Goldmedaille für einen Stall

Goldmedaille für einen Stall

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Teaserbild-Quelle: Foto: Ruinelli Associati Architetti
Im Bergeller Dorf Soglio baute der einheimische Architekt Armando Ruinelli einen Stall in ein Wohnhaus um. Das Projekt, bei dem das archaische Material Stampfbeton zum Einsatz kam, erhielt 2011 gleich zwei Auszeichnungen.
 
Eine grosse Gästeschar und ein leergefallener Stall vor der Haustüre waren Anlass für die Restrukturierung dieses typischen Gebäudes in den Abmessungen von zirka zehn mal zehn mal zehn Metern. Seit dem ausgehenden 19. Jahrhundert hat man die ursprünglich reinen Rundholz-Blockbauten der Ställe mit Eckpfeilern aus Naturstein versehen; dem Raum für das Vieh im Erdgeschoss entsprach ein gut belüfteter Bergeraum im Obergeschoss mit mächtigem Dachstuhl für die Steindeckung und die winterliche Schneelast.

Ausbauen oder Abreissen

Der Architekt Armando Ruinelli hat den alten Stall für einen Freund in ein Wohnhaus umgebaut. «Bei diesen alten Ställen stellt sich immer die Frage, ob sie ausgebaut oder abgerissen werden sollen», so der Bündner. «Im vorliegenden Fall waren das Dach und auch die übrige Bausubstanz noch in so gutem Zustand, dass ein Umbau Sinn machte.»
Bei diesem kam es eine grundsätzliche Frage zu klären: «Entweder ergänzt man den Stall durch den Einschub einer bereits vorgefertigten Box, oder man verschmilzt die alte mit der neuen Bausubstanz. Hier entschieden wir uns für Letzteres.» Diese Verschmelzung erreichte Ruinelli, indem er die vorgefundene Struktur, insbesondere die Hülle mit den Eckpfeilern und dem Dachstuhl, beibehielt. Der entkernte Innenraum bekam eine neue Wandschale und zwei Geschossdecken. Im Erdgeschoss befinden sich drei Schlafräume, orientiert zu einem halb in den Hang gesenkten Hof, im Obergeschoss der Ess- und Wohnraum mit Küche, im Dachgeschoss ein weiterer Schlafraum und eine grosse Loggia als offener Raum unter den Rundhölzern des Daches. Insgesamt entstanden auf zwei Stockwerken so rund 135 Quadratmeter Wohnfläche.

Skeptischer Maurermeister

Die neuen Innenwände und die Treppenwangen samt darin integriertem offenem Kamin sind in Stampfbeton ausgeführt – ein Experiment, gegen die anfangs starke Skepsis des örtlichen Maurermeisters, doch mit dessen grosser Zustimmung nach Fertigstellung. Die Böden im Eingang und die Sitzflächen aus Beton haben grobkörnige Oberflächen aus Kieselsteinen. Die Untersichten und Gehbeläge der eng gelegten Holzbalkendecken sind sägeraue Dielen aus Schweizer Eiche. Die Fassadenflächen zwischen den Eckpfeilern wurden bis unter die Decke verglast, in eigens dafür entwickelten Stahlrahmen; den Fenstern sind senkrechte Holzlamellen vorgestellt, mit denen sich der Lichteinfall händisch regulieren lässt.

Wechselspiel aus Askese und Luxus

Die Möblierungselemente der Küche, Ablagen und Sitzstufen sind grösstenteils ebenfalls in Stampfbeton ausgeführt, nehmen die Installationen auf und bilden Nischen mit den flächenbündigen Holztüren. Man findet eine Holzbadewanne, Waschbecken und die Arbeitsflächen der Küche aus geölter Eiche, alles massiv. Die handwerkliche Verarbeitung ist höchst anspruchsvoll. Jede Oberfläche des übersichtlichen Materialspektrums spricht für sich – und entfaltet ihr Potenzial im Dialog mit dem Angrenzenden: So spielt die sägeraue Eiche neben dem Stampfbeton ins Rote, dieser ins Blaue, die ¬geschälten Rundhölzer ins Schwarze – das Ganze vor dem satten Grün der Wiesen und dem Blau der Berge: Ein Wechselspiel aus Askese und Luxus, ins Werk gesetzt durch die subtile Entfaltung der Eigenschaften des Stoffs.

Hommage an das Handwerk

Die Wahl der beiden archaischen Materialien Stampfbeton und Eichenmassivholz erklärt sich laut Ruinelli aus der ursprünglichen Absicht des Projektes: «Da wir hier Bestehendes und Neues in Einklang bringen wollten, stand die Wahl von Baumaterialien im Vordergrund, die einen Alt-Neu-Diskurs eingehen.» Dazu gab es auch eine ganz praktische Überlegung: Da der Baugrund im Dorf Soglio weniger als 200 Quadratmeter gross war, entschied sich der Architekt, den Bau ohne Kran auszuführen. «Wir mussten also auf Materialien zurückgreifen, die ohne Kran verbaut werden können.»
Und schliesslich passten die altmodischen Baustoffe auch zu den übrigen Gebäuden des Bergdorfes Soglio und zu seinen Traditionen. Armando Ruinelli: «Nicht zuletzt ist die Materialwahl auch als Hommage an das Handwerk gedacht.»

Sinnliche Kombination

Armando Ruinellis umgebauter Stall in Soglio erhielt 2011 gleich zwei Auszeichnungen. Zum einen den Best Architects Award in Gold, mit dem jedes Jahr die besten Architekten aus dem deutschsprachigen Raum prämiert werden, die Projekte auf höchsten Qualitätsniveau realisiert haben. Ruinellis Team hatte diesen Preis bereits 2008 für ein umgebautes Fotostudio erhalten, das sich in unmittelbarer Nähe zum heuer ausgezeichneten Stall befindet.
Dazu wurde das Gebäude beim Wettbewerb des Callwey-Verlages zu einem der vier Häuser des Jahres gekürt. Die Jury, die 180 Kandidaten aus Deutschland, Österreich, der Schweiz und dem Südtirol zu bewerten hatte, prämierte das Projekt des Bergeller Architekten als «sinnliche Kombination, wie sie jedem Architekten vorschwebt, wenn er davon träumt, ein alpines Steinhaus umzubauen.» An anderer Stelle heisst es: «Der Ansatz, beim Umbau nicht auf einen deutlichen Kontrast von Neu und Alt zu setzen, sondern alles zu vermengen, wird als sehr glücklich angesehen.»
Neben Ruinellis Werk wurden zwei Projekte aus Deutschland und ein weiteres aus der Schweiz mit dem Callwey-Preis ausgezeichnet: Das Aarauer Architektenbüro Schneider und Schneider schuf im Freiamt ein alleinstehendes Anwesen mit einer marmorierten Fassade aus dunklem Sichtbeton, das durch «die vorbildliche Ausführung, die hohen Qualitätsstandards und die ausschliessliche Verwendungen von ökologisch und baubiologisch geprüftem Material» überzeugte. Sämtliche prämierten Häuser und rund 50 weitere Objekte stellt der Verlag im Buch «Häuser des Jahres» vor.
von Florian Aicher