Kein Papiertiger: Shigeru Ban gewinnt Pritzkerpreis 2014

Kein Papiertiger: Shigeru Ban gewinnt Pritzkerpreis 2014

Gefäss: 
Teaserbild-Quelle: Bild: Stephen Goodenough
Der Japaner Shigeru Ban, der den innovativen Umgang mit dem Baustoff Papier und humanitäre Bauprojekte miteinander verknüpft, erhält im Juni mit dem Pritzkerpreis 2014 den Ritterschlag für Architekten.

Der 56-jährige Architekt, der in Tokio aufwuchs, studierte Architektur zunächst am Southern California Institute of Architecture, weil die Cooper Union damals keine ausländischen Studenten akzeptierte. 1985 machte er sich selbständig und zu seinen ersten Projekte zählte eine Boutique für seine Mutter, eine Modesignerin.

Ban, der inzwischen Büros in Tokio, Paris und New York unterhält, ist bereits der siebte Japaner, der diese höchste Architektenehrung erhält. Ob in Japan, Ruanda, Italien oder Haiti: Seit 20 Jahren ist er an Konflikt- und Katastrophenorten der Welt tätig geworden, wenn es galt, rasch und mit lokal verfügbaren Materialien kostengünstige Unterkünfte und sogar öffentliche Gebäude zu errichten, die wasser- und feuerfest sind.

Abgesehen von seiner humanitären Arbeit baute Ban beispielsweise einen Centre-Pompidou-Ableger im französischen Metz, dessen Aussehen nach Angaben des Architekten von einem chinesischen Reisstrohhut inspiriert wurde. Alle seine Bauten sind zwar nicht aus Pappe, stehen aber stets für Zweckentfremdung von Alltäglichem und das Infragestellen von Gewohntem: So etwa das „Naked House“ im japanischen Saitama, wo er Kunststoffe mit Holzrahmen kombinierte und entwerferisch zugleich das tradierte Verständnis der räumlichen Organisation eines Eigenheim und somit auch die traditionelle Form des japanischen Familienlebens hinterfragte; oder das „Metal Shutter House“ im New Yorker Viertel Chelsea, wo Metalljalousien die Apartments zur Stadt hin öffnen. Baublatt-Lesern dürfte zum Beispiel das Tamedia-Gebäude in Zürich mit seiner spielzeugartigen, tragenden Holzkonstruktion ein Begriff sein.

Die Jury lobt vor allem seinen ungewohnten Umgang mit Materialien: „Er ist in der Lage, in Standardkomponenten und Alltagsmaterialien wie Pappröhren, Verpackungsmaterialien oder Schiffscontainern Gelegenheiten zu erblicken, diese auf neue Weise zu nutzen.“ Und seinen unermüdlichen humanitären Einsatz als Architekt: „Was andere als unüberwindliche Schwierigkeiten betrachten, versteht Ban als Aufruf zum Handeln.“

Ban selbst bezeichnet diese gebaute Katastrophenhilfe als sein Lebenswerk. Ginge es nach ihm, müsste die soziale Rolle der Architektur mehr Gewicht erhalten, als es bisher der Fall ist. Er glaubt, mehr Architekten sollten ihre Erfahrung und ihr Wissen in den Einsatz von notleidenden Menschen auf der Welt stellen. Sich ein Denkmal mit Bauten für Privilegierte zu errichten, sei nur für wenige nützlich.

Die Auszeichnung mit dem Pritzkerpreises, der am 13. Juni in Amsterdam verliehen wird, empfindet der japanische Architekt als verfrüht. Er betrachtet die Auszeichnung jedoch als eine Ermutigung, seine humanitäre Arbeit fortzusetzen. Bescheiden gibt er der Hoffnung Ausdruck, dass der mit dem Preis einhergehende Ruhm seinen Charakter nicht verdirbt. Der jährlich verliehene Pritzker Architecture Prize ist mit 100'000 Dollar (88'000 Franken) dotiert und wurde 1979 vom Unternehmer Jay A. Pritzker und seiner Frau Cindy gestiftet. 2001 und 2009 gewannen ihn zwei Schweizer Architekturbüros, nämlich zunächst Herzog & de Meuron und später Peter Zumthor.(tw)