Ich sehe Rot

Ich sehe Rot

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Teaserbild-Quelle: Bild: Michael Staub

Wie wirken Farben auf den Menschen? Pro Colore offeriert mit dem «Erlebnisraum Farbe» an der appli-tech eine Gelegenheit für Selbstversuche.

Am Stand von Pro Colore in der Halle 4 kann man eine ambulante Farbtherapie machen. Acht Kabinen stehen zur Wahl. Die Kabäuschen mit Hocker und Vorhang erinnern an die Einfränkler-Fotoautomaten aus alten Zeiten. Doch das Setting ist anders: Wartete man auf dem Drehstuhl der Prontophot-Automaten unbehaglich auf das grelle Blitzlicht, scheint in den Farbkabinen gleichmässiges Neonlicht von der Decke. Und zu sehen gibt es nicht das Spiegelbild, sondern «nur» eine bestimmte Farbe.

Was genau stellt Rot mit dem Menschen an? Es macht aggressiv und wach, so viel scheint mir klar. «Zuerst messen wir Ihren Puls und Blutdruck», sagt Patrizia Kilburger. Wie die anderen Vorstandsmitglieder von Pro Colore ist sie gleichsam als Farbsamariter im Einsatz. Das Messgerät am Handgelenk surrt, dann beginnt das Experiment.

Ich sehe Rot. Buchstäblich. «Energy Red» soll es heissen, doch «Nerviges Rot» wäre eine gute Alternative. Bumm-Bumm-Bumm, das muss mein Herz sein. Die Neonröhre regt mich auf. Dieses funzelige Licht. Schummrig. Richtig mühsam. An der Wand klebt ein winziger Schmutzfleck, ich kratze ihn mit dem Nagel weg. Himmel, dieses Rot. Aus dem nahen Restaurant höre ich Gläserklingen und ein dumpfes Stimmengewirr. Tief atmen, es ist einfach eine rote Kabine. Das Rot wirkt hart, aber im Bus oder in der S-Bahn hätte ich weniger Platz als hier. Es ist heiss hier drin. Dieses Rot. DIESES ROT! Ratsch! Ich reisse den Vorhang auf. Mein Puls ist von 72 auf 90 gestiegen, der Blutdruck ist auf dem Pilatus.

«Machen Sie eine Pause, damit Ihr Puls und Blutdruck neutralisiert wird. Danach wählen Sie eine andere Farbe aus, Lieblingsfarbe oder auch nicht, um eine weitere Wirkung zu sehen.», sagt Kilburger. OK. Das schöne Tiefseeblau ist besetzt. Das Schweinchenrosa muss jetzt nicht sein. Also Violett, oder «Magic Purple», wie es hier heisst. Dieses ausgleichende Violett, das den Raum gleich weiter macht. Man könnte fast meditieren in diesem violetten Kabäuschen. Keine Spur von «Purple Haze», und die Neonröhre nervt weniger. Aber bin ich wirklich ruhiger? Ratsch. «Puls 120, noch höher als in der roten Kabine», sagt Farbsamariterin Kilburger. Das hört sich nicht sehr gesund an, aber wenigstens war der Blutdruck tiefer.

Dritte Kabine. Ich möchte Grün sehen, helles Grün. Ein guter Kontrast zur Luzerner Hochnebelsuppe über dem Messegelände. Habe ich eine Vogelstimme gehört? Nein, das ist immer noch derselbe Restaurantlärm. Ich fühle mich wach. Ich werde ungeduldig. Nein, nicht Ungeduld ist es, sondern Tatendrang. Schwung. Ratsch! Es gibt viel zu tun. Was zum Teufel ist mit meinem Blutdruck los? «Noch höher als beim Rot», stellt Kilburger fest. Aber der Puls ist auf 74. Zen-Meister fühlen sich so.

Dann gehe ich weiter, zurück in den Messetrubel, vorbei an schreiend bunten Ständen, die alle Farben der Palette mischen, quietschbunt-fröhlich oder pastellig-dezent. Es sind sehr viele sehr verschiedene Farben, und mir ist nicht ganz klar, wie sie sich auf den Blutdruck und den Puls der Messebesucher auswirken. Doch wenigstens etwas ist klar: Wenn ich nochmals länger als drei Minuten in einem Farbkabäuschen verbringe, ist es entweder hellgrün, dunkelblau oder schweinchenrosa. (Michael Staub)