Guillotine für die Autobahn

Guillotine für die Autobahn

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Teaserbild-Quelle: Florencia Figueroa
Die Holperpiste im Kanton Aargau ist bald passé: Bis 2013 wird die rund 40-jährige Strasse saniert. Zu den Hauptarbeiten des 9,5 Kilometer langen Abschnitts gehört die Entfernung des alten Betonbelags. Hierfür wird eine Spezialmaschine eingesetzt, die dem hartnäckigen Belag das Genick bricht.
 
Die Spur der Zerstörung ist endlos lang. Von weitem hört man dröhnende Schläge, die den Asphalt erzittern lassen. Man könnte meinen, ein Riese stampft gerade über den 4,5 Kilometer langen Autobahnabschnitt zwischen Bünztal und der Verzweigung Birrfeld Richtung Zürich. Und bei jedem seiner Schritte hinterlässt er tiefe Risse im Boden.
 
In Wirklichkeit ist der Gigant aber gar nicht so gewaltig. Zwar ist er das grösste Fallbeil, das man auf vier Rädern finden kann, doch die BZT 7000 ist gerade mal 2 Meter breit und etwa 3,5 Meter lang. Harmlos gibt sich die eher kleine Maschine aber deshalb noch lange nicht. Mit ihrem sieben Tonnen schweren Fallbeil, das sie aus einer Höhe von 3,5 Metern mit voller Wucht auf die Strasse wirft, bekommt sie jeden noch so harten Beton klein. Gesteuert wird das kleine Ungetüm über eine Fernbedienung, wie Bernd Laaser erklärt. Nur wenn die Strecke besonders lang ist, setzt sich der Maschinist in die enge Fahrerkabine und lenkt die BZT 7000 selbst.
 
Hier im Aargau, wo die Autobahnstrecke Lenzburg–Birrfeld erneuert wird (siehe «Hintergrund»), sind die zu sanierenden Teilabschnitte aber eher kurz. Denn um die 9,5 Kilometer lange Strasse zu erneuern, wurde sie in mehrere kleine Abschnitte eingeteilt. Hinzu kommt, dass sie immer wieder von Brücken und Unterführungen durchbrochen wird. Auch deren Betonbeläge gilt es zu entfernen. Jedoch nicht mit dem Fallbeil. Der Grund liegt auf der Hand. «Mit ihrer enormen Aufprallkraft würde die Maschine nicht nur den Belag, sondern den ganzen Kunstbau zertrümmern», sagt Laaser.
 

Brücken und Häuser gefährdet

Plötzlich ist es ganz still um die BZT 7000. Maschinist Bernd Laaser hat sie abgestellt. Etwa 30 Meter weiter vorne führt die Autobahn über eine Brücke weiter. Laaser erklärt: «Um den Betonbelag dieser Strasse zu zertrümmern, reicht es, wenn wir die Guillotine aus einer Höhe von 1,5 Metern fallen lassen.» Das ergibt eine Aufprallkraft von 8,5 Tonnen, die auf die Strasse donnern. Verstärkt wird sie, indem man das Beil in kurzen Abständen auf die Strasse fallen lässt. Auf der Autobahn Lenzburg–Birrfeld prallt es alle 25 Zentimeter auf den Beton. Dadurch wird eine enorme Vibration erzeugt, die ein leichtes Beben des Bodens auslöst. Würde die Bewegung bis zur Brücke gelangen, finge auch diese zu vibrieren und damit zu bröckeln an. Das Fallbeil darf sich aus diesem Grund einer Brücke immer nur bis auf ein paar Meter nähern.
 
Auch Gebäude, die unmittelbar neben der Autobahn stehen, drohen ob der enormen Kraft der Vibration ins Wanken zu geraten. Die Bewegung muss deshalb ständig von Experten beobachtet und gemessen werden. Kurz bevor die Wellen die Häuser erreichen, wird die Arbeit eingestellt. «Je weiter die Vibration sich verbreitet, desto mehr nimmt ihre Kraft ab. Die umliegenden Häuser werden nur sanft von der Vibration touchiert. Sie kann ihnen deshalb nichts anhaben», sagt Projektleiter Andrew Imlach vom Bundesamt für Strassen (Astra).
 

Fräsmaschine ungeeignet

Der Grund, weshalb die BZT 7000 für die Entfernung des Betonbelags ausgewählt wurde, liegt in der Beschaffenheit des Bodens: Er besteht aus einem Fundament und einem Betonbelag. In seinem Innern befinden sich keine Armierungen. Das ist ein Vorteil, weil auf diese Weise die Aufprallkraft des Fallbeils nicht in den Boden weitergeleitet wird. Sie entfaltet sich im Beton. Dadurch sprengt es ihn in seine Einzelteile. Hinterher aufräumen muss der Bagger.
 
Unter lautem Maschinengetöse, das zwischendurch vom Donnern der Gesteinsbrocken unterbrochen wird, macht sich der Bagger an die Arbeit. Mit seiner Schaufel reisst er grosse Betonbrocken vom Fundament und schlägt sie in kleine Stücke. Zum Vorschein kommen Schubdübel, mit denen der Betonbelag zusammengehalten wurde. «Wegen dieser Elemente konnten wir keine Fräsmaschine einsetzen», sagt Projektleiter Andrew Imlach. Eine Fräsmaschine hätte sich gelohnt, weil sie die beiden Arbeitsschritte Abbruch und Zerkleinerung gleichzeitig hätte erledigen können. Die Dübel hätten die Fräsmaschine aber unter Umständen zerstört. Aus diesem Grund entschied man sich stattdessen für ein Fallbeil.
 
Insgesamt werden von der Autobahn 40 000 Kubikmeter Beton entfernt. Dieser wird aber nicht einfach weggeworfen, sondern rezykliert und wo immer möglich in die Autobahn wieder eingebaut. Als Belag kommt aber kein Beton mehr in Frage, sondern ein Schwarzbelag. Im Gegensatz zum Beton ist er nicht so hart und deshalb weniger widerstandsfähig. «Dafür aber reduziert er die Lärmemissionen, sodass weniger Schutzmassnahmen getätigt werden müssen», erklärt Projektleiter Imlach.
 

Nächster Einsatz im Juni

Im Moment jedoch ist es eher ruhig auf der Baustelle. Die BZT 7000 ist nämlich mit dem 4,5 Kilometer langen Autobahnabschnitt zwischen Bünztal und der Verzweigung Birrfeld (Richtung Zürich) bereits fertig und wurde auf eine andere Baustelle gebracht. Erst im Juni kehrt sie in den Aargau zurück. Dann gilt es, den Beton des Autobahnabschnitts zwischen der Verzweigung Birrfeld und Bünztal zu zertrümmern. Florencia Figueroa