„Leben und Tod gehören zusammen“

„Leben und Tod gehören zusammen“

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Teaserbild-Quelle: Foto: Fuhrimann Hächler
Der Friedhof in Erlenbach, nah am Zürichsee gelegen, ist für Gabrielle Hächler „einer der schönsten der Welt“. Zusammen mit ihrem Mann Andreas Fuhrimann und ihrem Team schuf die Architektin ein neues Friedhofsgebäude, das dem Ort wie der Bauaufgabe gerecht wird.
 
«Ein kleines Gebäude mit einem schwierigen Thema» wird im Juli 2010 in der Gemeinde Erlenbach am Zürichsee eingeweiht. «Es war berührend», sagt Gabrielle Hächler, «wie gut unser zeitweise umstrittener Neubau am Ende aufgenommen wurde.» Gabrielle Hächler und ihr Mann Andreas Fuhrimann führen seit 1995 ihr Zürcher Architekturbüro. Im Wettbewerb um ein zeitgemässes Abdankungsgebäude auf dem Erlenbacher Friedhof konnten sie sich zusammen mit ihrem Team 2007 gegen die Mitbewerber durchsetzen. Ein Grund für ihren Erfolg liegt für Gabrielle Hächler in der Art und Weise, wie sie ihr Friedhofsgebäude auf dem Gelände situiert haben: in räumlicher Distanz zum «Draussen». «Wir wollten einen wirklichen Ort der Ruhe und Besinnung schaffen.»

Ausblicke auf die umgebende Natur

Ihren archaischen Bau haben die Architekten frei auf das Grundstück gesetzt, parallel ausgerichtet zum Kirchengebäude – dazwischen spannen sich die Grabfelder auf. Während die Kirche in ihrer Grösse und Symbolkraft das Areal dominiert und öffentlich zugänglich ist, haben Fuhrimann Hächler ihr Gebäude bewusst als intimeren Pavillon gedacht: als einen Ort, der der weltabgewandten Atmosphäre eines Friedhofs dienen soll. Kontemplation – für die Architekten bedeutet dies auch ein Aufgehen, ein Sich-Geborgen-Fühlen in der umgebenden Natur. Und so öffnet sich der Bau ausdrücklich den fast panoramaartigen Ausblicken auf den Zürichsee. Für Gabrielle Hächler kein Widerspruch: «Leben und Tod gehören nun mal zusammen. Warum also sollte ein Ort des Abschieds alles Schöne und Hoffnungsvolle aussperren?» Wichtig sei ihnen gewesen, so die Architektin, einen Platz zu schaffen, an dem man sich aufgehoben fühle, der in der Erinnerung mit Trauer aber auch mit positiven Gefühlen besetzt sei. «Zudem finden viele Menschen in der Natur Halt und Trost – auch deswegen haben wir die Sicht auf den See ermöglicht.»

Kontrast zwischen Beständigkeit und Fragilität

Nähert man sich dem Gebäude, wird die Konzentration zunächst auf den abstrakten, skulptural wirkenden Baukörper gelenkt: Unverrückbar, zeichenhaft steht dieser «Ort der Besinnung» inmitten des Friedhofgarten. Die Architekten haben ein visuell anspruchsvolles Materialkonzept gewählt, das vom spannungsreichen Gegensatz zwischen rauem Beton und zerbrechlichem Glas lebt. «Der Gasbeton mit seiner dickwandigen Materialität erzeugt einen robusten, erdverbundenen Ausdruck, der als Sinnbild für Beständigkeit gelesen werden kann», sagt Gabrielle Hächler. Das gilt auch für das schwere Betondach, das wie eine schützende Geste über dem monolithischen Bau liegt. Getragen wird es von den beiden Betonkammern im Innern – den Aufbahrungsräumen – und den zwei perforierten Aussenwänden. Diese ornamental-floralen Wandelemente aus Beton begrenzen den gedeckten Aussenraum und bieten Sichtschutz für Trauerfeiern, die hier in engerem Kreis und privater Atmosphäre abgehalten werden können. Nebenräume für Technik und Sanitäranlagen sind in Leichtbauweise erstellt. Die Aussenfassade besteht aus geschosshohen Glaselementen in verschiedenen Grün- und Brauntönen; hier spiegeln sich die Farben des umgebenden Gartens wieder. Reizvoll der angesprochene Kontrast zwischen der Transparenz, der Leichtigkeit und Fragilität der eingesetzten Gläser und der massiven, groben Betonstruktur. Vergänglichkeit und Bestand, Sterben und Leben – die zentralen Komponenten des Daseins werden durch die Wahl der Materialien symbolisiert.

Referenz an sakrale Glaskunst

Vom stirnseitig, zum See gewandten Aussenraum betreten Besucher das Entree, eine Art aufgeweiteten Gang als Vorbereich zu den Aufbahrungsräumen im Kern des Gebäudes. Den Alltag abstreifen und sich auf die Begegnung mit dem Verstorbenen vorbereiten – «diesen Prozess wollten wir erleichtern durch eine freundliche, warme Atmosphäre». Dafür sorgen Glasfenster in Rot- und Violetttönen. Als Vorbild für das Spiel mit farbigem Glas nennt Gabrielle Hächler den mexikanischen Architekten Luis Barragán. «Seine Kapelle in Tlalpan, Mexiko-Stadt, gilt als Exempel für eine moderne Verwendung von bunten Glasfenstern in Sakralbauten.» Denn auch wenn Fuhrimann Hächler auf Insignien christlicher Sakralarchitektur in ihrem Friedhofsgebäude verzichteten – auch aus Rücksicht auf andere religiöse und ethnische Gruppen innerhalb der Gemeinde – ihre Referenz an die Glaskunst der Kirchen der Welt ist nicht zu übersehen.

Ruhe für Trauer und Abschied

Die nebeneinanderliegenden Aufbahrungsräume werden durch einen gegen den Friedhof verglasten Gang erschlossen. Dank der opaken, grün schimmernden Fenster fällt Licht ins Innere – ein tröstlicher Kontakt zur Aussenwelt – und doch bleiben die Trauernden auf diese Weise vor Blicken geschützt. Die Introvertiertheit der Kammern erlaubt die nötige Ruhe für Trauer und Abschiednehmen. Gabrielle Hächler betont: «Man kann hier ganz in sich gehen und in Dialog mit dem Toten treten.» Angenehm still ist es, störende Geräusche dämpfen die speziell perforierten Furniere der Decke. Eine zurückhaltende Möblierung – zwei Bänke, ein Stuhl – sowie die völlige Absenz religiöser Symbolik lassen die Räume rein und klar erscheinen. Angehörigen, die Blumen, Fotos und religiöse Gegenstände aufstellen möchten, bieten sich hierfür Nischen, die in die Wand hinter dem jeweiligen Katafalk eingelassen sind. Auf der Rückseite der Kammern liegt der Beschickungsraum. «Wir haben uns um eine angemessen feierliche Raumstimmung bemüht», sagt Hächler, «ohne auf Wärme und Wohnlichkeit zu verzichten.» Tageslicht erhalten die Aufbahrungsräume über Oberlichter – so wird der Sarg in Helligkeit getaucht, in einen würdevollen Rahmen aus Licht. Für die Auskleidung von Wänden und Decke wählten die Architekten hochwertiges, edles Nussbaumholz, für den Boden geschliffenen Hartbeton.
Geborgen solle man sich im Gebäude fühlen, habe Pfarrer Andreas Cabalzar in den Gesprächen mit den Architekten immer wieder betont, geborgen und beschützt. Diesen Wunsch, dieses zentrale Bedürfnis des Geistlichen, das auf Erfahrung und Erkenntnis beruht, haben Gabrielle Hächler und Andreas Fuhrimann ernst genommen.
von Alice Werner