Manchmal sind Stadiondächer ein Verbrechen

Manchmal sind Stadiondächer ein Verbrechen

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Teaserbild-Quelle: wikimedia.org, Jaiber 2495, CC

Er gehört zu den weltweitführenden Spezialisten für Sportbauten: Architekt und Ingenieur Martin Wimmer spricht in einem Interview mit dem Tages-Anzeiger darüber, wie Stadien unsere Gesellschaft im Lauf der Zeit widerspiegeln und wie sie gebaut werden sollen.

Der Kenner der Arenen heisst Martin Wimmer, ist Architekt und hat soeben sein Buch „Stadionbauten. Handbuch und Planungshilfen“ veröffentlicht. Im Interview mit dem Tages-Anzeiger sagt er, dass Stadien heute Architektur seien und vor allem einem Zweck erfüllen müssten: Stimmung im Stadion zu erzeugen. Ausserdem müsste die Kesselwirkung gegeben sein. Er meint damit steile Ränge direkt neben dem Spielfeld, „sodass man den Spielern guten Tag sagen – oder sie beleidigen könnte“. Auch die unkontrollierbare Dynamik der Masse müsse bei der Planung eines Stadions berücksichtigt werden. „Rowdytum muss architektonisch verhindert werden. Das betrifft vor allem die Fluchtwege und die Absperrgitter und deren Abstände zu den Rängen.“

Was die Überdachung betrifft, so sollten die Ränge heutzutage gedeckt sein. „Obwohl es eigentlich schade ist.“ Der Blick in den Himmel sei früher mitunter das Schönste an einem Stadionbesuch gewesen. Vielleicht ist das Universitätsstadion in Mexiko-Stadt deswegen das Lieblingsstadion Wimmers. „Es hat eine derart faszinierende Form, dass jedes Dach ein Verbrechen wäre.“

Was Stadien über unsere Gesellschaft verraten

Der Architekt, der an der Entwicklung des „industriellen Bauens“ in der DDR und am Bau des Leipziger Zentralstadions beteiligt war, sieht in den Stadionbauten aber auch ein Spiegel der Gesellschaft. Als Beispiel nennt er die Inszenierung der Olympischen Spiele 1936 durch die Nationalsozialisten. „Sie passte perfekt zum Berliner Olympiastadion: ein monumentaler Bau mit geometrischen Formen, der sich an antiken Sportbauten orientiert, dazu klassizistische Stilelemente.“ Wie anders nehme sich dagegen das Münchner Olympiastadion aus den 70er-Jahren aus: kein gewaltiger, alles dominierender Ingenieurbau, sondern eine transparente, in die Landschaft integrierte Sportstätte. Die modernen Stadien zeigen Wimmer, dass unsere Gesellschaft „kapitalistisch“ ist. „Stadionbauten machen den Siegeszug von Kommerz und Konsum besonders deutlich.“

Missbrauch von Architektur immer möglich

Die Tatsache, dass ein Stadion aus den Menschen eine Masse macht, bereitet Martin Wimmer kein Unbehagen. Unheimliche massen könnten sich überall formieren. Aber er weiss auch: „Der Missbrauch von Architektur ist immer möglich – ein Sportstadion kann etwa für öffentliche Exekutionen zweckentfremdet werden.“ Doch wie sollten Architekten von Vornherein wissen, was Historiker auch erst nachher merkten?

Dass Architekten den Stadionbau  in undemokratischen boykottieren sollen, davon verspricht sich Wimmer nicht allzu viel. „Wer weiss, ob damit den richtigen Leuten in die Suppe gespuckt wird? Ausserdem könnten Stararchitekten ihre Prestigeprojekte nicht mehr verwirklichen!“ (pd)

Hier gehts zum Interview (mit Bilderstrecke) im Tages-Anzeiger

Quelle: 
wikimedia.org, Jaiber 2495, CC
Universitäts-Stadion Mexico City