Implenia spürt keine Krise

Implenia spürt keine Krise

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Teaserbild-Quelle: Implenia
Leicht höherer Umsatz, stabiler Gewinn und ein Auftragsbestand von 3,2 Milliarden Franken: Mit diesen erfreulichen Ergebnissen hat der grösste Schweizer Baudienstleister das erste Halbjahr abgeschlossen. Diese Situation sollte bis zum Jahresabschluss anhalten. Die Auftragsbücher für 2010 und 2011 sind ebenfalls schon gut gefüllt.
 
 
Anton Affentranger, der seit April nicht nur Verwaltungsratspräsident, sondern auch CEO von Implenia ist, kann trotz aufziehender Rezessionswolken ruhig schlafen: «Wenn es eine Rezession gibt, dann spüren wir es meist später als andere Branchen, und wenn wir es spüren, dann vor allem im Konzernbereich Infra», rief er den Medienvertretern in Erinnerung und fügte den Nachsatz an: «Eigentlich müssten wir jetzt die Krise zu spüren beginnen, doch wir merken vorerst nichts davon».
 

Volle Auftragsbücher

 
Der Auftragsbestand der gesamten Implenia-Gruppe ist im Vergleich zum Vorjahr von 3 auf 3,2 Milliarden Franken gestiegen. Für nächstes Jahr sind bereits 54 Prozent des geplanten Umsatzes gesichert, das heisst, die entsprechenden Werkverträge sind abgeschlossen. Für übernächstes Jahr sind fast 30 Prozent des Umsatzes im Trockenen. Dabei, so Affentranger, betreibe Implenia nicht etwa eine volumengetriebene Akquisitionspolitik, sondern eine margenorientierte. Die gute Auftragslage rührt auch nicht von einzelnen Grossprojekten her, unterstrich der CEO von Implenia: «Die grössten 30 Einzelprojekte machen lediglich 50 Prozent des Gesamtumsatzes aus, der Rest verteilt sich auf eine Vielzahl von kleinen und mittelgrossen Aufträgen, was einer guten Risikostreuung entspricht».
 
Nicht nur die Auftragsbücher sind bei Implenia gut gefüllt, auch die Kassen sind es: Der Konzernumsatz von 1,04 Milliarden Franken blieb auf dem Niveau der Vorjahresperiode (1,08 Milliarden). Auch das Konzernergebnis ist im Vergleich zum Halbjahresabschluss 2008 gestiegen, obwohl es auf ersten Blick aussieht, wie wenn das Gegenteil der Fall wäre: Vor Jahresfrist belief sich dieses auf 16,8 Millionen Franken, während heuer «nur» 6,2 Millionen verbucht wurden. Rechnet man aber vom Vorjahresergebnis den Erlös des Verkaufs der Privera-Gruppe von 13,4 Millionen Franken ab, resultiert für das erste Semester dieses Jahres sogar nahezu eine Verdoppelung des Konzernergebnisses von 3,4 auf 6,2 Millionen Franken. Dasselbe gilt für das operative Ergebnis: Rechnet man den Einfluss des Privera-Verkaufs ab, liegt dieses etwas höher als im Vorjahresabschnitt (10,5 anstatt 10,3 Millionen Franken). Affentranger zeigte sich mit diesen Halbjahresresultaten sehr zufrieden und sprach sogar vom besten Semesterergebnis seit Bestehen von Implenia.
 
Der Konzernbereich «Real Estate», in dem Generalunternehmung (GU), Projektentwicklung und Engineering (Dienstleistungen) zusammengefasst sind, demonstrierte, was margenorientierte Akquisition bedeutet: Hier ist der Umsatz, verglichen mit dem Vorjahr, von 570 auf 552 Millionen Franken gesunken, dafür stieg der Gewinn (Ebit) von 7,7 auf 13,3 Millionen Franken. Zu diesem Resultat steuerte die Generalunternehmung 9,1 und die Projektentwicklung 4,2 Millionen Franken bei. Die Reuss Engineering AG, welche den Sektor Dienstleistungen abdeckt, konnte zum ersten Mal seit der Übernahme durch Implenia eine schwarze Null schreiben. Im Vorjahr musste noch ein Verlust von 600 000 ans Bein gestrichen werden. Der Auftragsbestand der GU ging in den meisten Regionen etwas zurück, ausser in Zürich: Dort stieg dieser von 338 auf 541 Millionen Franken. Für 2010 sind bereits über die Hälfte des geplanten Umsatzes gesichert. Mit Genugtuung konnte Affentranger zudem mitteilen, dass es Implenia gelungen ist, das Projekt «Ilot 7» beim Genfer Bahnhof aufzugleisen. Zu den grössten Neuaufträgen der Generalunternehmung zählt mit einer Bausumme von 243 Millionen Franken die Europaallee zwischen Hauptbahnhof Zürich und Sihlpost, wo Implenia für die SBB das Baufeld A realisiert.
 

Langer Winter bremste Schwung

 
Der lange Winter und der laut Affentranger «unüblich hohe Auftragsbestand» zu Beginn des Jahres stellten den Konzernbereich Infra, das eigentliche Bauunternehmen, auf eine harte Probe: «Unsere Baustellen laufen erst seit April-Mai auf Hochtouren. Zuerst galt es, die Auftragsrückstände vom vergangenen Jahr aufzuarbeiten, was zusammen mit den Neuaufträgen zu einem Engpass in der Produktionskapazität führte». Wurde vor Jahresfrist ein Minus (Ebit) von 6 Millionen Franken verzeichnet, belief sich der Verlust im ersten Halbjahr auf 7,4 Millionen. Affentranger will jedoch den Rückstand bis Ende Jahr aufgeholt haben.
 
Der Umsatz blieb nahezu unverändert. Grösser geworden ist der Auftragsbestand, welcher von 696 auf 908 Millionen Franken angestiegen ist und mehr oder weniger gleichmässig über die ganze Schweiz verteilt ist. Auch für 2010/2011 zeichnet sich im Bereich Infra ein hoher Auftragsbestand ab: Für nächstes Jahr sind bereits 36,5 Prozent des Umsatzes gesichert. Trotz guter Auslastung und voller Auftragsbücher rief Affentranger in Erinnerung, das der Druck auf die Margen in der Bauproduktion besonders hoch ist, mit Ausnahme des Spezial- und Ingenieurtiefbaus. Diese Situation sei aber nicht nur schlecht, sagte Affentranger: «Dank des Margendrucks kann beispielsweise die Generalunternehmung günstigere Leistungen einkaufen, denn sie muss Aufträge nicht an die eigene Bauunternehmung zu vergeben, wenn günstigere Angebote vorliegen».
 
Über einen äusserst komfortablen Auftragsbestand verfügt der Konzernbereich Tunnelbau und Totalunternehmung: 940 Millionen Franken waren es per Ende August. Die Umsätze für die nächsten zwei Jahre sind zum grössten Teil bereits gesichert. Die Fertigstellung des Gotthard-Basistunnels zwischen Sedrun und Faido sowie der Bau des Weinbergtunnels für die Durchmesserlinie zwischen Zürich Oerlikon und Zürich Hauptbahnhof werden in den nächsten zwei Jahren für ausreichende Auslastung sorgen. Der Umsatz ging von rund 83 Millionen Franken auf 70 Millionen zurück. Der Gewinn (Ebit) schrumpfte von 17 auf 13 Millionen Franken. In diesen Resultaten spiegelt sich, so Affentranger, der Abschluss des Lötschberg-Basistunnels.
 

Gedämpfte Ambitionen im Ausland

 
Auf dem harten Boden der Realität gelandet ist Implenia mit ihren Expansionsplänen im Ausland: War vor zwei Jahren Russland noch als zweiter Heimmarkt angesehen worden, ist heute von dieser Vision nur noch Katzenjammer übrig geblieben. Anlässlich der Präsentation der Jahresbilanz 2008 im vergangenen März hiess es noch, die Verluste von 6,6 Millionen Franken im Konzernbereich Global Solutions seien als «Investition in die Zukunft» zu betrachten und deshalb tragbar. Kurz darauf wurde aber das Joint Venture «Russian Land Implenia» aufgelöst, weil der russische Baumarkt völlig zum Erliegen gekommen ist. «Einen derartigen, raschen Einbruch hatte niemand erwartet», versuchte Affentranger das Debakel zu erklären. Fest steht, dass die ohnehin mageren Umsätze im ersten Halbjahr um über 60 Prozent einbrachen, von 1,7 auf 0,5 Millionen, und ein Verlust von 3 Millionen Franken resultierte. In Russland unterhält Implenia nur noch eine kleine Niederlassung. Ob der Schweizer Baudienstleister Aufträge für Stadionneubauten in Sochi am Schwarzen Meer erhält, sei vollkommen unklar, räumte der CEO ein. In Abu Dhabi und Katar setzt Implenia auf Planungsdienstleistungen bei Infrastrukturprojekten.
 

Gut abgesichert

 
Als besonderen Vertrauensbeweis wertete Affentranger den Abschluss eines neuen Syndikatskredites mit einem landesweiten Konsortium von 19 Banken unter der Führung von UBS, CS und ZKB. Dabei sei es Implenia gelungen, für die kommenden drei Jahre bessere Konditionen und die Aufstockung der Kreditlimite von 500 auf 600 Millionen Franken zu erhöhen. Die erweiterten Kreditlimite dienen einerseits der Finanzierung des saisonalen Mittelbedarfs, anderseits aber auch der Garantiestellung für Bauprojekte. Denn die öffentliche Hand – aber auch zunehmend private Bauherren – fordert bei der Vergabe von grossen Bauprojekten immer grössere Garantieleistungen, die sogar solide finanzierte Bauunternehmungen vor Probleme stellt (siehe «baublatt» 47/2008). Nach Auskunft von Implenia-Finanzchef Beat Fellmann muss der Konzern zurzeit in der Lage sein, Garantieleistungen im Umfang von 600 Millionen Franken zu erbringen. Bis jetzt sei aber noch nie eine solche Garantieleistung eingefordert worden.
 
Während die öffentliche Hand immer weitreichendere Garantieleistungen verlangt, nimmt sie sich bei der Bezahlung bereits erbrachter Bauleistungen viel Zeit: Bis zu 90 Tage kann es dauern, bis Rechnungen bezahlt werden, während Implenia gegenüber Subunternehmern und Lieferanten je nach Vertrag 20 bis 60 Tage Zeit hat. «Wir subventionieren de facto die öffentliche Hand», klagte Affentranger und wies darauf hin, dass in den Implenia-Büchern Rechnungen von total 120 Millionen Franken darauf warten, von öffentlichen Auftraggebern beglichen zu werden. Obwohl er in der Romandie lebe und diese für Implenia ein wichtiger Markt sei, könne er nicht darüber hinweg sehen, dass die Zahlungsmoral der öffentlichen Hand in der Romandie schlechter sei als in der Deutschschweiz, räumte der CEO von Implenia ein.
 
Lesen Sie den ganzen Artikel von Massimo Diana in der kommenden Ausgabe des "baublatts", in der Nummer 39.