Life Sciences zeigen Muskeln

Life Sciences zeigen Muskeln

Gefäss: 
Teaserbild-Quelle: Quellen "baublatt"
Basel entwickelt sich immer stärker zu einem Zentrum für Biotechnologie. Dabei bewährt sich die kleine Region als Wachstumslokomotive der Schweiz. Für die Bauwirtschaft hat das Konsequenzen.
 
Dank der krisenresistenten Pharma- und Biotech-Industrie erlitt die Region Basel 2009 als einzige der Schweiz keine Rezession. Die Life Sciences konnten die Rückgänge der übrigen Wirtschaft kompensieren. Namentlich sind dies Dienstleistung, Logistik,  Metallverarbeitung, Maschinenbaus, Elektro-/Medizinaltechnik, Feinmechanik und Uhrenindustrie. Selbst die gebeutelte Spezialitätenchemie und das seit längerem rückläufige Kredit- und Versicherungsgewerbe vermochten die Life Sciences aufzufangen. Deshalb verwundert es nicht, wenn die Konjunkturforschungsstelle BAK Basel die Region Basel aufgrund ihrer florierenden Pharmakonzerne und Biotech-Firmen als «wirtschaftliche Wachstumslokomotive der Schweiz» bezeichnet: «Ihr Anteil am Schweizer Bruttoinlandprodukt betrug 2009 9,6 Prozent. Hiervon wurden über 60 Prozent durch den Kanton Basel-Stadt beigesteuert.» Die Region soll nun auch im neuen Konjunkturzyklus ihre Muskeln spielen: Mit einer durchschnittlichen jährlichen Wachstumsrate von 2,7 Prozent in den Jahren 2012 bis 2016 wachse die Region Basel um 0,5 Prozentpunkte schneller als die durchschnittliche Schweiz, so die Konjunkturforscher.

Für das laufende Jahr wird in der Wirtschaftsstudie Nordwestschweiz ein Wachstum von 3 Prozent errechnet. Allerdings werde sich der Export aufgrund des schwachen Dollars und Euros gegenüber dem Franken abschwächen. Die starke Wertschöpfung ist nur dank der Rekrutierung von Fachkräften vor allem aus dem Elsass und Südbaden möglich, sagt Studienleiter Rainer Füeg. «Unsere 50 000 Grenzgänger bewirken allerdings auch, dass wir bei der Wirtschaftsleistung besser dastehen, als wir tatsächlich sind.» Denn 80 Prozent der Wertschöpfung entfallen auf Löhne und Personalkosten; das Einkommen wird fast ausschliesslich am ausländischen Wohnort ausgegeben.

Wirtschaftsbau als Stütze

85 000 Arbeiter waren 2008 im Dienstleistungssektor beschäftigt, 40 000 in Industrie und Gewerbe. Die hohe Dichte an Arbeitsplätzen erklärt, weshalb Basel die einzige Region der Schweiz ist, wo 2009 der Wirtschaftsbau den Wohnbau mit einem Anteil von 54 Prozent übertroffen hat. Nach drei Wachstumsjahren erwartet BAK Basel bei den Betriebsbauten (Büro, Gastronomie, Industrie, Landwirtschaft u.a.) für 2010 einen Rückgang, danach jedoch wieder einen leichten Anstieg der Aufwendungen. Infrastrukturbauten (Schulen, Pflegeheime, Sportanlagen, Bahnhöfe u.a.) sollen zunächst weniger erstellt werden, um dann ab 2012 bis 2016 zuzulegen. Im Wohnbau dürfte demgegenüber für 2010 mit einer positiven Entwicklung gerechnet werden, vor allem wegen der intensiven Umbau- und Sanierungstätigkeit. Danach soll er 2011 stagnieren und von 2012 bis 2016 sinken. Voraussichtlich entwickeln sich die Hochbauten insgesamt wegen der geringen Bevölkerungsdynamik im schweizweiten Vergleich unterdurchschnittlich. Die gesamten Bauinvestitionen in Basel-Stadt und Basel-Landschaft belaufen sich gemäss BAK Basel bis 2016 auf jährlich 2,7 Milliarden Franken.

Pendeln statt umziehen?

Das Bevölkerungswachstum konnte mit der prosperierenden Wirtschaft der Region Basel nicht Schritt halten. 2009 lag es mit 0,7 Prozent für Basel-Stadt und 0,6 Prozent für Basel-Landschaft deutlich unter dem schweizerischen Schnitt von 1,1 Prozent. Die Zahl der Pendler aus den Nachbarkantonen, dem Elsass und Südbaden ist entsprechend hoch. BAK Basel erwartet, dass sich der Immobilienmarkt der Region Basel in den nächsten beiden Jahren eher seitwärts bewegt und die Bauinvestitionen sogar leicht zurückgehen. Der langfristige Trend bis 2025 aber geht von einer «nicht unerheblichen zusätzlichen Nachfrage nach Wohneigentum» aus. Mit anziehenden Preisen ist insbesondere in den Gemeinden rund um Basel und im Zentrum zu rechnen, weil dort die Baulandreserven knapp sind. In der Peripherie wie dem Laufental und dem Oberen Baselbiet dürfte die Steigerung hingegen gering ausfallen.

Die Leerwohnungsquote ist in den vergangenen fünf Jahren von 1,5 auf 0,6 Prozent gesunken. Die Mieten sind bisher moderat gestiegen und im Vergleich zu anderen Agglomerationen sowohl in Basel wie auch in den benachbarten Gemeinden günstig geblieben. In den nächsten beiden Jahren prognostizieren die Basler Konjunkturforscher sogar einen Preisrückgang. Auch der langfristige Trend bis 2025 weist gemäss BAK Basel in diese Richtung: «Vor allem in der Stadt Basel ist der aktuelle Bestand an Mietwohnungen erheblich zu gross und wird sich aufgrund der Neubautätigkeit noch weiter ausdehnen. Obwohl ein Teil der geplanten Wohnungen als Eigentumswohnungen projektiert sind, dürfte die Nachfrage nach Wohneigentum das Angebot langfristig übersteigen.» In Basel-Stadt liegt die Eigentumsquote bei tiefen 13, in Basel-Landschaft bei 19 Prozent. Investoren können diesen Trend nutzen, indem sie Miet- in Eigentumswohnungen umwandeln.

BS: Pharma investiert kräftig

In Basel-Stadt sind gemäss Datenbank des Bauinfo-Centers von Docu Media sechs Grossprojekte im Bau oder werden demnächst in Angriff genommen. Vorwiegend sind es Wirtschaftsbauten: Seit Januar 2009 wird die Markthalle an der Viaduktstrasse saniert, umgebaut und teilweise erneuert. Für 64 Millionen Franken entstehen Büros, Einkaufsläden, Wohnungen und Parkgebäude. Zusätzlich wird der Aussenbereich neu gestaltet und mit einem Kinderspielplatz aufgewertet. Die Markthalle und das Wohnhochhaus sollen im März 2012 fertiggestellt sein. Bald abgeschlossen sind der Umbau und die Sanierung des UBS Bürogebäudes an der Gartenstrasse. Unter anderem ist die Fassade aus den 70er Jahren mit einer Stahl- und Glaskonstruktion neu gebaut, das Flachdach saniert und die Heizungs- und Lüftungstechnik ersetzt worden. Die Kosten belaufen sich auf 65 Millionen Franken. Ende Januar 2011 nimmt das Universitätskinderspital beider Basel seinen Betrieb auf. Der im Januar 2008 gestartete Bau kostet 149 Millionen Franken.

Folgende vier weitere Grossbaustellen werden voraussichtlich in nächster Zeit eröffnet: Bereits die Baubewilligung erteilt ist für das Novartis Laborgebäude an der Gärtnerstrasse und das Roche Forschungsgebäude an der Grenzachstrasse. Die beiden Pharmakonzerne geben für die Neubauten je 50 Millionen Franken aus. Für den Umbau und die Erweiterung des Universitätsspitals an der Spitalstrasse für 98 Millionen Franken ist das Bewilligungsverfahren noch nicht abgeschlossen. Im Jahr 2015 soll der Erweiterungsbau des Kunstmuseums Basel für 100 Millionen Franken eröffnet werden. Bereits steht fest, dass das Architektenbüro Christ & Gantenbein den Bau an der Dufourstrasse realisieren soll. Ebenfalls in diesem Jahr soll der 180 Meter hohe Roche-Turm für 550 Millionen Franken erstellt sein. Wie das erste schubladisierte Projekt ist er von den Basler Architekten Herzog & de Meuron entworfen. Ende Oktober genehmigte das Kantonsparlament mit grossem Mehr den Bebauungsplan. Weiter werden in Basel-Stadt 13 Projekte mit einer Investitionssumme zwischen 20 und 49 Millionen momentan oder bald gebaut.

BL: Öffentlicher Bau zieht an

Im Kanton Basel-Land wird momentan in Birsfeld ein neues Alters- und Pflegeheim für 50 Millionen Franken erstellt. Bereits erteilt ist die Baubewilligung für ein neues Büro- und Laborgebäude des Biotech-Unternehmens Actelion in Allschwil. Das Projekt entworfen haben die Architekten Herzog & de Meuron. In Pratteln ist ein Hochhausprojekt der Architekten Christ & Gantenbein geplant. Es umfasst Büros, Wohnungen, ein Restaurant und eine Parkanlage mit Kinderspielplatz. Ein Ensemble neuer Wohn- und Geschäftshäuser ist in Reinach für 50 Millionen Franken projektiert. In Muttenz will die öffentliche Hand für 74 Millionen Franken ein Strafjustizzentrum bauen. Das Kantonsparlament sagte im September trotz einer Überschreitung des Voranschlages um 29 Millionen Franken ohne Gegenstimme Ja zu diesem Bau, mit dem die örtlich verzettelten Justizorgane unter einem Dach vereint werden. Nur die Grünen enthielten sich der Stimme; sie wollten keine «Grundlagenopposition» betreiben. In Liestal sind für 65 Millionen Franken der Um- und Neubau der kantonalen Verwaltung und für 100 Millionen ein Hochschulgebäude in Münchenstein geplant. Ebenfalls in der Projektierungsphase sind der Neubau des Kantonsspitals Bruderholz (757 Millionen Franken) und der Campus Muttenz der Fachhochschule Nordwestschweiz (335 Millionen Franken). Zusätzlich sind in Basel-Landschaft 20 Bauten mit einem Investitionsvolumen zwischen 20 und 49 Millionen Franken bereits im Bau oder liegen als Projekte vor.

Teure Strassenprojekte

In drei Jahren sollen die ersten Basler Trams in die deutsche Nachbarstadt Weil am Rein fahren. Die Verlängerung der Linie 8 kostet die Stadt Basel 64 und den Bund 40 Millionen Franken, Deutschland zahlt weitere 28 Millionen Euro an das Projekt. In Basel-Land wird mit Hochtouren an der Hochleistungsstrasse H2 Liestal-Pratteln gebaut. Der Anschluss Liestal Nord ist bereits realisiert, im Abschnitt Nord Richtung Pratteln werden Brücken errichtet, und der Bau des 2,2 Kilometer langen Tunnels schreitet voran. Im Juli beantragte der Regierungsrat dem Kantonsparlament, den dafür erforderlichen Kredit aufgrund von Projektänderungen und der Teuerung um 140 Millionen auf 554 Millionen Franken anzuheben. Das Parlament wird im Frühjahr darüber befinden. Für die Umfahrungsstrasse H18 von Laufen und Zwingen liegt mittlerweile das Vorprojekt vor. Die 7,7 Kilometer lange Strecke soll grossenteils unterirdisch in drei Tunnels geführt werden. Die Kosten werden nach heutigem Preisstand auf 950 Millionen Franken geschätzt. Falls die H18, wie vermutet, ins Nationalstrassennetz aufgenommen wird, kommt der Bund dafür auf.
 
Urs Rüttimann
 
 
 

Nachgefragt

Mit der Initiative «Ja zur Tramstadt Basel» machen Bevölkerungskreise Druck, den öffentlichen Verkehr zu verbessern. Was soll sich in der Verkehrsentwicklung ändern?
Der öffentliche Verkehr erlebt derzeit eine Dynamik wie lange nicht mehr. Das Basler Tram-netz hat sich seit 1934 kaum weiterentwickelt. Mit der neuen Linie nach Weil am Rhein machen wir einen grossen Schritt nach vorne, und das erst noch über die Landesgrenze – eine an europäischen Massstäben gemessen beachtenswerte Pioniertat. Weitere Strecken werden folgen. Bei der Eisenbahn müssen wir Engpässe im Umland beheben, damit mehr Züge regelmässig und pünktlich verkehren können. Die vor weit über hundert Jahren gebauten Strecken wollen wir mit dem Herzstück, dem Tunnel unter Basel, endlich richtig untereinander verbinden. So können wir ein echtes, trinationales S-Bahnnetz aufbauen, das unseren Wirtschaftsraum stärkt und zusammenbindet. Mir liegt viel daran, dass die Region Basel ihren Rückstand bei der öV-Infrastruktur aufholt. Die Traminitiative gibt uns dabei willkommenen Rückenwind.

Avenir Suisse hat in einer Studie die Siedlungs- und Raumplanung der Kantone bewertet. Basel-Stadt nimmt darin den guten fünften Rang ein. Was sind die Eckpfeiler dieser Planung?
Die Raumplanung im Kanton Basel-Stadt muss mit dem knappen Raumangebot (37 Quadratkilometer) und den vielen Grenzen in der trinationalen Region zurechtkommen. Deshalb ist eine nachhaltige Bodennutzung unabdingbare Voraussetzung einer positiven Entwicklung des Kantons. Eckpfeiler der Planung, festgehalten im kantonalen Richtplan von 2009, sind der Siedlungsentwicklung nach innen aus regionaler Perspektive, der hohe Stellenwert der Freiräume für Mensch und Natur, die Aufwertung des Rheins und seiner Ufer, die Schaffung zusätzlichen Wohnraums von hoher Qualität, eine optimale Abstimmung von Siedlungsentwicklung und Verkehrserschliessung, die Unterstützung der Entwicklung der Wirtschaft durch flächensparende Nutzungen und hohe Ausnutzung sowie die Weiterentwicklung des stadtverträglichen Mobilitätsangebots.

In Prognosen wird angedeutet, dass Basel-Stadt die Grenzen des Wachstums erreicht haben könnte. Teilen Sie diese Ansicht?
Nein. Die Region Basel ist der wirtschaftlich dynamischste Wachstumsraum der Schweiz und erwartet auch künftig einen Bevölkerungszuwachs. Der Kanton Basel-Stadt als Zentrum der Region kann durch intelligente Nutzung der knappen Ressource Raum daran partizipieren – momentan steigen Bevölkerung, Anzahl Arbeitsplätze und die Wertschöpfung stetig.

Möglichkeiten zur Entwicklung bietet das Hafenareal in Kleinhüningen, das nur noch teilweise als Güterumschlag genutzt wird. Was haben die Stadtplaner für Visionen?
Der Hafen Kleinhüningen ist wichtig für den Kanton und für die ganze Schweiz. Die umwelt-freundliche Güterschifffahrt muss auch in Zukunft den nötigen Raum haben. In einer gemeinsam mit der Hafenverwaltung durchgeführten Testplanung zur Hafen- und Stadtentwicklung stellte sich heraus, dass das Hafenareal und angrenzende Flächen Potenzial sowohl für die Weiterentwicklung der Hafenwirtschaft als auch für die städtebauliche Nutzung der rheinseitigen Areale haben. Diese Planung wird momentan mit den Nachbarn in Deutschland und Frankreich vertieft. Die Vision besteht darin, die «Water Front» am Rhein in ein dichtes, urbanes, gemischtes Quartier der Zukunft zu entwickeln.

Basel-Stadt ist über die Kantonsgrenzen hinausgewachsen. Viele bauliche Probleme müssen mit Baselland zusammen gelöst werden. Wie arbeiten die beiden Baudepartemente zusammen?
Grenzüberschreitende Arbeit gehört in Basel fast schon zum Planeralltag: Neben der Trinationalität sind es auch die Kantonsgrenzen, die sich im gebauten Raum längst nicht mehr als Grenzlinien abzeichnen. Als Beispiel sei die intensive Zusammenarbeit mit Baselland bei der Entwicklung des Dreispitz-Areals genannt. Es liegt je zur Hälfte in Basel-Stadt und in der Gemeinde Münchenstein/BL liegt. Hier werden von Basel-Stadt, Basel-Landschaft, der Gemeinde Münchenstein und der Christoph Merian-Stiftung als Grundeigentümerin die planerischen Voraussetzungen für die Transformation des von Logistik und Gewerbe geprägten Areals in einen lebendigen Stadtteil mit Wohnen, Arbeiten, Bildung und Kultur inmitten der Agglomeration geschaffen.
(ur)