Heisse Brummis bleiben draussen

Heisse Brummis bleiben draussen

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Teaserbild-Quelle: Foto: Bundesamt für Strassen Astra

Fast 17 Kilometer ist der Gotthard-Strassentunnel lang. Im Jahr 2014 passierten 6,3 Millionen Fahrzeuge die zweispurige Röhre. Davon waren knapp eine Million Lastwagen. Besondere Massnahmen sorgen für Sicherheit auf der  Gegenverkehrsstrecke, darunter die Thermoportale vor den Tunneleinfahrten

Der Verkehr rollt ununterbrochen – 365 Tage im Jahr – durchschnittlich sind es 17 000 bis 18 000 Fahrzeuge täglich. Zu Spitzenzeiten in den Sommerferien queren sogar mehr als 34 000 Fahrzeuge pro Tag den längsten europäischen Alpen-Strassentunnel, der zwischen Göschenen im Kanton Uri und Airolo im Tessin verläuft. Wer hier das Alpenmassiv unterirdisch durchfahren will, plant Wartezeiten meist mit ein. Denn die Autobahn A2 von Basel nach Chiasso, zu der der Gotthard-Strassentunnel gehört, wird an dieser Stelle vom vierspurigen Verkehr zur zweispurigen Strecke mit Gegenverkehr. Seit der Eröffnung im September 1980 hat sich am wichtigsten Transitkorridor der Schweiz einiges verändert. Der wichtigste Fakt: Der Verkehr hat sich inzwischen verdoppelt. Rund 15 Prozent davon entfällt auf den Schwerverkehr.

Die verkehrstechnischen Anlagen ermöglichen dennoch einen raschen Verkehrsfluss. Die Tunneleinfahrten und Ausstellnischen werden durch Fernsehkameras ständig überwacht. Mit der Einführung eines Dosiersystems, dem sogenannten Tropfenzählersystem, wird die Zufahrt für den Schwerverkehr über Ampeln gesteuert. Sie müssen einen Mindestsicherheitsabstand von 150 Metern einhalten. Das bedeutet, pro Minute dürfen maximal zwei oder drei LKW an jedem Tunnelportal einfahren. Mit dem System wird die Anzahl der Durchfahrten auf maximal 3000 bis 3500 Camions am Tag beschränkt. Der Schwerverkehr vom und ins Tessin darf bevorzugt einfahren, während der Transitverkehr im Tal gepuffert wird.

Das war nicht immer so: Bis zum 24. Oktober 2001 wurden bis zu 5500 LKW am Tag gezählt. Die Brandkatastrophe, die durch den Zusammenstoss zweier LKW verursacht wurde, forderte elf Menschenleben. Danach wurden die Sicherheitsmassnahmen noch verstärkt. Auch die Zahl der Personenwagen, die pro Stunde und Richtung den Gotthard durchqueren können, wurde auf maximal 500 beschränkt. Die Unfallzahlen sind seitdem rapide gesunken. Ereigneten sich vor der Katastrophe jährlich 44 bis 68 Unfälle sind es laut Angabe des Bundesamtes für Strassen (Astra) jetzt 7 bis 14 Fälle pro Jahr.

Die grösste Gefahr: ein Brand

Zu Vorfällen kommt es nach wie vor im Gotthard-Tunnel. 2014 musste dieser 168 Mal in mindestens eine Richtung geschlossen werden. Nicht immer sind schwerwiegende Probleme der Grund. Es kann sich auch um ein Fahrzeug handeln, das wegen eines technischen Schadens stehengeblieben ist. Da es im Tunnel keine Pannenstreifen gibt, muss dennoch unverzüglich gehandelt werden.

Auf Grund der Länge des Tunnels, der örtlichen Verhältnisse und der Entfernung zu anderen zivilen Feuerwehr-Stützpunkten wurde eine eigene Schadenwehr Gotthard (SWG) gebildet. Diese aus 52 professionellen Feuerwehrleuten bestehende Einsatztruppe hat ihre Stützpunkte beidseits des Tunnels in Airolo und Göschenen. Organisatorisch gehören die Feuerwehrmänner zur Logistikbasis der Armee (Monteceneri). Sie sind primär als Feuerwehr ausgebildet, kommen aber auch als Öl- und Chemiewehr, zur Strassenrettung bei Verkehrsunfällen und zur technischen Hilfe zum Einsatz. Zudem übernehmen sie den Abschleppdienst bis zu 3,5 Tonnen Gewicht. Das Einsatzgebiet erstreckt sich auch ausserhalb des Tunnels von Erstfeld im Kanton Uri bis Chiggiogna südlich des Tunnels. Es schliesst zudem die Gotthard-Passstrasse mit ein.

Die Männer sind rund um die Uhr einsatzbereit. Mindestens vier Wehrmänner sind in der jeweiligen Einsatzzentrale an den zwei Tunnelportalen stationiert. Zwei Minuten nach Eingang des Notrufs sind sie in ihren Fahrzeugen zum Ausrücken bereit. «Innerhalb 12 Minuten müssen wir im Tunnel den Einsatzort erreicht haben, auf offener Strecke beträgt die Zeit maximal 20 Minuten», erklärt der Kommandant der Schadenwehr, Fabrizio Lasia, während der Tunnelbesichtigung.

Die grösste Gefahr besteht, wenn es im Tunnel zu einem Brand kommt. Sehr schnell entstehen extrem hohe Temperaturen von 800 bis 1300 Grad Celsius. Diese gefährden nicht nur Menschenleben, sondern auch die Statik der Tunnelkonstruktion. Der sich bildende Rauch stellt für die Personen ein zusätzliches Risiko dar. Ein leistungsstarkes Lüftungssystem sorgt für den kontinuierlichen Luftaustausch und Rauchabzug in der Tunnelröhre. Automatische Schalt- und Steuereinrichtungen regeln die notwendige Luftmenge. Innerhalb von 15 Minuten kann die gesamte Luft im Fahrraum durch Frischluft ersetzt werden. Doch im schweren Brandfall erreicht auch dieses System sein Limit. Deshalb wird durch ein weiteres Kontrollsystem versucht, Bränden vorzubeugen. Es befindet sich schon mehrere hundert Meter vor den Tunneleinfahrten.

Thermoportal erkennt Überhitzung

Bereits im März 2013 wurde auf der Südseite des Gotthard-Strassentunnels ein Thermoportal in­stalliert. Es dient der Brandverhütung. Überhitzte Fahrzeuge können mit seiner Hilfe ausfindig gemacht und aus dem Verkehr gezogen werden. Beginnt ein Fahrzeug im Tunnel zu brennen, könnten die Rauchgase und die enorme Hitzeentwicklung schnell zu tödlichen Falle für die Menschen werden. Neben Verkehrsunfällen sind Überhitzungen der Motoren, Bremsbeläge oder Abgasanlagen die häufigste Ursache für Fahrzeugbrände bei Lastwagen.

Am Thermoportal werden mittels eines Lasergeräts die Abmessungen des Fahrzeuges aufgenommen. Dadurch können die Fahrzeugklasse, Länge, Höhe, Breite und Geschwindigkeit festgestellt werden. Anschliessend werden von zwei Infrarotkameras die Temperaturen der einzelnen Fahrzeugkomponenten festgestellt. Die Anlage misst unter anderem die Temperatur des Motors, des Auspuffs, der Reifen, des Laderaums und der Führerkabine. Eine Videokamera nimmt gleichzeitig die Seitenansicht des Fahrzeuges auf. Ist ein Lastwagen überhitzt, wird er sofort gestoppt. Im Jahr 2014 wurde 291 Mal Alarm ausgelöst. Die Ampel am Tunnelportal schaltet dabei automatisch auf Rot. Das Fahrzeug muss seitlich parken, und die Fachleute nehmen eine Abklärung vor. Bei 24 Fahrzeugen wurden so technische Probleme oder eine gravierende Überhitzungen festgestellt, die zu einem Brand hätten führen können. «2015 waren es 221 Fahrzeuge, die vorsorglich am Südportal angehalten wurden», berichtet Feuerwehrkommandant Lasia.

Die positiven Erfahrungen haben nun dazu geführt, dass das Astra im vergangenen Jahr auch in Göschenen ein Thermoportal errichten liess. Nach einer Probezeit von Dezember bis Ende Januar ging das Thermoportal in Betrieb. Die Kosten für die Errichtung dieser zusätzlichen Sicherheitsmassnahme nördlich und südlich des Gotthard-Strassentunnels belaufen sich auf drei Millionen Franken. Ausserdem fallen für den jährlichen Betrieb der beiden Thermoportale weitere 600 000 Franken an. Doch dank der zusätzlichen Massnahmen, die nach der Brandkatastrophe ergriffen wurden, hat sich die Sicherheit im Gotthard-Tunnel weiter erhöht. Seit 2001 ereigneten sich immer noch 147 Unfälle, bei denen 10 Menschen starben. Die meisten waren aber auf Frontal- und Streifkollisionen im Gegenverkehr zurückzuführen. Menschliches Versagen kann nie ausgeschlossen werden.

Wege in die Sicherheit

Deutlich markiert sind an den Wänden die Richtung und Länge des kürzesten Fluchtwegs ins Freie oder zum Schutzraum gekennzeichnet. Da es im Tunnel keinen Pannenstreifen gibt, sind in Abständen von 750 Metern in Fahrtrichtung Süd und alle 1,5 Kilometer in Fahrtrichtung Nord Pannenbuchten von 3 Metern Breite und 41 Metern Länge eingebaut. Nur in Notsituationen darf hier gehalten werden. Alle 125 Meter sind Feuerlöscher und Notruftelefone installiert. Die Notruftaste dieser SOS-Stationen ermöglicht den direkten Kontakt mit der Kommandozentrale der Feuerwehr. Werden die Feuerlöscher aus ihren Halterungen entfernt, löst dies in der Zentrale automatisch Alarm aus. Der betroffene Abschnitt wird sofort über zugeschaltete Videokameras überprüft.

Die Schutzräume liegen alle 250 Meter auf der östlichen Tunnelseite in Fahrtrichtung Nord. Sie verfügen über eine permanente Überdruckbelüftung und bieten im Notfall mindestens 60 Personen Platz. Die Räume sind mit einem Rettungsstollen verbunden, der in einem Abstand von 30 Metern parallel zum Strassentunnel verläuft. Über eine SOS-Notruf-Anlage können die Schutzsuchenden innerhalb von Sekunden mit der Polizei Kontakt aufnehmen. Die Notfallzentrale gibt dann Anweisungen für das weitere Verhalten. Der neben dem Schutzraum liegende Sicherheitsstollen ist 2,6 Meter breit und rund 3 Meter hoch. Gross genug also für die Durchfahrt kleinerer Fahrzeuge und ausreichend für eine unbehinderte Flucht zu Fuss. Die Evakuierung der durch Metalltüren gesicherten Schutzräume erfolgt über den Sicherheitsstollen oder durch die Hauptröhre, sobald keine Gefahr mehr besteht.

Radio an und Regeln beachten

Im Tunnel ist der Empfang der UKW-Programme von Radio DRS 1, Rete Uno und Radio Central garantiert. Alle 20 Minuten werden die Sendungen unterbrochen und es erfolgt eine Durchsage auf Deutsch, Italienisch, Französisch und Englisch. Die Programme werden im Notfall von der Polizei unterbrochen. Die Anweisungen aus der Kommandozentrale können damit direkt an die Fahrzeuginsassen im Tunnel weitergeben werden. Deshalb wird empfohlen, das Radio vor der Tunneleinfahrt auf die angegebenen Frequenzen zu schalten. Obwohl zwei durchgehende Lichtbänder im Tunnel für eine optimale Ausleuchtung sorgen, muss das Abblendlicht eingeschaltet werden. Für den Fall eines Stromausfalls ist jede zehnte Lampe an ein separates Notstromnetz angeschlossen. Im Brandfall schaltet sich automatisch eine spezielle Brandnotbeleuchtung ein. Die Lampen sind im Abstand von 40 Metern 80 Zentimeter über dem Boden angebracht.

Im Tunnel gelten strenge Vorschriften: Die Maximalgeschwindigkeit beträgt 80 Stundenkilometer. Es darf weder überholt, gewendet noch rückwärts gefahren werden. Bei Stau, Pannen oder anderen Gefahren ist der Warnblinker einzuschalten und am rechten Tunnelrand oder in den vorgesehenen Nischen anzuhalten. Bei Stau muss im Auto auf Anweisungen gewartet werden. Bei einer Panne oder einem Unfall ist an der nächsten SOS-Station die Einsatzzentrale zu alarmieren. Im Brandfall ist sofort der Schutzraum aufzusuchen.

Weitere Sicherheit soll der zusätzliche zweite Tunnel bringen, für dessen Bau jetzt durch den Volksentscheid der Weg frei gemacht wurde. Nach der Fertigstellung wird der Verkehr in Richtung Norden und Süden jeweils einspurig mit Pannenstreifen durch die Röhren fliessen. (Claudia Bertoldi)