Lisa hat das letzte Wort

Lisa hat das letzte Wort

Gefäss: 
Teaserbild-Quelle: pd
Seit mehr als 15 Jahren erforscht die Hochschule Luzern das intelligente Gebäude, seit 2008 zeigt sie die Zukunft des Wohnens im iHomeLab in Horw LU. Mit nützlichen, aber nicht lästigen technischen Lösungen sollen Komfort und Sicherheit für möglichst viele Nutzer verbessert werden.
pd
Quelle: 
pd
Das iHomeLab soll helfen, das Wohnen neu zu denken. Diesen Anspruch zeigt allein schon die eigenwillige Gebäudehülle.

Am Anfang ist das Wort: «Hallo Chef!» sagt eine Frauenstimme, wenn Betriebsleiter Dieter von Arx die Türen zum iHomeLab öffnet. Wer das eigenwillige Gebäude auf dem Campus Horw betritt, soll seine herkömmlichen Vorstellungen vom Wohnen ablegen. Und damit auch die Meinung, dass ein Gebäude nicht zu sprechen habe. In Horw aber ist «Lisa» oft zu hören. Die Frauenstimme ist gleichsam das Sprachrohr des Gebäudes und verkündet zum Beispiel: «Ich habe alle Geräte vom Netz genommen» – «Die Herdplatte ist noch an». So bildet «Lisa» eine Brücke zwischen Mensch und Technik, wie von Arx erläutert: «Ganz wichtig ist das Thema Mensch-Maschine-Interaktion. Die beste Gebäudeautomation nützt nichts, wenn wir sie nicht verstehen und auf unsere Bedürfnisse anpassen können.» Und weil das Herumklicken auf einem Tabletcomputer nicht alle Mieter und Hauseigentümer begeistert, versucht man in Horw auch andere Wege zu gehen, etwa über die Sprache oder die Gestik. Gerade für ältere oder wenig technikaffine Menschen könnte «Lisa» die moderne Technik zugänglicher machen als das raffinierteste Bildschirmmenü.

Das Beispiel der Sprachsteuerung zeigt, worum es im iHomeLab geht: Mit einer Mischung aus Hightech, Forschung und viel gesundem Menschenverstand will man das intelligente Wohnen massentauglich machen. Die drei wichtigsten Forschungsgebiete sind dabei Energieeffizienz, Komfort und Sicherheit. Laut Alexander Klapproth, Leiter iHomeLab und Professor an der Hochschule Luzern, konnte sich das iHomeLab dank seines grossen Netzwerks als Forschungsdienstleister für verschiedene Herstellerfirmen etablieren: «Derzeit laufen verschiedene interessante Projekte. Für einen grossen Player der Gebäudeautomation machen wir Technologien für das Internet der Dinge verfügbar, etwa mit Sensorfunknetzwerken.» Ein weiterer Kunde ist ein Startup für Leuchtmittel: «Wir statten LED-Leuchtmittel mit Sensoren und dezentraler Intelligenz aus. ­Damit können sie gleichzeitig auf Benutzer und Lichtverhältnisse reagieren und sich energieeffizient verhalten.»

Wer ist wo?

Nicht nur die Sensoren oder Leuchten, auch das Gebäude selbst soll intelligent sein. Ein besonderes Augenmerk liegt in Horw auf der Personen- und Objektlokalisation. Denn damit das Gebäude richtig reagieren kann, muss es nicht nur wissen, wo sich seine Benutzer befinden, es muss sie auch zweifelsfrei identifizieren können. Ein ein-ziges Verfahren führt hier selten zum Ziel. Deshalb besitzt das iHomeLab eine Vielzahl verschiedener Sensoren und Technologien. Dazu gehören etablierte Techniken wie Funk- und Ultraschallnetze, aber auch eine überraschend solide ­Lösung aus dem Kinderzimmer. Die Microsoft-Spielkonsole «Kinect», die ihre Spieler aufgrund der Bewegungen erkennen und verfolgen kann, steht in einer modifizierten Version im Wohnzimmer. Wer sein Smartphone gerade nicht auf sich trägt, kann die Haustechnik so auch mittels Gesten steuern. Interessant ist auch das Aufrüsten banaler Alltagsgegenstände wie Schlüsselbund und Portemonnaie. Werden diese mit einem Mikrochip ­versehen, kann das intelligente Gebäude beim Suchen helfen und den Besitzer im Windeseile an den richtigen Ort lotsen. «Wichtig sind zwei Dinge», sagt von Arx, «erstens die intelligenten Geräte und Sensoren und zweitens deren Ver-netzung über einen Home-Server.» Dazu dienen im iHomeLab nicht nur bekannte Funktechniken, sondern auch Low-End-Lösungen wie Lichtwellenleiter aus billigem Plastik, die sich problemlos in bestehende Kanäle einziehen lassen. Die moderne Gebäudetechnik muss dabei nicht immer im High-Tech-Gewand erscheinen. Auch robuste alte Drehschalter aus Bakelit lassen sich mit Funkchips aufrüsten.

Unauffällige Hilfe

Laufend kommen neue Lösungen auf den Markt und ermöglichen es, anstelle spezieller Fernbedienungen ein normales Smartphone für die Gebäudesteuerung einzusetzen. Mit dieser Strategie setzt das iHomeLab auf das «Internet der Dinge» (siehe Artikel «Schlaue Haustechnik muss nicht teuer sein», Seite rechts unten). Mit diesem Konzept versucht man, die jeweils vorhandene Hardware zu nutzen und über gängige Internetprotokolle zu vernetzen. Diese Entwicklung zeigt sich auch beim Ambient Assisted Living (AAL). Mit AAL, das am iHomeLab intensiv erforscht wird, soll die Gebäudetechnik zusätzliche Sicherheit und Wohnkomfort für ältere Menschen bieten. Hintergrund ist die Erkenntnis, dass es aus sozialer wie ökonomischer Sicht sinnvoll ist, im Alter möglichst lange in den eigenen vier Wänden zu bleiben. Im Horwer Labor gibt es als Unterstützung dieses Zieles etwa eine automatische Sturzerkennung. Sobald die Schaufensterpuppe «Anna» nach einem simulierten Sturz auf dem Boden liegenbleibt, startet ein definiertes Szenario, das mit der Alarmierung des Rettungsdienstes endet.
Was in Horw dank fest verbauter Sensoren und aufwendiger Rechentechnik funktioniert, gibt es schon bald für die Hosentasche oder für das Handgelenk. Denn die «Wearable-Computing»-Bewegung erobert seit einiger Zeit Gebiete des AAL. So wird am deutschen Fraunhofer-Institut für Photonische Mikrosysteme (IPMS) derzeit ein «Mobilitätsassistent» entwickelt. Auf den ersten Blick wirkt das unauffällige Gerät wie eine herkömmliche Armbanduhr. In  seinem Inneren aber vereint es neben der Uhr die Funktionen eines Mobiltelefons, eines Kompasses und eines ­Weckers. Auch Sturzsensoren sind an Bord. Die Bedienung über Touchscreen und Sprachkommandos ist bewusst einfach gehalten. Die schlaue Uhr wird laut IPMS bei Orientierungsschwierigkeiten, Stürzen oder Vergesslichkeit helfend eingreifen und auch Alarm schlagen können.
 
Die Möglichkeiten der Haustechnik werden ­derzeit vor allem bei Neubauten ausgeschöpft. Einzelne Gebäude steuern dann von der Beschattung über die Heizung bis zur Alarmanlage alles auf dem neusten Stand der Technik, sind aber gleichsam Autisten, die nicht mit ihrer ­gebauten Umwelt kommunizieren. Am iHomeLab erforscht man dagegen die Vision vernetzter ­Gebäude, Quartiere und Städte. Leistungsfresser wie Wärmepumpen, Geschirrspüler oder Waschmaschinen könnten auch gestaffelt anlaufen, um die gefürchteten Leistungsspitzen zu glätten. Für von Arx bietet ein solches Lastmanagement grosse Chancen: «Der Energieverbrauch aller Schweizer Kühlschränke und Tiefkühler entspricht ­einem kleinen Kernkraftwerk.» Intelligente Gebäudetechnik beginnt zwar im Kleinen, doch sie hat durchaus grosses Potenzial. In einem einzelnen Haushalt betragen die Standby-Verluste rund 100 Watt, hochgerechnet auf die 3,2 Millionen Schweizer Haushalte bereits 320 Megawatt. Vielleicht kann eine Verwandte von «Lisa» dereinst stolz verkünden: «Die Standby-Verluste sind eliminiert. Ich nehme jetzt Beznau vom Netz.» (Michael Staub)