Jetzt rechnet auch der Bau mit der Wirtschaftskrise

Jetzt rechnet auch der Bau mit der Wirtschaftskrise

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Bis vor kurzem konnte sich die Bauwirtschaft der Rezession praktisch vollumfänglich entziehen. Neue Umfragen zeigen nun aber, dass Unternehmen sowohl der Baustoffe- und Bauzulieferindustrie als auch des Bauhauptgewerbes vermehrt damit rechnen, von der Wirtschaftskrise eingeholt zu werden.
 
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Blieb die Bauwirtschaft bislang von der Krise fast unbehelligt, erwarten Zulieferbranche und Gewerbe nun doch Ertragseinbrüche.
 
Für die Baubranche wird das wirtschaftliche Umfeld in dem Masse härter, je länger die Rezession anhält. Als eine solche Ende des vergangenen Jahres als unausweichlich erkannt wurde, gingen die meisten Konjunkturprognosen noch von einem Wiederaufschwung bereits ab Ende 2009 aus. Als sich die tatsächliche Tiefe des Einbruchs im Frühling zu zeigen begann, verschoben die Prognostiker den Tiefpunkt des negativen BIP-Wachstums ins kommende Jahr. Anfang des Sommers vermeldete dann die Konjunkturforschungsstelle der ETH Zürich (KOF), die Rezession werde wohl doch bis gegen Ende 2010 anhalten. Das blieb in etwa der Stand der Erwartungen bis heute. Während sich die Aussichten solchermassen eintrübten und der Industrie- und der Finanzsektor die Auswirkungen der Weltwirtschaftskrise längst massiv zu spüren bekamen, lief die Schweizer Bauwirtschaft weiterhin wie am Schnürchen. Der zuvor ausgebrochene Wohnbauboom mit ungewöhnlich hohen Arbeitsvorräten und auf den Bau ausgerichtete Konjunkturstützungsmassnahmen von Bund und Kantonen sorgte dafür. Hätten zumindest die Konjunkturprognosen vom Frühling gestimmt, bliebe der Bau wohl von den Krisenfolgen weitgehend verschont. Inzwischen erscheint es unvermeidlich, dass auch die Baunachfrage irgendwann nachlassen wird, spätestens im kommenden Jahr.

Bauzulieferer rechnen mit Einbruch

In der Branche ist man diesen Umständen entsprechend zunehmend pessimistisch. Aufschlussreich sind die Resultate einer Umfrage, welche die Beratungsfirma Roland Berger im Frühling in Deutschland und in der Schweiz bei Firmen der Bauzulieferbranche durchgeführt hat. Die Studie wurde deshalb auf beide Länder ausgedehnt, weil Deutschland ein wichtiger Markt auch für Schweizer Produzenten und Lieferanten von Baumaterialien ist. Die Lageeinschätzungen durch die Unternehmen unterscheiden sich im Wesentlichen nur, was den zeitlichen Verlauf angeht: Deutschland ist etwas früher in die Rezession geraten als die Schweiz, es wird wie andere EU-Länder deshalb auch etwas früher wieder mit einem Aufschwung rechnen können.
 
Diese Phasenverschiebung erklärt auch, weshalb eine Mehrheit der Befragten berichtet, bereits im Jahr 2008 mit Umsatzeinbussen konfrontiert gewesen zu sein – es dürfte sich dabei mehrheitlich um deutsche Studienteilnehmer handeln, denn die Schweizer Bauwirtschaft hat 2008 noch ausgesprochen erfolgreich geschäftet. Die Bauzulieferer insgesamt erwarten nun aber im laufenden und im Jahr 2010 einen kräftigen Nachfrageeinbruch. Bemerkenswert düster sind dabei die Erwartungen, die in der Branche bezüglich der Krisendauer vorherrschen: Es wird ein zwei-, von einem Drittel der Befragten sogar ein dreijähriges Anhalten der wirtschaftlichen Durststrecke angenommen.
 
Zu den Folgen und den Strategien zur Bewältigung der Krise äussern sich die Unternehmen recht einheitlich. Erwartet werden Umsatzeinbussen und, weil dies mit Kostensenkungen voraussichtlich nicht kompensiert werden kann, auch Einbussen beim Ergebnis. Um diese Situation in den Griff zu bekommen, werden auch Entlassungen vorgesehen – branchenbedingt allerdings mit der Einschränkung, dass die Personalkapazitäten in Marketing und Verkauf beibehalten werden sollen, um die eigene Wettbewerbssituation nicht zu schädigen.
 
Überhaupt begreifen viele Bauzulieferer die Krise nicht nur als Bedrohung, sondern auch als Chance, vor allem solche in der Schweiz; man hofft, durch «Gesundschrumpfen» und Marktbereinigungen die eigene Position langfristig stärken zu können. Vor allem deutsche Unternehmen planen deshalb auch, sich durch krisenbedingt günstige Zukäufe zu vergrössern und am Markt besser zu stellen.
 
Die staatlichen Konjunkturstützungsmassnahmen werden von einem Grossteil der Branche als positiv gesehen und eine Mehrheit glaubt auch, davon profitieren zu können. Auch hierbei sind die Schweizer Unternehmen deutlich optimistischer: 90 Prozent der hier Befragten erwarten direkte Vorteile durch die Konjunkturpakete. Die Konzeption der Stützungsmassnahmen wird allerdings auch kritisiert, in der Schweiz vor allem die harzige Vergabepraxis. Weitverbreitet auch in der Schweiz ist zudem die Sorge, die staatliche Hilfe könnte sich letztlich als blosses Strohfeuer entpuppen, durch das die Krise nicht wirklich gemeistert, sondern im Fall der Bauwirtschaft nur «verschoben» würde.

Pessimistische Bauunternehmen auch bei den KOF-Umfragen

Dass sich in der Branche inzwischen mehr konjunkturelle Ernüchterung ausbreitet, lässt sich auch den Resultaten der neuesten Umfragen der ETH-Konjunkturforschung KOF im Monat Juli entnehmen. Für die Schweizer Gesamtwirtschaft lassen diese zwar auf eine allmähliche Abschwächung der rezessiven Tendenz hoffen, aber das gilt vor allem für die vom Exportrückgang hart getroffene Industrie. Hier wird im nächsten Quartal erstmals nicht mehr mit rückläufigen Bestellungen gerechnet, wobei aber die Gesamtwirtschaft weiterhin schrumpft und die KOF mit einem Ende der Rezession nach wie vor frühesten gegen Ende 2010 rechnet.
 
Die Unternehmen des Bauhauptgewerbes äussern sich vor diesem Hintergrund zunehmend wachstumsskeptisch. Die eigene Geschäftslage wird weniger positiv beurteilt als vor drei Monaten und die Bautätigkeit war sowohl gegenüber dem Vorquartal wie auch dem Vorjahr rückläufig. Auch der Auftragsbestand wird zurückhaltender beurteilt, die Auslastung der Geräte ist auf 73 Prozent gesunken. Etwas überraschend beurteilt dem gegenüber der Projektierungssektor seine Geschäftslage nach wie vor als gut, vor allem die Ingenieurbüros. Als Folge einerseits der Konjunkturpakete und andererseits der Rezession kann die Feststellung für die gesamte Branche gewertet werden, dass die Bausummen bei Aufträgen der öffentlichen Hand weiterhin etwas ansteigen, während sie im Wohnungs- und Wirtschaftsbau kräftig sinken.
 
Was die weitere Entwicklung angeht, sind die Erwartungen in der gesamten Baubranche mittlerweile doch sehr eingetrübt. Das Bauhauptgewerbe erwartete nun deutliche Auftragsrückgänge im kommenden Quartal und darüber hinaus bis Ende Jahr. Weil auch mit sinkenden Baupreisen zu rechnen ist, sehen die Unternehmen im Bauhauptgewerbe unvermindert auch Anpassungen beim Personal vor. Auch im Projektierungssektor werden Rückgänge bei den Aufträgen erwartet. Analog zum Gewerbe rechnet man auch hier mit sinkenden Honorarsätzen, was sich wohl ebenfalls auf die Personalplanung auswirken wird.