Grosses Tetris an den Gleisen

Grosses Tetris an den Gleisen

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Teaserbild-Quelle: zvg
Im Quartier Gundeldingen in Basel entsteht ein neues Dienstleistungszentrum: Die SBB investieren 80 Millionen Franken, die Architekten Herzog & de Meuron planten das signifikante Gebäude. Über ein Bau-Puzzle mit mehreren Dimensionen.
 
 
 

Links zu Beteiligten

 
 
INGE SüdPark Basel
 
Totalunternehmung
 
MSR-Gebäudeautomation
 
Spengler-/Flachdacharbeiten
 
Baustellensicherheit
 
Plattenarbeiten
 
 
 
 
Der Zug rollt in Basel ein. Moderne architektonische Monumente stehen ihm Spalier. Linkerhand ragt der St. Jakob Turm in die Höhe, dann leuchtet das Fussballstadion «Joggeli» und ein paar hundert Meter weiter zieht das Zentralstellwerk der SBB mit seiner prominenten Kupferfassade die Aufmerksamkeit auf sich; eine Parade von Herzog & de Meuron-Bauten. Auf der rechten Seite haben sich die Architekten von Zwimpfer & Partner mit dem Jacob Burckhardt Haus und dem Peter Merian Haus verewigt. Basel scheint sich zum Museum der zeitgenössischen Architektur zu entwickeln. Nun gesellt sich mit dem Südpark ein weiteres Herzog & de Meuron-Gebäude dazu.
 
Der Zug kommt zum Stillstand und die spezielle Fassade des beinahe fertiggestellten Südparks springt einen förmlich an: Die unterschiedlich gestalteten Fenster sind über die ganze Fläche verteilt und erinnern den Betrachter an das alte Computerspiel Tetris, bei dem sich kubische Formen von oben nach unten bewegen, um sich zusammengepuzzelt aufzulösen. Für die Form der Fenster und die Gestaltung der Fassade haben sich die Architekten von den historischen Fensterformen des «Gundelis», wie die Basler das Quartier nennen, inspirieren lassen. Zwölf verschiedene Elementtypen, die aus mehreren Fenstern bestehen, ordneten die Architekten wie zufällig auf der Fassade an. Kleine, punktuelle Öffnungen entlang der Güterstrasse verwandeln sich in grosse, rechtwinklige, mäandernde Formen entlang der Meret Oppenheim-Strasse.

Spiegel des Quartiers

Der Südpark bildet mit der Bahnhofpasserelle den Brückenkopf, der die neue Anbindung des Quartiers Gundeldingen an den Bahnhof und die Basler Innenstadt markiert. «Da das Baufeld direkt an den Geleisen liegt, kann hier auch volumetrisch differenzierter gebaut werden», erklärt Peter Kowaleff, Projektleiter Bau Südpark der Inova Intercity AG, die die Bauherrschaft SBB vertritt. Während die zum «Gundeli» orientierten Seiten des Gebäudes die Höhenentwicklung des Quartiers aufnehmen, ermöglicht die offene, unbebaute Fläche des Gleisfelds eine höhere Bebauung. Diese überragt den Blockrand um fünf Geschosse.
 
Die für das Quartier geltenden städtebaulichen Prinzipien werden auf das Gebäude übertragen und geben ihm seine spezifische Form: Einerseits ist da die Nutzungsdurchmischung des Quartiers mit seinen verschiedenen gastronomischen Angeboten, Dienstleistungsanbietern und Wohnhäusern. Diese spiegelt sich in der Raumverteilung des Südparks wieder. Neben Coop-Einkaufszentrum und Restaurant wird auch die Basler Kantonalbank (BKB) und die Atlas-Stiftung mit ihren Alterswohnungen die Räumlichkeiten einnehmen. Anderseits wächst auf dem Dach des Erdgeschosses eine kleine Parkanlage, wie sich ähnliche an vielen Ecken des Quartiers finden. In überdimensional grossen Pflanzentrögen, die die Form von Nierenschalen haben, werden unterschiedliche Ahornarten wachsen. Der Innenhof ist dem Strassen- und Schienenlärm entrückt. Einer Oase gleich, kann er begangen werden. Die Ränder der Pflanzeninseln aus gefärbtem Sichtbeton bieten ruhige, informelle Sitzgelegenheiten. Der Boden wird als fugenloser Hartbelag ausgebildet. Helle, einheimische Kiese, die den Bezug zum Ort schaffen, bilden einen Kontrast zur Vegetation. Auch die Fassade des Innenhofs ist ein Gegensatz zum äusseren Erscheinungsbild. Sie ist fast vollständig verglast und horizontal gegliedert.

Bedürfnisse unter ein Dach bringen

«Um den Bedürfnissen der drei Mieter Coop, BKB und Atlas-Stiftung gerecht zu werden, waren in der Projektphase drei markante Projektänderungen notwendig», erzählt Kowaleff. Für das ausgeklügelte Informatiksystem und die Haustechnik der Bank mussten die Geschosse erhöht werden, um die Verteilung der Elektronik bewerkstelligen zu können. Coop wollte das ganze Erdgeschoss als Verkaufsfläche. Deshalb wird der Innenhof, statt ebenerdig, wie ursprünglich angedacht, im ersten Obergeschoss gestaltet. Und bei der Anlieferung im ersten Untergeschoss mussten die Planer die Wenderadien der grossen LKWs berücksichtigen. Die Atlas-Stiftung ihrerseits wünschte sich aufgrund ihrer betagten Klientel Anpassungen für altersgerechtes Wohnen: Man konzipierte die Wohnungen kleiner, verband sie geschossweise und reduzierte die Anzahl der Treppenhauskerne im Wohnbereich von sechs auf vier. «Das ganze Projekt forderte von den Planern, der Bauherrenschaft und den Mietern viel Engagement und Flexibilität», fasst Kowaleff das Projekt zusammen, das vom Wettbewerb 2003 über die Grundsteinlegung 2009 bis zur Aufrichte 2010, acht Jahre dauerte. «Ich könnte ein Buch darüber schreiben», schmunzelt er, im Wissen, dass das Mega-Projekt nun in allen Punkten zur Zufriedenheit aller Beteiligten gelungen ist. Die Mieter haben mit dem Innenausbau bereits begonnen und schon Mitte Juni feiert Coop seine Eröffnung. Mit einer Verkaufsfläche von 2500 Quadratmetern wird er der grösste Supermarkt der Detailhändlerin in der Stadt. Auf Ende 2011 werden die BKB und Mitte 2012 die Atlas-Stiftung ihre Räume beziehen. Auf den rund 5600 Quadratmetern Büroflächen richtet die BKB ihr neues Handelszentrum, die Informatik und die Abteilungen des Firmenkundengeschäfts ein. «Die enormen technischen Installationen der Bank werden durch die Spezialisten der BKB und in Koordination mit dem Grundausbau geplant und umgesetzt», sagt Kowaleff.

Wunsch nach Raum

Die Seniorenresidenz Südpark der Atlas-Stiftung umfasst auf neun Stockwerken 103 altersgerechte 1-, 2- und 3-Zimmer-Wohnungen, eine Pflegeabteilung mit 28 Einzelzimmern, ein Restaurant und eine Cafeteria im ersten Obergeschoss mit Anschluss an den grünen Innenhof. Die Bewohner des Hochhauses werden einen Weitblick über die Stadt in Richtung Schwarzwald oder nach Süden zum Bruderholz geniessen können. Das Restaurant mit seiner doppelten Geschosshöhe ist sehr geräumig und hier kommt die spezielle Aussenfassade besonders zum Tragen. «Auch dieser hohe Restaurantbereich war ein Wunsch der Atlas-Stiftung, um einen eigentlichen Gemeinschaftsraum zu erhalten. Eine Herausforderung an die Baustatik», sagt Kowaleff. Vier dezente Säulen stützen nun die Decken. Zwei offene Geschosse erweitern den Raum galerieartig. Der Meret Oppenheim-Strasse entlang werden schmalkronige Linden in lockeren Gruppen gepflanzt. Eine weitgreifende Treppenanlage bringt den Besucher auf das Eingangsniveau des Gebäudes.
 
Betrachtet man Satellitenaufnahmen von Basel, so könnte gegenwärtig auch der Eindruck entstehen, der Städteplaner stünde vor ähnlichen Herausforderungen wie ein Tetris-Spieler: Verdichtung und Verflechtung von Neu und Alt sind die Aufgaben. Der Südpark steht. Er hat sich ins Quartier eingefügt. Noch ist er etwas fremd. Werden aber die Räume erst einmal bezogen und der Bau in der Selbstverständlichkeit des Alttags angekommen sein, wird er sich mit seiner Funktionalität vielleicht nicht auflösen, aber sich nahtlos neben den anderen Grossen im Museum der modernen Architektur an den Basler Gleisen einreihen. Von Michael Hunziker
 
 

Nachgefragt bei Martin Fröhlich

Wie kamen Sie auf die Idee dieser speziellen Fassade?
Die Fassade des Südparks nimmt die architektonische Vielfalt der innerstädtischen Umgebung auf. Sie reflektiert und interpretiert die traditionellen Putzfassaden. Unterschiedliche Fensterformate geben dem grossen städtischen Block seine Massstäblichkeit und binden das Gebäude so auch architektonisch in das Gundeldinger Quartier ein. Die Fensterformate sind auf den menschlichen Massstab abgestimmt. Sie ermöglichen den Menschen, die im Südpark leben und arbeiten, interessante Ausblicke in die Nachbarschaft. Gleichzeitig verleihen sie dem Gebäude seine spezifische Erscheinung und Identität.
 
Inwiefern mussten Sie wegen Mieterwünschen Kompromisse bei der Gestaltung des Südparks eingehen?
Herzog & de Meuron hat von allen drei grossen Mietern von Beginn an eine Begeisterung für das Projekt gespürt. Wir mussten daher keine Abstriche bei der Gestaltung machen. Im Gegenteil haben die Mieter Atlas Stiftung, BKB und Coop einen grossen Teil zum Gelingen des Projekts beigetragen.
 
Was war die schwierigste Aufgabe beim Projekt?
Neben einem langen Durchhaltevermögen, das bei einem solchen Projekt von einem Architekten gefordert wird, bestand die schwierigste Aufgabe in der Planung der Elementfassade. Die Realisierung im Budget und im Terminplan ist ein Erfolg aller an der Planung und Realisierung Beteiligter.
 
Welchen Stellenwert nahm das «In-Bestehendes-Einordnen-und-Verbinden» bei der Planung ein?
Der Südpark bildet zusammen mit der Bahnhofspasserelle den Brückenkopf, der die neue, attraktive Anbindung des Gundeldinger Quartiers an den Bahnhof und die Innenstadt markiert. Er unterstützt die städtebauliche und verkehrstechnische Bedeutung der Passerelle und ihres Kopfbaus und profitiert wiederum von seiner unmittelbaren Nähe zum bedeutendsten Verkehrsknoten der Nordwestschweiz. Im Gundeldinger Quartier hat sich eine vielfältige und flexible Stadtstruktur mit vorbildlicher Nutzungsdurchmischung entwickelt, basierend auf dem Raster des Quartierplans der Gründerzeit. Die für dieses Quartier geltenden städtebaulichen Prinzipien werden auf den Südpark übertragen und geben ihm seine spezifische Form. Die spezielle städtebauliche Situation ermöglicht eine architektonisch differenzierte Gebäudevolumetrie. Während die zum Quartier orientierten Seiten dessen Struktur aufnehmen, ermöglicht die offene, unbebaute Fläche des Gleisfelds eine höhere Bebauung. Dies wird mit einem auf die Blockrandbebauung aufgesetzten Volumen erreicht, welches sich in Form und Materialisierung dem Blockrand anpasst. Die Güterstrasse bildet das Zentrum des Gundeldinger Quartiers. Die Aufwertung zu einem städtischen Boulevard lässt sie weiter an Bedeutung gewinnen. Die Erschliessung des Gebäudekomplexes für Fussgänger erfolgt hauptsächlich via Güterstrasse, welche sehr gut in das öffentliche Verkehrsnetz eingebunden ist. Insgesamt setzt der Südpark die quartierspezifische Bebauung entlang der Güterstrasse in einer selbstverständlichen Art fort und schliesst den Stadtraum zum Gleisfeld. (mh)
 
 
 
 

Weitere Beteiligte

Bauherrschaft
SBB Schweizerische Bundesbahnen Immobilien, Zürich
 
Architektur
Herzog & de Meuron, Basel
 
Fachkoordination / Haustechnik HLKK
Stokar + Partner AG, Basel
 
Bauphysik
Zimmermann + Leuthe GmbH, Aetigkofen
 
Umgebungsplanung
Vogt Landschaftsarchitekten, Zürich
 
Fassaden
Erne AG Holzbau, Laufenburg