„Kultur des Jammerns wirkt höchst unattraktiv"

„Kultur des Jammerns wirkt höchst unattraktiv"

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Teaserbild-Quelle: Bilder Infra
Im Bau fehlen zunehmend Kaderleute. Der Nachwuchs soll künftig geschickter rekrutiert werden, sagten Fachleute an der Bautagung des Schweizerischen Baumeisterverbands in Sursee. Doch zuallererst müsste das Image der Bauberufe aufpoliert werden.
 
Bei der Rekrutierung von Führungskräften können wir vom hochprofessionalisierten Spitzensport lernen», sagte Benedikt Weibel, ehemaliger CEO der SBB. Zwei Prinzipien zeichnen die Auswahl seiner Ansicht nach aus: Erstens die flache Pyramide; es kommt hoch, wer gut ist. Zweitens das konsequente Abklappern der Juniorenklubs nach Talenten, die Potenzial für Spitzenleistung bergen. Dass der ehemalige Chef der SBB an der Bautagung des Schweizerischen Baumeisterverbands (SBV) eingeladen wurde und zum diesjährigen Thema «Kadernachwuchs – finden, fördern, halten!» referierte, hat seinen tieferen Grund: Weibel hat die SBB, nachdem sie 1999 zu einer Aktiengesellschaft umgewandelt worden ist, neu ausgerichtet und ihr zum Image eines besser geschätzten Arbeitgebers verholfen. Zudem unterrichtet er seit seiner Pensionierung als Honorarprofessor an der Universität Bern «praktisches Management».


Faszination Bau als Imageträger

«Das Image einer Branche oder einer Firma ist extrem wichtig. Davon hängt die Attraktivität ab, die ein Berufsfeld gegen aussen hat», betonte Weibel. Zentrale Voraussetzung dafür ist, dass sich die Baubranche von ihrer besten Seite präsentiert. Die «Faszination Bau» müsse über Vorzeigeprojekte wie beispielsweise das Kultur- und Kongresszentrum Luzern oder das als Vogelnest bekannte Pekinger Sportstadion möglichst emotional vermittelt werden. «Der Stolz», so Weibel, «schöne und nützliche Bauten realisiert zu haben, soll ausstrahlen. Ein starkes Image baut auf Selbstbewusstsein.» Eng damit verbunden ist die Unternehmenskultur, in der die Haltung einer Branche oder Firma zum Ausdruck kommt. «Eine Kultur des Jammerns wirkt höchst unattraktiv. In der Opferrolle verliert ein Unternehmen seine Ausstrahlung, sodass die Suche nach Arbeitskräften schwierig wird.» Wiederum braucht es hier spannende Bauprojekte, welche die Erinnerung langfristig prägen. Eine Kultur und ihre Wahrnehmung zu ändern, ist ein zähflüssiges Unterfangen. Weibel empfiehlt deshalb, im Sinne der Managementlehre genaustens nach Checkliste vorzugehen. «So gehen Botschaften von der Schublade ins Hirn.»

Eine Krise kann helfen, Fundamentales über Bord zu werfen und eine Kultur umzukrempeln. Der Führung kommt dabei eine entscheidende Rolle zu. Folgende Grundsätze hätten ihm, so Weibel, damals als SBB-Chef zum Erfolg gereicht: präzise Ziele, klare Verantwortung, die richtige Person am richtigen Platz, das Erproben von Handlungsalternativen und die persönliche Nähe zu den Mitarbeitenden.  

Branche ins positive Licht rücken

Eine konkrete Analyse der Nachwuchsmangels in der Baubranche lieferte die BDO AG, die sich nebst Wirtschaftsprüfung und Treuhand auch mit Unternehmensberatung befasst. «Im Vergleich zu den Führungskräften anderer Branchen geniesst der Bauingenieur hohe Jobsicherheit», sagte BDO-Berater Daniel Bläsi. «Er ist produktiv und kann nicht aus Kostengründen wegrationalisiert werden.» Ebenso betonte er, der Beruf sei attraktiv, da handfeste Werke wie der Gotthard-Basistunnel oder das Westside-Einkaufszentrum geschaffen würden. Eine durchdachte Rekrutierung steht für ihn am Anfang einer erfolgreichen Kaderförderung. Bereits Schnupperlehrlinge sollen gezielt angesprochen werden, indem man ihnen eine vielseitige und spannende Ausbildung in Aussicht stellt, die Baupraxis mit eindrücklichen Beispielen veranschaulicht und von der spezifischen Unternehmenskultur erzählt. «Entweder sind sie danach begeistert», so Bläsi, «oder sie kommen nicht.» Um Lehrlinge überhaupt zu finden, können Firmen auf die interne Vermittlung durch Mitarbeitende bauen. Ebenso ist möglich, den Kindern ihrer Angestellten auf unkompliziertem Weg Lehrstellen anzubieten. Dies neben den klassischen Wegen Werbung an Schulen, Berufsbildung und Inserat.

Das Finden junger Talente hängt auch stark davon ab, ob eine Firma dafür bekannt ist, dass sie ihre Mitarbeiter nicht nur gut betreut, sondern Begabte auch mit Weiterbildung fördert. «Damit ein junger Mensch Karriere macht, müssen nebst den fachlichen auch die sozialen Kompetenzen entwickelt werden», führt der BDO-Berater aus. So können Führungsqualitäten gezielt gestärkt werden. Das gilt auch für kleinere Unternehmen, die nur beschränkt Kaderstellen anbieten können und bei herausfordernden Grossprojekten passen müssen. Sie sollen, empfiehlt Bläsi, begabte junge Mitarbeiter zur Weiterbildung motivieren und während dieser Zeit den Kontakt zu ihnen aufrechterhalten. Grössere Firmen können darüber hinaus im Ausland Mitarbeiter rekrutieren, an Hochschulen anwerben und Headhunter beauftragen.

Emotionale Intelligenz ist wichtig

«Kompetente Führungskräfte zeichnen sich durch 12 Prozent Wissen und 88 Prozent Umgang aus. «Das wird häufig unterschätzt», sagte Urs Saladin, Berater bei BDO. Ausserdem sind viele Chefs auf den Baustellen nicht präsent und nur noch administrativ tätig. Dabei findet Führung dort statt, wo gemeinsame Verpflichtungen aufeinanderprallen. «Entscheidend ist das Zusammenspiel von Regeln und Einfluss.» Um die Führungskräfte im Sinne der Unternehmenskultur zu entwickeln, braucht es gemäss Saladin regelmässige Gespräche. «Eine Feedback-Kultur und die Suche nach konstruktiven Lösungen bei Fehlern sollen im Zentrum stehen. Ein Chef muss erkennen können, wie sein Verhalten wirkt.» Zusätzlich muss er erreichbare Ziele klar vermitteln und fähig sein, die Mitarbeiter zu begeistern. Einen eindeutigen Beleg hingegen, ob der Führungsstil kooperativ oder autoritär sein müsse, gebe es nicht.

Sturm und Drang der Jungen

Unter der Bezeichnung «Baumeister der Zukunft» haben sich vier junge Kaderleute nach ihrer Ausbildung in Sursee zusammengeschlossen. In ihrem Blog deklarieren sie das Ziel: Sie wollen sich als «zukünftige Führungsgeneration» einbringen und Probleme der Branche anpacken, damit diese «wieder Geld verdient». «Wir haben den Traum, dass sich die Baubranche entwickelt und wieder modern wird», verkündete Thomas Gafner an der Bautagung. Die düstere Wirklichkeit ist ihm dabei klar vor Augen (siehe Artikel «Umsatz bolzen – ohne Rücksicht auf den Preis»): «Wie schafft es ein Wirtschaftszweig, vier Jahre positiv zu wirtschaften und dabei den Gewinn zu vernichten?» Ebenfalls ärgert es Gafner, dass eine alte Generation von Führungskräften «sich mit dem brüstet, was man alles schon gebaut hat», statt dieses nostalgische Schwelgen durch «Innovation» zu ersetzen. Und er pfeffert nach: «Es ist erstaunlich, welchen Wortschatz unsere Branche hat, um zu jammern.» Dabei wäre es seiner Meinung nach weit wichtiger, sich «ehrlich einzugestehen», wo die Probleme liegen und sich zu fragen, wie sie zu lösen sind. «Für junge Leute, die im Bau eine berufliche Zukunft sehen, ist das wichtig.»

Roman Messmer, der die «Baumeister der Zukunft» mitbegründet hat und den dreissigköpfigen Familienbetrieb seines Vaters leitet, legte in seinem Referat den Fokus auf die Personalführung. Der «Faktor Mensch» wird in seiner Firma bewusst gepflegt. Darauf führt er zurück, dass sich die Mitarbeiter dem Betrieb treu verbunden fühlen und manche Baufachleute bei ihnen gestrandet und geblieben sind, nachdem sie zuvor schwierige Arbeitsverhältnisse erlebt hatten. «Wir achten auf einen freundlichen und respektvollen Umgang, sind ehrlich und diskutieren aufkeimende Probleme sofort», führt Messmer aus. Insgesamt hat die Kommunikation einen wichtigen Stellenwert. Regelmässig werden Gespräche und Standortbestimmungen geführt, ebenso sind Lob bei guter Arbeit und konstruktive Kritik an der Tagesordnung. Ausserdem wird das Kader möglichst aus den eigenen Reihen rekrutiert. 

Überkommenes Vokabular

Das duale Berufsbildungssystem darf nicht umgekrempelt werden, warnte Walter Fankhauser, CEO der Roth Gerüste AG. Er spielte dabei auf die aktuelle Debatte an, die sich auf das Hochschulstudium verbeisst und die Berufslehre aus den Augen verliert. «Ich glaube nicht daran, dass wir künftig mehr Akademiker für unser Berufsfeld gewinnen.» Vielmehr würden viele Kader zuerst eine Lehre im Bau absolvieren.

In seiner abschliessenden Ausführung setzte sich Thomas Schrettle, wissenschaftlicher Mitarbeiter der Universität St. Gallen, für eine systematische Planung des Kadernachwuchses ein, die Kommunikation und eine Feedback-Kultur ins Zentrum rückt. «Das Image zu verbessern ist Voraussetzung dafür, dass wir wieder vermehrt Kader finden», sagte der Volkswirt. Spontan und beherzt ergriff plötzlich der ehemalige CEO der SBB, Benedikt Weibel, nochmals das Wort und gab zu bedenken: «Begriffe wie Vorarbeiter und Polier müssten aus dem Vokabular gestrichen werden: Sie sind nicht zeitgemäss. Stellen Sie sich vor, sie werden in einem Restaurant als Vorarbeiter angesprochen.» Urs Rüttimann
 
 
Bauwirtschaft
Umsatz bolzen – ohne Rücksicht auf den Preis
Baufirmen erzielten in diesem Quartal einen Top-Umsatz. Trotz des guten Umfelds sind die Erträge so miserabel, dass gewisse Firmen sich nur dank anderer Einkommenszweige über Wasser halten.
Eigentlich sollten die Wachstumszahlen positiv stimmen. «Beim Umsatz haben wir einen neuen Rekord erzielt», beurteilte Martin Fehle, Vizedirektor des Schweizerischen Baumeisterverbands (SBV), die Lage in der Bauwirtschaft. So nahm der Tiefbau im dritten Quartal gegenüber dem Vorjahresquartal um 6,5 Prozent zu. Er vermochte den Hochbau, dessen Umsatz leicht um 3,4 Prozent zurückging, gut aufzufangen. Gesamthaft liegt das Wachstum im Bau somit 1,6 Prozent höher als im dritten Quartal 2009.

Rekordhohe Aufträge

Positiv sollten die Verantwortlichen von Baufirmen eigentlich auch in die Zukunft schauen. «67 000 Wohnungen sind im Bau. Der Hochbau ist die grosse Stütze des Bauhauptgewerbes», führte Fehle aus. Ebenso sind die Auftragsbücher mit Aufträgen in der Höhe von 11,7 Milliarden Franken prallvoll. «Das erlaubt einen guten Start ins neue Jahr.» Seit dem ersten Messjahr 1994 ist dies ein Rekordergebnis. «Mit einzelnen Ausnahmen», kommentierte der SBV-Vizedirektor, «ist das Bauhauptgewerbe gut in Fahrt.» Entsprechend ist die Zahl der Vollzeitbeschäftigten im Vergleich zum Vorjahr um 1400 auf 85 000 gestiegen. So viele Arbeiter waren auf dem Bau seit 2004 nicht mehr registriert. Ob die Bauwirtschaft weiter wächst oder auf hohem Niveau stagniert, dazu wollte Fehle keine Prognose abgeben. «Die Situation ist volatiler geworden; ein unsteter Tiefbau ist Auslöser dafür.» Zuversichtlich stimmt indessen der Hochbau, wo sich vor allem Mehrfamilienhäuser und Wirtschaftsbauten dynamisch entwickeln. Positiv auf das Baugeschäft wirkt sich zudem die Zuwanderung von jährlich schätzungsweise 50 000 Leuten aus.

Selbstzerstörerisches Ebit

Doch Freude kam am Bautag des SBV trotzdem keine auf. «Wir haben mehr Arbeit und verdienen weniger», gab Fehle zu bedenken. Bei über einem Fünftel der Baufirmen lag das Ebit (Gewinn vor Zinsen und Steuern) zwischen 2006 und 2009 bei minus 2 Prozent. «Diese Firmen überleben nur, weil sie Geld aus anderen Wirtschaftszweigen als dem Bau abzweigen.» Weitere zwei Fünftel der Unternehmen verzeichneten einen «unbefriedigenden und risikobehafteten Ertrag; ihr Ebit pendelte zwischen minus und plus 2 Prozent. 14 Prozent erreichten «knapp genügende, aber längerfristig nicht ausreichende Gewinne» (2 bis 4 Prozent). Nur gerade 24 Prozent der Firmen erzielten in der genannten Zeitspanne «einigermassen zufriedenstellende Margen» (grösser als 4 Prozent). Der ungesunde Verteilungskampf mit den selbstzerstörerischen Gewinnmargen tobt gemäss Fehle im Hochbau stärker als im Tiefbau. «Dabei haben sich die grossen Unternehmen mittlerweile den mittleren und kleinen angenähert.» In der Zukunft entscheidend könnte sein, dass zumeist nur Firmen ab einer bestimmten Grösse die Kraft haben, den Betrieb zu rationalisieren.

Abfallende Produktivität

«Wir sind in der Wertschöpfung nicht auf dem Niveau anderer Branchen», richtete Fehle an die Adresse der Gewerkschaften. Deshalb empfiehlt der SBV, den Lohn leistungsbezogen um 1 Prozent und generell um 0,6 Prozent zu erhöhen. «Die meisten Baufirmen zahlen Löhne, die je nach Lohnklasse mit 5,6 bis 8,6 Prozent deutlich über den vertraglich geregelten Basislöhnen liegen», merkte der SBV-Vizedirektor an. Auch würden sich die Löhne regional nur wenig unterscheiden. Die Spanne der Durchschnittslöhne lag 2009/2010 zwischen 5867 (Zürich) und 5341 Franken (Tessin). Nominell sind die Löhne in diesen beiden Jahren je um 0,7 Prozent gestiegen.   

«Im Bau arbeiten immer weniger Schweizer», spricht Fehle einen bestens bekannten Trend an. So stammen 35 Prozent noch aus der Schweiz, danach folgen die Herkunftsländer Portugal (28 Prozent), Italien (13) und Serbien-Montenegro/Kosovo (6). Um Kadernachwuchs vor allem auch aus der Schweiz zu gewinnen, müssen gemäss Fehle die Löhne, die 40,5-Stunden-Woche (im Durchschnitt), die Arbeitssicherheit und die flexible Pensionierung besser bekannt gemacht werden. (ur)
 
 

Gewerkschaften opponieren

Die Gewerkschaften Unia und Syna lehnen die generelle Lohnerhöhung von 0,6 Prozent des Schweizerischen Baumeisterverbands (SBV) als «völlig ungenügend» ab. Zusätzlich verlangen sie, die zwischenzeitlich abgebrochenen Verhandlungen mit dem SBV wieder aufzunehmen. «Bei den tiefsten Löhnen macht die Lohnerhöhung nur gerade 26 Franken aus, auf den Durchschnittslohn 34 Franken. Das steht in keinem Verhältnis zum steigenden Leistungsdruck», argumentieren sie in einer Medienmitteilung. Ebenso kritisieren die Arbeitnehmerverbände den unverbindlichen Charakter als «Lohnempfehlung», insbesondere hinsichtlich des scharfen Margendrucks: «Anständige Baufirmen, welche die Löhne erhöhen, werden die Betrogenen sein. Ihre Lohnkosten steigen, während die schwarzen Schafe der Branche nichts geben müssen und folglich billiger kalkulieren können.»   
(ur)