«Goldene Barbaras mag ich überhaupt nicht»

«Goldene Barbaras mag ich überhaupt nicht»

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Teaserbild-Quelle: Thomas Staenz
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Die Schutzpatronin der Bergleute steht jeweils an einem besonderen Plätzchen. In erhöhter Lage, nahe beim Stolleneingang wacht sie über das emsige Treiben. Auch beim Einsegnen von Baustelle und Arbeitern beim offiziellen Anfräsen des Schrägschachtes für das Kraftwerk Kaiserstuhl wurde die heilige Barbara entsprechend aufgestellt.

 
 
Will man einem Touristen die ganze Schweiz auf einen Blick zeigen, bietet sich die Gegend rund um den Sarner- und Lungernsee geradezu an. Sanfte Hügel entlang dem Ufer wechseln sich mit sattgrünen Matten und fruchtbarem Ackerland ab, dahinter gehts jeweils steil in die Höhe zu den Spitzen der Voralpen.
Seit langer Zeit wird in der regenreichen Gegend die Wasserkraft genutzt. Mit der Erneuerung des Kraftwerkes Kaiserstuhl bei Giswil geht eine 80-jährige Anlage in Rente. Grund für die Erneuerung ist vor allem die erhöhte Störanfälligkeit, die zeigt, dass die Anlage ans Ende ihrer Lebensdauer gekommen ist. Auch die Zuleitungssstollen aus dem Grossen und Kleinen Melchtal sowie den entsprechenden Druckleitungen müssen erneuert werden.

Restwasser wird verwertet

Die rund zweieinhalb Jahre dauernden Arbeiten mit einem Budget von 63 Millionen Franken wurden vor kurzem mit dem offiziellen Anfräsen des 765 Meter langen Schrägschachtes in Angriff genommen. Zum Einsatz kommt eine Veteranin, die über 40-jährige Tunnelbohrmaschine «Bannalp». Sie fräst einen rund drei Meter messenden Schacht schräg aufwärts mit einer Geschwindigkeit von bis zu einem halben Meter pro Stunde. Die durchschnittliche Steigung beträgt dabei rund 33 Prozent, was einem 15-Grad-
Winkel entspricht. Für diese und alle anderen Baumeisterarbeiten im Umfang von 25 Millionen Franken haben sich die Firmen Strabag und Gasser Felstechnik zu einer Arbeitsgemeinschaft
zusammengeschlossen.
Das Erneuerungskonzept sieht vor, die neue Turbine des Kraftwerkes Kaiserstuhl in der Zentrale Unteraa in Giswil anzuordnen. Bei der vorgängigen Erneuerung wurde der dazu nötige Platz für eine weitere Maschinengruppe in der Kavernenzentrale bereits vorbereitet. Im höher gelegenen Gebiet Marchgraben wird das Wasser der Grossen und Kleinen Melchaa in einer sogenannten Schwallkammer gefasst und über den neuen Schrägschacht in die Zentrale geleitet. Die Wasserrückgabe in den Lungernsee erfolgt über die bestehenden Druckleitung. Damit die neue Turbine auch in wasserarmen Zeiten einen guten Wirkungsgrad erreicht, wird ein zusätzlicher Reservoirstollen angelegt. Kleine Abflüsse im Tagesverlauf werden hier gesammelt und können in zwei- bis dreistündigen Blöcken zur Energieerzeugung eingesetzt werden. Das Bauwerk wird rund zwei Kilometer lang und hat einen Innendurchmesser von fast sechs Metern. Im Untergeschoss des heutigen Kraftwerkgebäudes Kaiserstuhl, das direkt am Lungernsee liegt, entsteht ein Betonlabyrinth. Es regelt bei unvorhergesehenen Mengen den Zufluss so, dass das Wasser ruhig und für die Fische ungefährlich in den Lungernsee fliesst.

Die «persönliche» Barbara

Bei der feierlichen Eröffnung der Baustelle Ende August stand neben all den Bergleuten, den Honoratioren aus Politik und Gesellschaft eine Frau im Mittelpunkt. Sie misst zirka 40 Zentimeter, ist bunt bemalt und wartet auf einem feierlich dekorierten Tisch neben Weihwasserbecken und Blumenstrauss auf ihren Einsatz. Die heilige Barbara wird von ihrem Eigentümer, dem Polier Manfred Dermond, jeweils von Baustelle zu Baustelle mitgenommen – und jedes Mal neu gesegnet. «Ich habe diese Barbara einmal von meinen Chef erhalten. Goldene Ausführungen der Statue mag ich überhaupt nicht, deshalb nehme ich diese hier immer mit», erläutert der Tunnelbauer.
Nachdem Pater Beda die Segnung inklusive Andacht, Gebet und Weihwasser-Besprengung vorgenommen hat, übergibt er die Statue ihrem Besitzer. Dieser trägt sie behutsam in ihren neuen Wirkungskreis, der sich nur ein paar Meter vor dem Stolleneingang befindet. Dort haben die Bauleute ein Plätzchen für die Heilige eingerichtet, von dem aus sie bis zum Abschluss der Bauarbeiten über alles und alle wacht. Nur am 4. Dezember wird sie für einige Stunden in den Stollen hineingetragen. Dann findet nämlich der Barbaratag statt, «Weihnachten für Bergleute» erklärt Manfred Dermond. An diesem Tag laufe auf der Baustelle gar nichts, denn inner- und ausserhalb des Bohrloches werde gefeiert.
Der kleine Blechunterstand beherbergt nicht nur die Statue, sondern auch deren «Zuhause», einen Stein mit einer Nische. Dort hinein stellt sie der Besitzer respektvoll und schmückt das Kästchen mit einem sattgelben Blumenstrauss. «Der Sage nach hat sich Barbara in einer zuvor wundersam aufgegangenen Felsspalte vor ihrem Vater versteckt», erzählt Manfred Dermond. «Leider wurde sie aber entdeckt und musste Höllenqualen leiden». Und dann wird der Blick des gestandenen Bergmannes ein bisschen traurig, denn am Ende der Erzählung, so Dermond, findet Barbara einen grausamen Tod.
Während die Tunnelbohrmaschine aus dem Schrägschacht erste Gesteinstrümmer ans Tageslicht befördert, ist auf dem Festgelände längst Aperitif-Stimmung eingekehrt. Pater Beda unterhält sich bei einem Glas mit den Bergleuten, während Manfred Dermond in seiner Funktion als Polier zum Rechten schaut und seine Kollegen einweist.
 
Der Tisch, auf dem vorher Barbara, Weihwassertopf und Blumenstrauss standen, ist mittlerweile vom Wind leergeräumt worden. Während die Schutzheilige längst Quartier bezogen hat, wartet der Silberpott fürs nächste heilige Wasser geduldig auf sein Herrchen – ganz profan auf dem Kiesboden neben der Aktenmappe des Kirchenmannes unter einem Stehtischchen.