Graffiti aus dem Mittelalter

Graffiti aus dem Mittelalter

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Teaserbild-Quelle: Matthew Campion, wikimedia
Die Grafschaft Norfolk in Ost-England hat über 650 mittelalterliche Kirchen. Bei 65 von ihnen wurden die zahlreichen jahrhundertealten Graffiti an den Kirchenmauern katalogisiert und zum Teil analysiert. Mit interessanten Schlussfolgerungen und Einblicken zu sozialen und religiösen Befindlichkeiten vor Hunderten von Jahren.

 

Matthew Campion, wikimedia
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Matthew Campion, wikimedia
Ein in die Mauern geritztes Schiff in der Nicholas Church in Blakeney, Norfolk

 

In vielen alten Kirchen, finden sich Hinweise auf deren Stifter oder Erbauer in Form von Glasfenstern, Inschriften, Grabplatten und Sarkophagen. Sie erzählen von der „High-Society“ jener längst vergangenen Jahrhunderte. Bekannt sind auch Baumeister- und Steinmetz-Zeichen, wie sie etwa an Kirchen am Weg nach Santjago di Compostella zu finden sind. Weniger bekannt und erst in jüngerer Zeit ins Interesse gerückt sind Graffitis in und an Kirchen, die als "Lebenszeichen" des normalen Volkes gedeutet werden.

Lebenszeichen und Flüche

Hinter dem einzigartigen Graffiti-Projekt in England steht die „Norfolk Medieval Graffiti Survey“, eine Vereinigung von Fachleuten und Laien. Grundlage für das Projekt ist die Erkenntnis, dass es sich bei vielen alten Graffitis keineswegs immer um schnell und heimlich angebrachte Zeichen und Inschriften handelt. Vielmehr sieht man heute darin sorgfältig und mit einem gewissen Zeitaufwand angebrachte Zeit-Zeugnisse. Sie geben Aufschluss über die Befindlichkeiten damaliger Menschen, sie erzählen von Glück und Unglück, machen sich mit Karikaturen über Priester lustig, zeigen Dämonen. Auch Flüche und Gebete wurden in die Mauern geritzt.  Abgehobenes und Profanes findet sich sozusagen in guter Nachbarschaft. Auch regionale Besonderheiten sind erkennbar. So gibt es beispielsweise in der an der Ostküste Englands gelegene St. Nicholas Church in Blakeney besonders viele Graffitis mit Schiffen.

Während solchen Gravuren früher wenig Beachtung geschenkt wurde, beginnt man sie heute zu deuten, als Information  über die soziale und religiöse Befindlichkeit vor Hunderten von Jahren. Die Sorgfalt und Deutlichkeit die manche Graffitis auszeichnen, lässt den Schluss zu, dass sie  wol erlaubt gewesen sein müssen. - Wie werden wohl Graffiti von heute, sofern sie Jahrhunderte überdauern, gedeutet? (mai)

Link zum Projekt: www.medieval-graffiti.co.uk