Gut geplante Betonwüsten in der Agglo?

Gut geplante Betonwüsten in der Agglo?

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Göhnersiedlungen sind für viele noch immer ein Synonym für Betonwüsten. In einem Interview mit der „Neuen Zürcher Zeitung“ relativiert der Hamburger Städtebauhstoriker Angelus Eisinger das negative Image, das der Ernst Göhner AG vor allem in den Siebzigerjahren anhaftete, und bricht eine Lanze für ihre einst als hässlich verschrieenen Bauten.
 
Die Ernst Göhner AG habe früh auf die Vorfabrikation im Wohnungsbau gesetzt und diese immer weiter entwickelt, mit einer aus heutiger Sicht fast schon unglaublichen Konsequenz, die alle Aspekte des Innen- und des Aussenbaus verbunden habe, führt Eisinger aus. Am Schluss seien auf den Baustellen bis zu vier Wohnungen pro Tag errichtet worden. Dennoch konnten sich diese Wohnungen laut Eisinger was Qualität und Grundriss betraf sehen lassen. Er erklärt dies unter anderem damit, dass das Unternehmen mit namhaften Architekten zusammengearbeitet hat, um etwa Grundrisstypologien zu entwickeln. Weshalb die Ernst Göhner AG dennoch zum Feindbild wurde, begründet er mit der Problematik, wie ein Unternehmen, das auf grosse Flächen angewiesen ist, zu seinen Grundstücken kommt. Laut Eisinger kaufte die Firma in den Sechzigerjahren systematisch Land im Umkreis von Zürich, auch Landwirtschaftsland, das später zu Bauland wurde. Das sei klassische Baulandspekulation. Damit sich die Projekte rechneten, musste in grossen Losgrössen produziert werden. Dies führte gleichzeitig dazu, sich auch regional- und raumplanerischer Aspekte des Wohnungsbaus annehmen zu müssen, so Eisinger. „Um das zu bewerkstelligen sind Wege gesucht worden, die nicht ganz lupenrein waren.“

Wichtige öffentliche Infrastuktur

Einer der Hauptauslöser für das schlechte Image der Ernst Göhner AG mag der Umstand gewesen sein, dass viele Gemeinden schlecht bis gar nicht auf die Überbauungen vorbereitet waren. Eisinger führt als Beispiel das zürcherische Volketswil an wo das Unternehmen ebenfalls baute. Die Gemeinde zählte 1960 rund 2200 Einwohner, 1970 waren es 7500. Ähnliche Entwicklungen liessen sich aber auch in anderen Gemeinden beobachten, wo die Ernst Göhner AG nicht baute. Zudem erkannte laut Eisinger das Unternehmen, dass der Erfolg seiner Siedlungen stark von der öffentlichen Infrastruktur abhing. In der Folge begann die Firma auch vorfabrizierte Schulhäuser herzustellen. Dass die Vorfabrikation dennoch nicht zu einem grossen Trend avancierte liegt für Eisinger daran, dass aus betriebswirtschaftlichen Gründen eine gewisse Siedlungsgrösse erforderlich ist; was wiederum Raumplanung notwendig machte. Die Wohnungsbaudiskussion wurde zu einem wichtigen Wegbereiter der Raumplanung. „Die Vorfabrikation blieb dabei aber immer eine Debatte von politischen und wissenschaftlichen Eliten. In der Bauwirtschaft fasste sie nie richtig Fuss“, resümiert Eisinger.

Zwei Welten

Die Göhner-Strategie sei lange Zeit ein Versuch gewesen, zwei Realitäten zusammen zu bringen, so Eisinger. „Als Bauunternehmer konnte Göhner nur erfolgreich sein, wenn er sich gleichzeitig auch um öffentliche Belange kümmerte, nämlich um die Frage der räumlichen Entwicklung.“ Er habe deshalb auch die Politik zu einer wichtigen Verbündeten gemacht. Göhner habe aber auch merken müssen, dass er längst nicht alle relevanten Aspekte kontrollieren konnte. Das gilt beispielsweise für die Frage, sie sich die soziale Struktur eine Gemeinde mit den vielen neuen Einwohnern verändert. „Man muss Ernst Göhner zugestehen, dass er sich als Unternehmer den gesellschaftlichen Implikationen beim Bauen gestellt hat – in einer Art, wie es heute viel seltener vorkommt“, sagt Eisinger. Jedoch musste Göhner auch fest stellen, dass man solche Probleme auf einer privatwirtschaftlichen Ebene noch viel weniger lösen kann, als auf einer politischen. (mai)