«Im Prinzip hat es bis jetzt noch keiner gemacht…»

«Im Prinzip hat es bis jetzt noch keiner gemacht…»

Gefäss: 
Teaserbild-Quelle: Bild: Thomas Staenz
 
Für den ETH-Professor Gerhard Girmscheid steht Public Private Partnership (PPP) in engem Zusammenhang mit lebenszyklusorientierten Bauprozessen. Sein Institut hat Instrumente entwickelt, mit denen PPP als Alternative zur traditionellen Umsetzung von öffentlichen Bauprojekten im Detail geprüft werden kann.
 
 
Herr Girmscheid, das Thema unseres Gesprächs ist PPP. In Ihren Arbeiten zu diesem Thema taucht auffallend oft der Begriff "Lebenszyklus" auf.
Gerhard Girmscheid: Mein grundsätzliches Forschungsziel, als ich vor fünfzehn Jahren an die ETH Zürich kam, war: Wie kann man die Lebenszyklusorientierung in die Bauprozesse und in die Bauwirtschaft hineinbringen? Die Frage ist auch heute noch aktuell.
 
Nun ist die hiesige Baubranche nicht gerade bekannt für strukturelle Innovationsfreudigkeit.
Bei meiner Antrittsrede hat man mir auf die Schulter geklopft und gesagt: Tolle Rede war das, aber bei uns in der Schweiz wird das so nicht funktionieren. Das hat sich unterdessen gewaltig geändert. Auch wenn es Slow-Motion ist - die Bewegung ist da. Man darf keine revolutionäre Entwicklung erwarten, sondern muss stetig daran arbeiten und die Konzepte dafür bereitstellen.
 
Unterdessen stehen solche Konzepte bereit, auch im Bereich von PPP. Aber wird auch auf sie zugegriffen - hat beispielsweise der Baumeisterverband seine Hausaufgaben im Zusammenhang mit PPP gemacht?
Der Baumeisterverband und überhaupt die Unternehmerverbände sind nicht eigentlich für PPP zuständig. Die Unternehmen müssen ihre eigenen Leistungsangebote gestalten, indem sie sich differenzieren im Wettbewerb. Aber sowohl bei Generalunternehmen als auch bei KMU, die sich in Kooperationen zusammenschliessen könnten, ist das Potential zu PPP vorhanden.
 
Liegt PPP nicht eher im Machbarkeitsbereich von General- oder Totalunternehmern?
Es sind Kooperationen notwendig, unabhängig von der Grösse des Unternehmens. Eine Möglichkeit wäre die Kooperation mit einer Firma, die im Energie-Contracting Erfahrung mitbringt. Auch Spezialisten des Facility-Managements können beigezogen werden, wenn man sie nicht im eigenen Haus hat. Die Ausrichtung auf PPP bedeutet für die Unternehmen die Strukturierung eines neuen Geschäftsfeldes, und da stellt sich natürlich die Frage: Wie macht man das?
 
Und, wie macht man es?
Der grosse Schritt für die Unternehmen ist, dass sie aus ihrem angestammten traditionellen Feld heraustreten müssen. Ihre Risiken erstrecken sich heute nur über den Zeitraum der Planung und der Ausführung - also bis zum Ende der Investition. PPP bedeutet aber, dass sie auch Betriebsrisiken tragen müssen.
 
Da stellt sich wieder die Frage, ob das nicht eher von Totalunternehmern als von Bauunternehmern umzusetzen ist.
Es gibt ja auch kleinere Unternehmen, die als Totalunternehmer Projekte realisieren. Klar ist, dass ein Unternehmen Erfahrung haben sollte mit Projektentwicklung. Allerdings dürfen die Risiken, die im langfristigen Betrieb bestehen, nicht unterschätzt werden. Es reicht dann nicht, einfach die Kosten für Heizung und Reinigung zu kontrollieren. Es schliesst vielleicht auch die Erneuerung eines Daches, je nach Heizsystem die Erneuerung eines Brenners, vielleicht auch die Erneuerung gewisser Fussböden mit ein. Dazu braucht es das Know-how, Risiken einzugrenzen und die Kalkulation zu machen.
 
PPP bedeutet in der Hauptsache Effizienzsteigerung: Neigen PPP-Befürworter dazu, der Öffentlichen Hand unternehmerisches Denken kategorisch abzusprechen?
PPP ist eine Option für die Öffentliche Hand, bei Beschaffungsprojekten die Kosten über einen bestimmten Lebenszyklus hinweg zu optimieren. Wo eine solche Option ernsthaft geprüft wird, ist unternehmerisches Denken vorhanden. Die Prüfungen, die ich bis heute gesehen habe, waren aber zum Teil Alibiprüfungen im Nachhinein, als man sich bereits für den traditionellen Weg entschieden hatte. Was PPP kann, kann man natürlich auch alles selbst machen. Die Frage ist nur: Ist die Motivation dazu wirklich gegeben? Denken Sie an eine Schulgemeinde: Deren Kerngeschäft ist die Bildung. Die Aufgabe, ein Schulgebäude optimal zu nutzen, gehört nicht zu diesem Kerngeschäft und kann durch ein privates Facility-Management möglicherweise kompetenter gelöst werden.
 
Welchen Einfluss hat die Vergabeverordnung auf die Verbreitung von PPP?
Um PPP effizient umzusetzen, braucht es die Möglichkeit eines Verhandlungsverfahrens oder eines wettbewerblichen Dialogs. Die EU hat diese beiden Verfahren speziell für komplexe Projekte, aber auch spezifisch für PPP zugelassen. Sie geben der Öffentlichen Hand die Möglichkeit, mit verschiedenen Bietern gleichzeitig über die Projektoptimierung zu verhandeln. Natürlich erfordert dieser Dialog von der Öffentlichen Hand ein sehr hohes ethisches Handeln.
 
Die Dialogpartner bei PPP sind die Öffentliche Hand und der private Anbieter. Wo besteht Handlungsbedarf?
Es besteht auf beiden Seiten Handlungsbedarf. Die Öffentliche Hand muss systematisch prüfen, ob PPP eine tragbare Option ist. Und das muss so erfolgen, dass die tatsächlichen Effizienzpotentiale, die ein Unternehmer generieren kann, auch tatsächlich berücksichtigt werden.
 
Und welcher Handlungsbedarf besteht bei den Unternehmern?
Momentan ist es ein Pingpongspiel. Wenn ich Gemeinden berate und die Frage auftaucht, welches Unternehmen denn für ein PPP-Projekt in Frage käme, ist die Antwort oft: Im Prinzip hat es bis jetzt noch keiner gemacht…
 
Dann müsste es einer als Erster machen…
Ein synergetischer Effekt, um den Umgang mit PPP zu lernen, wäre die Kooperation mit einem Unternehmen, das schon im Ausland Erfahrungen gesammelt hat - das wäre eine mögliche Strategie für einen Anbieter. Aber auch das Ergänzen der eigenen Kapazitäten durch die Kooperation mit einem anderen Schweizer Unternehmen könnte eine Strategie sein.
 
Wären das Allianzen, die schon vor einer konkreten PPP-Ausschreibung geschmiedet werden sollten?
Ja, sie sollten zumindest konzeptionell vorbereitet sein. Hier könnten auch die Unternehmerverbände helfen, indem sie das Gespräch mit der Öffentlichen Hand suchen, damit PPP-Projekte in Zukunft auch ausgeschrieben werden. Auf der anderen Seite muss dann aber auch jemand da sein, der das machen kann. Wenn das nur Ausländer machen können, ist das eine riesige Hürde.
 
Weshalb?
Stellen Sie Sich vor, eine kleine Innerschweizer Gemeinde schreibt etwas aus, und dann kommen Bouygues aus Frankreich oder Hochtief aus Deutschland: Da sind die Hemmschwellen dann doch gigantisch.
 
Ist die Zeit in der Schweiz überhaupt reif für PPP?
Wir befinden uns in einem Entwicklungsprozess. Einige Firmen sind bereit, diese Erfahrungen zu machen. PPP kann in der Schweiz eine Variante sein, wie die Öffentliche Hand gewisse Beschaffungsprojekte über die Betriebszeit hinweg organisieren kann. Es ist eine Option - mehr nicht.
 
Interview: Valentin Rabitsch
 
 

Zur Person

 
Gerhard Girmscheid ist seit 1996 ordentlicher Professor am Institut für Bauplanung und Baubetrieb der ETH Zürich. Er promovierte 1983 an der Technischen Hochschule Darmstadt und arbeitete anschliessend als Planer, Engineering- und Site-Manager für Grossprojekte in Deutschland, Ägypten und Thailand.
 
Seine praktische Erfahrung und Entwicklungstätigkeit reicht von Hochbauten, Tiefbauten, Unterwasserinjektionsverfahren und horizontalen Injektionstechniken sowie Schildvortriebsmaschinen für den Tunnelbau über Bauverfahrenstechniken für schwimmend hergestellte Bauwerke und Senkkästen, Bau- und Verlegekonzepte für Segmentbrücken mit externer Vorspannung bis hin zu Projektmanagementmethoden.
 
Seine heutige Forschungstätigkeit konzentriert sich auf die Leistungserstellungs- und Supportprozesse in Bauunternehmen. Er ist Buchautor mehrerer Bau-Fachbücher sowie Mitherausgeber der deutschen Fachzeitschrift Bauingenieur und Berater für Bauunternehmen und Bauherren - insbesondere auch für Gemeinden, die sich für PPP interessieren. (bb)