Kolossaler Einsatz für den Wind

Kolossaler Einsatz für den Wind

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Teaserbild-Quelle: Thomas Staenz
Freudentag bei der Senn AG in Oftringen: Letzte Woche nahm die Aargauer Firma den offiziell stärksten Teleskopkran der Welt, «Colossus», in Betrieb. Für den Hersteller, die einheimische Firma Liebherr SA aus Bulle, ist es bereits das 21. Exemplar, das an Kunden ausgeliefert wird. Die Hauptaufgabe des Krans wird erstmals die Montage von Windturbinen im Jura sein.
 
 
 
 
Mit Superlativen soll man ja bekanntlich sparsam umgehen. Beim Mobil-Kran «Colossus» sind rekordverdächtige Attribute jedoch angebracht. Der selbstfahrende Neunachser-Kran kann bis zu 1200 Tonnen Last heben, was dem Gewicht von zehn schweren Gottahardlokomotiven entspricht. Dazu erreicht er eine maximale Hubhöhe von fast 190 Metern, der Höhe von zwei aufeinander gestapelten Berner Münstern. Soweit die markantesten Eckdaten. Vater des «Colossus» ist Vertriebsgeschäftsführer Christoph Kleiner, der die Liebherr-Niederlassung im süddeutschen Ehingen führt: «Wir haben seit 2004 rund drei Jahre in die Entwicklung des «Colossus» investiert und konnten ihn erstmals vor drei Jahren an der Münchner Bauma, der weltweit wichtigsten Baumaschinenmesse, präsentieren.» Ein Jahr später erfolgte die erste Auslieferung an einen Kunden und das Senn-Modell ist bereits das 21. Exemplar der «Colossus»-Baureihe. «Wir haben momentan noch rund zehn Bestellungen», freut sich Kleiner und lässt die Entwicklungsgeschichte im Schnelldurchlauf Revue passieren. «Zuerst erfolgt die Konstruktion mit Belastungssimulationen am Computer. Danach wird ein Prototyp gebaut und mit Überlast auf Herz und Nieren geprüft. Erst nach akribischem Ausprobieren und Bestehen sämtlicher Anforderungen gehen wir in die Fabrikation.»

Technik, die staunen lässt

Wie fast sämtliche Bereiche der Technik hat auch der Bau von Kranen eine rasante Entwicklung hingelegt. Bei der Senn AG lässt sich der Fortschritt genau belegen: 1962 wurde mit einem Kran, der 10 Tonnen heben konnte, dieses Geschäftsfeld begründet. Keine 50 Jahre später ist man bei dem rund 120-fachen Gewicht angelangt. Der «Colossus» – die korrekte Bezeichnung lautet Liebherr LTM 11200-9.1 – verfügt nicht nur über die Fähigkeit, beachtliches Gewicht auf enorme Höhen zu hieven, sondern bietet mit seinem 100 Meter langen Teleskopausleger einen weiteren Superlativ. Dieses Teil besteht aus dem Anlenkstück und sieben Teleskopteilen, die sich wie ein Fernrohr ausfahren und zusammenschieben lassen. Eine erhebliche Steigerung der Traglast wird ausserdem durch die Y-förmige Abspannung der Ausleger erreicht.

«Colossus» fährt selbstständig

Dank der verkürzten Rüstzeiten im Vergleich zu herkömmlichen Gittermastkranen wird das Aufbauen gerade in landschaftlich heiklen Zonen auf ein Minimum verkürzt. Zudem entfallen Ballasttransporte, weil weniger Gegengewicht gebraucht wird. Eine weitere Eigenschaft, die den «Colossus» für die Montage der Windturbinen besonders geeignet macht, ist die gute Verfahrbarkeit, der Transport des Krans von A nach B. Mit einem Gesamtgewicht von 108 Tonnen ist der «Colossus» einer der mächtigsten Verkehrsteilnehmer, fährt aber auf seinen neun Achsen «alleine» an den jeweiligen Einsatzort. Dabei hat er alle vier Abstützungen und die komplette Drehbühne mit beiden grossen Winden aufgeladen, lediglich der Teleskopausleger wird mit einem separaten Fahrzeug transportiert. Für das Passieren von Brücken und anderen heiklen Stellen kann das Gewicht des Krans auf 76 Tonnen reduziert werden. Auch bei den Gittermaststücken wurde auf einen konstruktiv wirtschaftlichen Transport geachtet. Mit 6 und 12 Meter Systemlänge können die Einzelteile dreifach ineinander geschoben werden, was das Volumen erheblich verkleinert.
 
Für den Antrieb des Kranfahrgestells sorgt ein Turbo-Dieselmotor mit rund 680 PS Leistung und einem Drehmoment von 3000 Newtonmetern (zum Vergleich: Ein herkömmlicher Personenwagen mit einem 2-Liter Dieselmotor erbringt rund ein Zehntel des Drehmoments). Um den Vortrieb in jeder Situation mit der optimalen Drehzahl zu gewährleisten, wurde ein Zwölfgang-Schaltbox verbaut. Alle neun Achsen des «Colossus» sind lenkbar, vier davon werden direkt angetrieben. Im Oberwagen kommt ein rund 380 PS starker Turbo-Dieselmotor zum Einsatz der ein Drehmoment von 1720 Newtonmetern zur Verfügung stellt und drei Hubwerke mit einer Zugkraft von je rund 17 Tonnen versorgt.

Seit 40 Jahren mit Senn im Geschäft

Gute Kundenbeziehungen sind im Geschäft mit Grossgeräten Gold Wert. Bereits seit 1973 bestehen Kontakte zwischen der Liebherr und der Senn AG. «Colossus» ist der 23. Kran, den das Oftringer Unternehmen von seinem Partnern bezieht. Mit einem Kaufpreis von rund zehn Millionen Franken ist «Colossus» zwar kein Schnäppchen, dürfte aber durch seine vielfältigen Verwendungsmöglichkeiten eine gute Investition sein. Der Kauf des Riesenkrans erfolgt wesentlich im Hinblick auf die 15-jährige Zusammenarbeit mit der Juvent AG.
 
Diese Firma, eine Tochter der BKW (ehemals Bernische Kraftwerke), beabsichtigt die Errichtung von weiteren acht Windturbinen im Gebiet des Mont-Crosin und des Mont-Soleil, wo bereits das grösste schweizerische Windkraftwerk in Betrieb ist. Mit dem Neubau soll die Jahresproduktion im Berner Jura auf rund die vierfache Menge ausgebaut werden. Das neue Senn-Arbeitsgerät kann diese Aufgabenstellung viel umwelt- und landschaftsschonender erfüllen als herkömmliche Gittermastkrane, weil weniger breite Fahrwege, kleinere Montageflächen und verminderte Materialzusatztransporte für den Kranaufbau benötigt werden. Für die rund zwei Monate dauernden Montagearbeiten richtet die Juvent eine besondere Infrastruktur für Besucher ein, damit sich die ungewöhnlichen Arbeiten im Gelände gut beobachten lassen. Thomas Staenz
Infos: juvent.ch
 
 
 
 
NACHGEFRAGT … BEI MARCEL FLURY, KRANFÜHRER
 
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Wieviele der 250 Senn-Angestellten können den Colossus bedienen?
Marcel Flury: Mit mir sind es gerade drei Leute, die das «Billett» für den Kran haben.
 
Worauf müssen Sie bei der Arbeit mit dem Colossus besonders Acht geben?
Am wichtigsten ist das seriöse Abstützen der vier grossen Abstützplatten Bevor wir mit der eigentlichen Arbeit anfangen können, müssen wir uns vergewissern, dass der Untergrund für die Abstützung genügend stabil ist. Sollte dies nicht der Fall sein, muss man vorher den Boden verdichten und so tragfähig machen. Das eigentliche Rangieren von Objekten mit dem Kran ist eine eher einfache Angelegenheit.
 
Was ist die schwierigste Arbeit, wenn Sie dann am «Steuerknüppel» sitzen?
Es gibt sehr viel Elektronik in diesem Kran. Wichtig ist, dass ich das richtige Programm beim Computer einstelle.
 
Mussten Sie sich für das Führen dieses Krans besonders ausbilden lassen?
Ja, wir hatten eine intensive dreiwöchige Schulung, wobei alleine das Kennenlernen und in den Griff kriegen der Fahrzeug-Elektronik etwa die Hälfte der Ausbildungszeit in Anspruch nahm. Die Ausbildung ist vergleichbar mit derjenigen eines Piloten, der auf einem neuen Flugzeugtyp geschult wird.
 
Haben Sie schon mal auf einem so grossen Gerät gearbeitet?
Bis jetzt nicht. Der Grösste Kran, den ich bisher bewegt habe, war rund dreimal kleiner.
 
Lässt sich dieser Kran von einer Person alleine steuern?
In der Kabine sitzt nur einer – mehr Platz gibt es nicht. Aber wir sind immer zu zweit mit dem Colossus unterwegs.
 
Besteht eigentlich keine Gefahr, dass der Kran umkippen könnte?
Wenn ich Lasten anhebe, deren Gewicht ich kenne, ist es überhaupt kein Problem. Ich kenne ja die maximale Nutzlast des Krans und stelle die Elektronik darauf ein. Problematisch wird es bei Demontagen grosser Objekte. Deren Gewicht kann man im Voraus nicht immer genau bestimmen. Da ist dann Probieren und die Erfahrung des Kranführers stark gefragt. Wichtig ist ausserdem, dass man zu seinen Arbeitskollegen blindes Vertrauen hat, sich auf deren Angaben und Weisungen voll verlassen kann. Am Schluss hat dann aber der Kranführer das letzte Wort, er sagt, ob er eine Last anheben kann oder eben nicht.
 
Bei welchen Arbeitseinsätzen kommt der Colossus zum Zug?
Einerseits natürlich für die Montage von Windkraftwerken für alle Windkraftbetreiber. Andererseits ist er vor allem geeignet schwere Lasten anzuheben, beispielsweise eine grosse Maschine in einem Chemiewerk oder für die Modernisierung von Zementwerken. Man muss die grossen einzubringenden oder auszutauschenden Aggregate nicht mehr in Einzelteile zerlegen, sondern kann sie als Ganzes einbringen oder demontieren.
 
Was ist das Faszinierende an der Arbeit des Kranführers?
Einerseits das Kennenlernen von Leuten, die man bei den verschiedenen Einsätzen trifft. Andererseits ist jeder Arbeitstag anders, voll von Überraschungen und Herausforderungen. Spannend ist auch, dass man viele Entscheidungen treffen kann und im wahrsten Sinne des Wortes Dinge «bewegen» kann. (tst)