Hängebrücken und Aussichtspunkte: Abgrundtiefer Spass

Hängebrücken und Aussichtspunkte: Abgrundtiefer Spass

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Triftbrücke: Spektakel nach nepalesischer Bauart (1/8) / Bild: KWO/Robert Bösch

In den Schweizer Alpen sind spektakuläre Aussichts­plattformen und Hängebrücken so zahlreich wie nie. Der kalkulierte Nervenkitzel soll zusätzliche Kunden in die Berge locken und den Sommertourismus gezielt stärken. Doch Natur- und Landschaftsschützern sind die Erlebnisbauten im Hochgebirge ein Dorn im Auge.

Genüsslich lässt der sportliche Mittvierziger auf dem «Balkon» seinen Blick vom See und der Stadt Thun über das Mittelland bis hin zu den Jurahöhen schweifen. Doch die Aussichtsplattform mitten in der Nordwand des Berner Stockhorns gewährt seinen Besuchern nicht nur eine tolle Aussicht, sondern auch schwindelerregende Tiefblicke. In den Gitterrostboden eingelassen ist ein gläserner Ausschnitt, durch den gerade ein paar Teenager unter wohligem Schauer ins 400 Meter tiefer gelegene Tal blicken.


Die 2013 eingeweihte trapezförmige Stahlkonstruktion am Stockhorn ist ein gutes Beispiel für die zahlreichen Erlebnisbauten, die in den letzten Jahren in den Schweizer Alpen entstanden sind. Mit spektakulären Aussichtsplattformen und Hängebrücken soll das strategisch wichtige Sommergeschäft gestärkt werden. «Unsere Mit­glieder überlegen sich heute, wie sie die ­Abhängigkeit vom stagnierenden Wintergeschäft verringern können, das um die 80 Prozent ihres Jahresumsatzes ausmacht», sagt Andreas Keller von ­Seilbahnen Schweiz. «Die Bahnen investieren deshalb gezielt in den Sommer – und ­erschliessen sich so neue Kundensegmente.»


Selbstverständlich pflege man weiterhin die klassischen Zielgruppen wie die Wanderer. Es gelte aber zudem, neue Gästegruppen mit anderen Interessen auf den Berg zu bringen, so Keller. «Je nach Ausrichtung investiert eine Bahn deshalb in Aktivitäten, also etwa in Kletterparks, Seilrutschen, Spielparks und Themenwege, oder aber in Erlebnisangebote wie Aussichtsplattformen und Hängebrücken.» Mit Letzteren wolle man den Gästen ermöglichen, an Orte zu gelangen, die sonst für sie unerreichbar wären, heisst es bei der Vermarktungsorganisation Schweiz Tourismus.

Einheitsbrei droht
Es fragt sich allerdings, ob die Erlebnisbauten aus der Masse ähnlicher Angebote wirklich herausstechen. Im Kampf um zusätzliche Sommergäste würden die Tourismusanbieter «auf globalisierte Ideen» zurückgreifen, kritisiert Raimund Rodewald, Geschäftsleiter der Stiftung Landschaftsschutz Schweiz. «Überall werden die gleichen Angebote und Bauwerke realisiert, was auch auf die Tourismusberater und -planer zurückgeht, ­die Hängebrücken und Plattformen standardmässig offerieren.» Auch Katharina Conradin, Geschäftsleiterin von Mountain Wilderness Schweiz, bezweifelt, ­dass sich Anbieter über neue Attraktionen ­am Berg von ihren Konkurrenten differen­zieren können. Vielmehr befürchtet sie eine eigentliche Investitionsspirale: «Hat sich der Besucher erst einmal daran gewöhnt, dass ihm überall ein ­grosser Kick geboten wird, erwartet er jedes Mal noch etwas Grösseres und Spektakuläreres.» Einen extravaganten Bau wollte 2010 auch die Stockhornbahn realisieren. Knapp unterhalb des Stockhorngipfels sollte für eine halbe Million Schweizer Franken ein frei schwebender, begeh­barer «Nasenring» aus Stahl und Glas im Fels verankert werden. Das «Piercing» hätte die beiden Aussichtsfenster in der Nordwand miteinander verbunden, die bereits seit 2001 mittels eines Stollens erschlossen sind. Doch es kam anders ... (gd)

Weiter lesen Sie im Baublatt Nr. 39 vom 25. September.