, miteinander zu arbeiten.
 
Haben die Architekten für die Planung eine «Carte blanche» erhalten oder gab es präzise Vorgaben?
Es war ein langjähriger Planungsprozess, der im Jahr 2006 begann. Der Ansatz der Planungsvorgabe ging davon aus, eine Ausstellungsfläche für unsere Home-Collection zu schaffen. Natürlich erhielten die Architekten ein genaues Raumprogramm mit den benötigten Flächen. Auch das Thema des «Häuslichen» war ein wesentlicher Punkt der Vorgabe und natürlich das Planungsgelände
 
Haben die Architekten bei der ersten Projektpräsentation dieses jetzt verwirklichte Objekt gezeigt?
Die Grundidee war vom ersten Moment an offensichtlich. Schon die erste Gedankenskizze zeigte die übereinander geschichtete Ansammlung einzelner, lang gestreckter Häuser mit Giebeldächern. Das war der einzige Ansatz, der dann auch weiterverfolgt wurde. Die Form der Häuser bezieht sich auf eine Recherche der Architekten hier in der Gegend.
 
 
Konnte die Anlage dann zügig geplant werden?
Es war ein ziemlich geradliniger aber auch anspruchsvoller Prozess der Realisierung. Es galt natürlich auch Knacknüsse zu lösen, wie beispielsweise die Erschliessung mit Treppen und Liftanlage, welche die übereinandergestapelten Volumina verbinden.
 
Image-Consultants raten Firmen immer wieder zu einem einheitlichen Auftritt, einer Corporate Identity. Auf dem Betriebsgelände ist das Gegenteil der Fall. Jedes Gebäude wurde von einem anderen Architekten geplant, der Mix könnte unterschiedlicher nicht sein. Trotzdem ist Vitra eine sehr erfolgreiche Firma. Wo sehen Sie die Gründe?
Ich bin der Meinung, dass es kein einheitliches Rezept gibt, nach dem man sein Unternehmen ausrichten soll. Unsere Gebäude sind so entstanden, wie auch unsere Möbel entstehen. Wir überlegen bei jedem Objekt neu, wer der entsprechende Benutzer ist. Man muss immer situationsbezogen arbeiten und auch den Mut finden, mit Partnern zusammenzuarbeiten, die einen überraschen. Wichtig ist, dass man mit seinen Produkten und Gebäuden eine dezidierte Haltung zeigt. Ein qualitativ hochstehendes Gebäude lässt natürlich auch die Produkte leuchten, die darin ausgestellt werden. Es kann jedermann inspirieren – und das jeden Tag. Ich arbeite jetzt schon seit 15 Jahren für das Unternehmen, und es ist jedes Mal eine Freude auf das Gelände zu kommen.
 
Die Gebäude auf dem Firmengelände haben mit der Home-Collection vieles gemeinsam: Unterschiedlichste Designer haben über einen Zeitraum von fünfzig Jahren verschiedenste Möbel für Ihre Firma kreiert, genauso wie verschiedenste Architekten ihre baulichen Spuren hinterlassen haben.
So verschiedenartig die auf dem Campus realisierten Gebäude und ihre Architekturen sind, sie sind schlussendlich alle Zweckbauten und müssen einwandfrei funktionieren. Dieses neue Haus oder auch die neue Produktionshalle vom japanischen Büro Saana dienen trotz ihrer speziellen Form in erster Linie der Funktion. Jedes dieser Gebäude hat für unsere Firma auch eine prägende Wirkung entfaltet, oft haben diese Bauten Entwicklungen im Unternehmen vorweggenommen.
 
Es ist aber auch ein geschickter Schachzug, mit bekannten Architekten zu bauen. Man kann sicher sein, dass dieses Objekt eine grosse Beachtung findet, die sich dann auch im Interesse für das Gesamtunternehmen niederschlägt.
Für das neue Gebäude als Ergebnis der Zusammenarbeit von Herzog und de Meuron mit uns trifft dies sicher zu. Als wir jedoch vor 20 Jahren mit anspruchsvoller Architektur auf dem Gelände begonnen haben, waren unsere Architekten nur Insidern bekannt. Generell kann man sagen, dass wir in Architektur und Design nicht mit jungen Hochschulabgängern arbeiten, sondern mit Büros, die eine erkennbare eigene Haltung und Richtung vertreten. Hier suchen wir aber immer wieder Überraschendes.
 
Geht die alte Unternehmerweisheit «zuerst investieren und dann garnieren» auch beim Herzog de Meuron-Gebäude auf?
Das Haus ist eine wichtige Investition in die Zukunft – für unser Geschäft im Wohnen, für die Marke und für den Standort Weil am Rhein. Zu einer Investition gehört natürlich auch, den Besucherbetrieb und die Nutzung im Sinne der Unternehmensziele zu planen. Dabei haben uns die Erfahrungen des Vitra Design Museums geholfen. Beim Museumsbau vor 20 Jahren war es noch eher so, dass wir nicht wussten, wie gross das Interesse an diesem Bau und dessen wechselnden Inhalten sein würde. Über die Jahre haben wir gelernt, was die Besucher interessiert und wie wir sie ansprechen können. Alleine in den letzen Jahren hatten wir jeweils über 100 000 Besucher pro Jahr bei unseren Architekturführungen.
 
Kann man hier vor Ort gleich Möbel kaufen?
Wir beraten hier zwar Interessierte, aber für den eigentlichen Verkauf übergeben wir die Kunden an unsere Händler. Man könnte das neue Ausstellungs-Gebäude als Hybride bezeichnen, als eine Mischung aus Showroom und Geschäft. Unser Personal informiert und berät zwar, jedoch eher zurückhaltend.
 
Wie sieht das Konzept für die Möbel-Ausstellung in den zwölf Häusern aus?
Das Grundthema ist die Collage. Farben, Formen und Möbel-Typen sind in Wohnsituationen und seltener in systematischen Darstellungen angeordnet, die Updates mit neuen Möbeln verläuft fliessend. Eine Ausnahme bildet im obersten Haus ein Loft, das wir etwa zweimal pro Jahr neu möblieren. Daneben haben wir unseren Klassikern wie Eames, Noguchi oder Nelson eigene Flächen eingerichtet.
 
Sind weitere Objekte auf dem Gelände geplant?
Im Moment geht das Produktionsgebäude von Sanaa in die Endphase. Geplant ist in nächster Zeit die Verwirklichung eines neuen Schulungs- und Workshopgebäudes des chilenischen Architekten Alejandro Aravena.
 
Wie ist das letzte Geschäftsjahr für Ihre Firma gelaufen?
Die weltweite Wirtschaftskrise hat auch uns getroffen. Wobei man bei unterscheiden muss zwischen unserem Büro- und Home-Bereich. Bei den Büroeinrichtungen mussten wir stärkere Einbussen verzeichnen. Im Home-Bereich hingegen sieht es erfreulich aus, da gabs praktisch kein Einbruch. Die Krise war für unser Unternehmen allerdings nie existenzbedrohend. 
 
Interview von Thomas Staenz
 
ZUR PERSON
 
Eckart Maise (45) studierte Betriebwirtschaft in Deutschland, Frankreich und Italien. Seit 15 Jahren arbeitet er bei Vitra. Zuerst im Vitra Design Museum, wo er den Produkte-Bereich und das Kaufmännische leitete. Ab 2004 baute Maise die erfolgreiche Home-Collection auf, die mit dem eben eröffneten Herzog und de Meuron-Bau einen repräsentativen Austellungsort erhalten hat. Momentan ist Maise verantwortlich für Produkt-Entwicklung, Produkt-Management und Marketing-Kommunikation. (tst)