Heidiland und seine Klischees

Heidiland und seine Klischees

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Wer kennt sie nicht, die Heidi-Geschichte: 1879 von Johanna Spyri verfasst, hat sie sich zum international durchschlagenden Erfolg entwickelt. Bis heute wurde Heidi in mehr als 50 Sprachen übersetzt und soll damit, nach dem Koran und der Bibel, sogar das weltweit am häufigsten übersetzte Buch sein. Auch auf Millionen von Tonträgern wurde es festgehalten und mehrfach verfilmt.
 
Nun brachte es die Weihnachtszeit mit sich, dass mein achtjähriger Sohn den Schweizer Heidiklassiker von 1952 als DVD geschenkt bekam und wir uns den Film gemeinsam anschauten. So sehr auch mich diese Geschichte als Kind bewegte, so sehr finde ich heute, ist ein kritischer Blick darauf angebracht.
 
Denn nebst ihrer undifferenzierten Kritik an der Stadt des ausgehenden 19. Jahrhunderts, verherrlichte und romantisierte Johanna Spyri in ihrer Heidigeschichte auch die Natur und das Landleben in einer Art und Weise, die bis heute ihresgleichen sucht. Dabei war Ende des 19. Jahrhunderts speziell das Leben auf der Alp alles andere als freundlich - Einsamkeit, harte Arbeit, Hunger und bittere Armut sind wohl eher Attribute, die dafür zutrafen.
 
Trotzdem, und obschon heute sicherlich niemand mehr sein kleines Kind auch nur für einen Sommer alleine zu einem „Alpöhi“ schicken würde – auch das war noch bis Mitte des 20. Jahrhunderts gang und gäbe – ist Heidi noch immer allgegenwärtig und populär wie eh und je. Mit ihm hält sich hartnäckig die allgemeine Überzeugung, dass das Leben auf dem Lande ein so viel Besseres ist. Der Hit „...und i ha Heimweh nach dä Berge…“ der Schweizer Musikgruppe Plüsch oder der erstaunliche Erfolg sogenannter Waldschulen, in denen der Schulraum vom Kindergarten bis in die zweite Primarschule in erster Linie der Wald ist, sind Ausdruck davon.
 
Überhaupt wird das Bauen, insbesondere das verdichtete städtische Bauen, noch immer häufig als Zerstörung der Landschaft angesehen. Dies – die Nachwuchsproblematik lässt grüssen – mit entsprechenden Folgen für Architektur und Ingenieurbaukunst.
 
Wie weit Johanna Spyri mit ihrer 1879 durchaus angebrachten, leider aber zur verfehlten Idealisierung des Landlebens verkommenen Kritik an der frühen Industrialisierung, zur heute noch vorhandenen Idealisierung des Landlebens und der weitläufig unreflektierten Stadtskeptik beigetragen hat, lässt sich nicht abschliessend sagen. Trotzdem ist es allerhöchste Zeit, einmal kritisch über die allgegenwärtige „Heidimentalität“ nachzudenken, sich vom Klischee des allein glücklich machenden, sogenannt naturnahen Landlebens, zu verabschieden.
 
Viel zu gut ist das Leben in der Stadt und zu ernüchternd die Agglomerationsrealität. Die Kinder auf jeden Fall, davon bin ich überzeugt, wären mehr als bereit dazu. Und wer weiss, vielleicht entschärft sich damit ja das Nachwuchsproblem ganz von alleine.
 
Thomas Müller , Leiter Kommunikation des Schweizerischen Ingenieur- und Architektenvereins SIA