In Sekundenschnelle dem Erdboden gleichgemacht

In Sekundenschnelle dem Erdboden gleichgemacht

Gefäss: 
Mit dem "Rockwellturm" in Aarau wurde erstmals in der Schweiz ein Hochhaus gesprengt. Diese Art des Abbruchs kostete mit etwa 1,5 Millionen Franken gleich  viel wie ein Rückbau, spart aber rund sechs Wochen Arbeit. Das "baublatt" war mit der Filmkamera vor Ort.

 

 

Er konnte lächeln, als er um 3 Uhr in der Nacht die Pressekonferenz im benachbarten Mediapark in Aarau betrat. «Die Sprengung verlief wie geplant. Ich bin sehr zufrieden», verkündete Sprengmeister Walter Weber von der GU Sprengtechnik AG in Erlinsbach, «das Gebäude fiel exakt so, wie wir es erwartet hatten». Einziges Problem waren einige renitente Zuschauer, welche in die Sperrzone marschierten und so die Sprengung um einige Minuten verzögerten. Exakt um 2.09 Uhr, also neun Minuten später als geplant, war für das knapp 50-jährige Hochhaus «Sprecherhof», im Volksmund «Rockwellturm» genannt, dann aber definitiv Feierabend. In Sekundenschnelle fiel das 45 Meter hohe Gebäude in sich zusammen, sehr zur Freude Hunderter Schaulustiger, welche das für die Schweiz einmalige Ereignis mit Grill- und Getränkeständen in ein Volksfest verwandelt hatten.

Treppenturm faltet sich

Dass der «Rockwellturm» gesprengt würde, stand nicht von Anfang an fest. Erst Ende des letzten Jahres entschied sich die Mobimo AG dazu, das Gebäude nicht etagenweise von oben nach ­unten abzubrechen. Dies, weil eine Sprengung etwa gleich viel kostet, aber vier bis sechs Wochen ­Arbeitszeit einspart und zudem die Staubbelastung für die Umgebung auf wenige Minuten reduziert. Abgesehen davon wäre laut Mobimo der Abbruch der Unterkellerungen mit einem Grossbagger schwierig und gefährlich. Weil man sich für eine Sprengung entschieden hatte, mussten vorläufig lediglich Fenster, Metallverkleidung, Asbest und PCB entfernt werden.


Zum Zeitpunkt der Sprengung bestand das Hochhaus eigentlich nur noch aus einem Skelettbereich und dem Treppenturm (siehe Grafik). Diese mussten unterschiedlich behandelt werden. Zuerst wurden die Stahlstützen im Unter- und Erdgeschoss sowie im 6. Stock zerrissen, ­wodurch der Hauptbau oder Skelettbereich senkrecht in sich zusammenstürzte. Wenige Augenblicke später liessen weitere Ladungen den Treppenturm auf die Überreste des Hauptgebäudes fallen. Dabei handelte es sich um eine sogenannte Faltsprengung. Diese war nötig, da der Kern des Treppenturms sehr stabil war und deshalb nicht analog zum Hauptbau vertikal kollabieren konnte. «Die Zündreihenfolge ist das Wichtigste. Damit beeinflusst man die Sturzrichtung», erklärte der Sprengmeister, der auch schon an der Sprengung des alten Berner Wankdorfstadions beteiligt war. Insgesamt benötigte Webers Team rund 1500 Sprengladungen mit einem Gesamtgewicht von 75 Kilogramm. Als Sprengstoff wurden zum ­einen lineare Hohlladungen aus HMX und Kupfer (Schneidladungen für Stahl) und zum anderen Sprengschnüre aus Nitropenta und Sprenggelatine eingesetzt. Letztere zertrümmerten vor ­allem den armierten Beton.


Für die Zündung wurden Schlauchzünder für die Detailinitiierung der Sprengladungen und elektronische Zünder zur millisekundengenauen Tempierung verwendet. Die Vorbereitung dauerte rund drei Monate, wovon zehn ­Wochen auf die Planung, vier auf Bohr- und Fräsarbeiten und rund eine Woche auf die Ladearbeiten entfielen.


An der Sprengung selbst waren neben Arbeitern der GU Sprengtechnik AG noch rund 100 Fachkräfte für die Sicherheit und die Staubbindung mit Wasser im Einsatz. Das Gebiet rund um den Gais-Kreisel wurde grossräumig evakuiert. Die Mobimo AG hatte den Zeitpunkt der Sprengung auf die frühen Morgenstunden terminiert, da es um diese Zeit auf der Strasse und im nahe gelegenen Bahnhof nur wenig Verkehr gibt. ­Ausserdem konnte man so einen noch ­grösseren Zuschaueransturm verhindern, der womöglich zu Problemen geführt hätte.

Neues Hochhaus 2015 bezugsbereit

Nervös wurde Walter Weber erst fünf Minuten vor der Sprengung, wie er an der Pressekonferenz gestand. Sprengen sei für ihn Alltag. «Ich habe aber mit mehr Staub gerechnet», erklärte er. Das Vornetzen und das viele Wasser hätten aber besser gewirkt als erwartet. «Es wäre schön, wenn diese Sprengung der Schweizer Sprengszene Schwung verleihen würde», machte der Profi noch rasch Werbung in eigener ­Sache. Schliesslich sei Sprengen gefahrlos und mit weniger Emissionen verbunden als ein Rückbau.

Vom zwölfstöckigen Gebäude blieb am Ende nur noch ein 5000 Tonnen schwerer Schutthaufen übrig. An der Stelle des ehemaligen «Rockwellturms» entsteht ein neues Hochhaus für die Pensionskasse GastroSocial. Laut Terminplan der Mobimo AG, die bei der Neugestaltung des ganzen Aeschbach-Quartiers federführend ist, sollen darin bereits Ende 2015 über 200 neue Arbeitsplätze besetzt werden können. Ganz in der Nähe soll ausserdem das neue Stadion des FC Aarau gebaut werden. Vielleicht braucht es Weber & Co. dann wieder – für die Sprengung des Brügglifelds. (Stefan Breitenmoser)