Kantonsstrassen verlottern

Kantonsstrassen verlottern

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Teaserbild-Quelle: Massimo Diana
Über die Hälfte aller Kantone investieren zu wenig, um die Strasseninfrastrukturen langfristig zu erhalten. Bei zehn Prozent der Kantonsstrassen herrscht sogar akuter Sanierungsbedarf. Zu diesem Schluss kommt eine neue Studie von Infrastruktur Strasse.
 
Massimo Diana
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Massimo Diana
Über die Hälfte der Kantone investiert zu wenig in den Unterhalt von Kantonsstrassen
 
Die gute Nachricht zuerst: Das über 18000 Kilometer weiter Kantonsstrassennetz befindet sich grösstenteils in einem guten Zustand. Das bedeutet jedoch nicht, dass die Kantone nun zurücklehnen und die Hände in den Schoss legen können: Bei zehn Prozent der Kantonsstrassen oder rund 1700 Kilometern besteht akuter Sanierungsbedarf. 3300 Kilometer oder 19 Prozent des gesamten Kantonsstrassennetzes sind zurzeit noch von ausreichender Qualität. Das bedeutet: Ein Zehntel des Netzes muss kurzfristig und ein weiterer Fünftel mittelfristig saniert werden, insgesamt besteht auf rund 5000 Kilometern Sanierungsbedarf. Dies hat eine eben veröffentlichte Studie von Infrastruktur Strasse ergeben. Der 2001 gegründete Verein setzt sich für die Erhaltung und den gezielten Ausbau der Schweizer Strasseninfrastrukturen ein. Präsident von Infrastruktur Strasse ist der Aargauer SVP-Nationalrat Hans Killer, der im November das Präsidium von «bauenschweiz» übernimmt.
 

Grosse Schwankungen

Jedes Jahr werden zwar 940 Millionen Franken für den baulichen Unterhalt und die Verbesserung des Kantonsstrassennetzes investiert. Doch die Aufwendungen schwanken je nach Kanton stark: Die Kantone Aargau (108 Millionen Franken), Zürich (103 Millionen) und Bern (99 Millionen) geben am meisten für die Werterhaltung ihres Kantonsstrassennetzes aus. Die Waadt (13 Millionen) und der Jura (8 Millionen) fallen durch besonders niedrige Unterhaltsausgaben auf. Die Studie räumt jedoch ein, dass die Aussagekraft der absoluten Gesamtausgaben bezüglich der Werterhaltung begrenzt ist. Der Vergleich der Ausgaben pro Kilometer Strasse ergibt jedoch ein ähnliches Bild: Basel-Stadt wendet jährlich 144000 Franken je Kilometer Kantonsstrasse auf, Zug 116000 Franken und Obwalden 101000 Franken, die Waadt hingegen lediglich 6300 Franken je Kilometer.
 

Regelmässiger Unterhalt zahlt sich aus

Um die Substanz des Strassennetzes langfristig zu erhalten, sind aber jährliche Investitionen von 1,8 bis 2,6 Prozent des Wiederbeschaffungswertes notwendig, wie aus der Norm SN 640 986 des Schweizerischen Verbands der Strassen- und Verkehrsfachleute VSS hervorgeht. Bei einem angenommenen Wiederbeschaffungswert von 3,5 Millionen Franken pro Kilometer Kantonsstrasse ergibt dies jährliche Investitionen von 63000 bis 91000 Franken pro Kilometer. Die Autoren der Studie Benedikt Koch und Matthias Forster vom Fachverband Infra, weisen darauf hin, dass der Wert einer einwandfrei dimensionierten Strasse nicht linear verläuft: In den ersten 75 Prozent ihrer Lebensdauer sinkt ihr Wert um lediglich 40 Prozent. Danach nimmt der Wert innert weniger Jahre um weitere 40 Prozent ab. Bei einer durchschnittlichen Lebensdauer von 50 Jahren ist somit der günstigste Moment für die Sanierung einer Strasse 35 bis 40 Jahre nach ihrer Erstellung. Noch besser ist allerdings der bauliche Unterhalt in regelmässigen Abständen. Denn das Aufschieben der Werterhaltung kommt die Kantone unnötig teuer zu stehen.
 

Mehrheit investiert zu wenig

Nur gerade neun von 26 Kantonen investieren laut der Studie genug in die Werterhaltung ihrer Kantonsstrassen: Aargau, Solothurn, Luzern, Basel-Stadt, Appenzell Ausserrhoden, Schwyz, Uri, Zug und Obwalden. Nahe an die minimalen Investitionen kommen die Kantone St. Gallen und Appenzell Innerrhoden. Doch auch in diesen «Musterkantonen» fällt auf, dass der Grossteil der investierten Summe in Ausbau und Verbesserung des Kantonsstrassennetzes fliesst und nur ein geringer Teil in den baulichen Unterhalt (siehe Grafik). Als «äusserst besorgniserregend» taxiert die Studie die Situation in den Kantonen Waadt und Jura, welche lediglich neun, respektive 27 Prozent der eigentlich erforderlichen Summe investieren.
 
Diese grossen Differenzen liessen sich «nur bedingt mit objektiven Kriterien wie Netzlänge, Verkehrsbelastung oder geographischer Lage erklären», monieren die beiden Autoren der Studie, Benedikt Koch und Matthias Forster vom Fachverband Infra. Weder die Länge des Kantonsstrassennetzes (beispielsweise in der Waadt), noch der Urbanitätsgrad (wie in Basel-Stadt und Genf) oder die Topographie (wie in Obwalden und Glarus) vermochten gemäss den Autoren schlüssige Erklärungen zu liefern. Die Belastung der Strassen (Motorfahrzeuge pro Kilometer Kantonstrasse) stelle aufgrund des tiefen Korrelationskoeffizienten von +0,20 jedoch kleine signifikante Begründung dar. Dies sei erstaunlich, da ein höherer Motorfahrzeugbestand einem Kanton höhere Motorfahrzeugsteuern einbringen müsste, welche in der Regel zweckgebunden für die Kantonsstrassen eingesetzt werden, sinnieren die Autoren der Studie. Am ehesten lasse sich ein Zusammenhang zwischen der Belastung und den Ausgaben für den baulichen Unterhalt erkennen (Korrelationskoeffizient: +0,54).
 

Unklare Ursachen

Auch finanzpolitische Faktoren liefern gemäss der Studie keine zufriedenstellende Erklärung: «Vermutet werden kann ein negativer Zusammenhang zwischen hoher Staatsverschuldung der einzelnen Kantone (Pro-Kopf-Verschuldung) und den Ausgaben für die Werterhaltung der Strasseninfrastruktur.» Doch ein solcher lasse sich empirisch nicht nachweisen (Korrelationswert +0,23,nicht signifikant). Weiter könnte die Art und Weise, wie die Ausgaben für Strassen finanziert werden, ausschlaggebend für deren Höhe sein. Die Studie untersuchte die Hypothese, dass die Investitionen dort höher sind, wo ein Kanton über eine Fondsfinanzierung verfügt. Werden Investitionen in Verkehrsinfrastrukturen hingegen über das allgemeine Budget abgewickelt, könnten tiefere Ausgaben angenommen werden. Doch auch diese Annahme wurde nicht bestätigt: Bei Kantonen, die über einen «Strassenfonds» verfügen, lassen sich gemäss der Studie keine systematisch höheren Ausgaben beobachten.
 
Die Autoren der Studie vermuten deshalb, dass die Höhe der Ausgaben für die Kantonsstrassen von historischen Entwicklungen oder aber von persönlichen Stärken und Präferenzen der Verantwortlichen in den einzelnen Kantonen abhängen. Doch diese Vermutung konnte die Studie nicht überprüfen.
Massimo Diana